Ausgezeichnetes Gesellenstück:Tracht nach Maß

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Landessiegerin: Lisa-Maria Huppenberger

Mit dem zweireihigen Trachtensakko, ihrem Gesellenstück, hat Lisa-Maria Huppenberger beim Landeswettbewerb der Maßschneider reüssiert.

(Foto: Manfred Neubauer)

Lisa-Maria Huppenberger aus Bichl ist Landessiegerin der Maßschneider. Sie ist überzeugt: Ihr Handwerk werde in Zukunft zwar selten sein, aber niemals ganz verschwinden

Von Veronika Ellecosta, Bichl

Im altrosafarbenen Dirndl steht Lisa-Maria Huppenberger in der Stubenecke der Lenggrieser Tracht- und Lodenstubn vor historischen Fotografien von Schützenvereinen und einem ausgestopften Hermelin. Sie streicht über die Ärmel einer blauschwarzen Trachtenjoppe, die sie einer Schneiderbüste angezogen hat. Diese Jacke ist ihr Gesellenstück. Damit hat sie kürzlich den Landeswettbewerb der Handwerkskammer in der Kategorie Maßschneider, Schwerpunkt Herrentracht, für sich entschieden.

Auf Nachfrage fachsimpelt die 21-Jährige gerne, wo die Besonderheiten dieser Joppe liegen: Es handelt sich um ein zweireihiges Trachtensakko in historischer Form, sie ist kürzer und tailliert mit Reverskragen. Feine Wiener Nähte laufen hinten am Rücken zum Armloch. Der Stoff nennt sich Lauseköper, was mit dem Fadenlauf zu tun hat. Und vergessen werden sollte nicht das Innenfutter im Paisleymuster, sagt Lisa-Maria Huppenberger und lacht.

Mit ihrem Trachtensakko durchlief die junge Frau aus Bichl drei Runden an Wettbewerben, bis sie sich den Gesamtsieg holte: zuerst in der Innung München, dann auf Kammerebene im Bezirk Oberbayern, und schließlich auf gesamtbayerischer Ebene Ende Oktober in Augsburg, wie sie erzählt. Besonders ins Auge gefallen sei der Jury aus Experten und Obermeisterinnen aus dem Schneidermetier die französische Lilie am Rückenschlitz, eine besondere Ziertechnik. Und die fein genähten Knopflöcher. Ein Jurymitglied habe ihr gesagt: "Sie brauchen keine Angst zu haben, Sie haben eine schöne Joppe genäht", erzählte die Bichlerin.

Ihre Lehre absolvierte Lisa-Maria Huppenberger bei Elisabeth Ertl in der Lenggrieser Tracht- und Lodenstubn, wo sie zuvor schon ein Praktikum gemacht hatte und dann von der Schneidermeisterin übernommen wurde. Dass sie bei der Herrentracht landete, war eine recht spontane Entscheidung, sagt sie. Aber sie mag die Stoffe und die Verarbeitung, die sie für komplizierter und anspruchsvoller hält als jene für die Frauentracht.

Wenn man noch einen Schritt zurück geht, ist die Geschichte der Schneidergesellin Lisa-Maria Huppenberger von Anfang an eine Geschichte des Zufalls, wie sie sich erinnert: "Die Oma hat viel genäht. Nachdem sie verstorben ist, habe ich ein zwei Jahre später ihre Nähmaschine gefunden und mit ihren alten Stoffresten angefangen zu nähen." Mittlerweile liebt sie die Details, die feine Handarbeit mehr als die Arbeit an der Nähmaschine: Am liebsten handpikiert sie Einlagestoffe und näht Knopflöcher. Kein Zufall also, dass ihr in der Laudatio beim Landeswettbewerb dafür das meiste Lob zuteil wurde.

In Lenggries gibt es für Lisa-Maria Huppenberger viel zu tun: So näht sie Herrentrachten für die Schützen- und Trachtenvereine und die Musikkapelle im Ort, aber auch für Privatkunden - meist Bräutigame einer Trachtenhochzeit. Die Schnitte in der Lenggrieser Schneiderei werden oft über Generationen von Schneiderinnen weitergegeben, weiß Schneidermeisterin Ertl zu erzählen: Der Grundschnitt der Lenggrieser Tracht etwa stammt noch aus der Barockzeit und wird seither durchgehend im gleichen Grundschnitt bis in die heutige Zeit getragen. Auch die famosen Knopflöcher des Lenggrieser Schützenfracks werden seit 1820 in der gleichen Form genäht und getragen. Wer Trachten schneidert, trägt also dazu bei, Traditionen am Leben zu halten.

Außerdem ermöglicht die Handarbeit, dass die Trachten maßgefertigt und individuell an die Wünsche und Vorstellungen der Kunden angepasst werden können. Aus diesem Grund glaubt Lisa-Maria Huppenberger auch, dass ihr Handwerk den industriell gefertigten Trachten die Stirn bieten kann: Auch wenn die Nachfrage sinke, werde es immer Menschen geben, die bereit seien, für Maßanfertigungen mehr Geld auszugeben. Und die Qualitätsarbeit zu schätzen wüssten. Außerdem: "Man weiß nicht, was kommt. Einen Schneider braucht man immer", sagt sie und lacht wieder.

So hat Huppenberger sich auch dazu entschieden, ihr Talent noch weiter auszubauen. Irgendwann, in ferner Zukunft, würde sie gerne ihren Meister machen. Zuvor plant sie aber, erst einmal bei Ertl in der Trachten- und Lodenstubn zu bleiben und in einigen Jahren die bekannte Schnittschule in Düsseldorf zu besuchen und zu lernen, wie man Schnitte erstellt. "Ausgelernt hat man schnell", meint die Gesellin. Aber auf die Erfahrung und Übung komme es am Ende an.

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