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Aus Schäftlarn in die Welt:Die Mode-Schatztaucherin

Designer, Museen, Inspirationssuchende und Fashionbegeisterte aus aller Welt kaufen Vintage-Mode aus Schäftlarn: Elisabeth Gerhold stöbert alte und vor allem zeitlose Kleidung für ihr Geschäft auf.

Von Marie Heßlinger

Im Schäftlarner Ortsteil Zell finden sich, unter der Garage eines herrschaftlichen Hauses und in der Obhut einer hochgewachsenen Frau, um die 300 Schätze: Elisabeth Gerhold verkauft Kleidung aus dem vergangenen Jahrhundert. 95 Prozent der Stoffe und Accessoires verschickt sie in die USA. Dabei könnten sich auch Deutsche für Vintage begeistern.

"'Vintage' kommt ursprünglich aus dem Französischen, aus der Weinlese", sagt Gerhold, "das ist der Begriff für besonders Erlesenes." Im Unterschied zu 'Second Hand'-Mode sind Vintage-Kleider 20 bis 100 Jahre alt. Sie spiegeln Stil und Zeitgeist einer Dekade wieder und sind oft hochwertig und von Hand vernäht. Viele Kleidungsstücke wurden von renommierten Modehäusern maßgeschneidert, sie sind: Haute Couture.

Rund 4000 Haute-Couture-Käufer gibt es derzeit weltweit, vermutet Gerhold. Wer sich in der heutigen Zeit ein Designer-Kleid maßanfertigen lasse, zahle dafür 35 000 bis 80 000 Euro. Die rund 50-Jährige hält ein Kostüm von Chanel hoch, das sie in ihrem Vintage-Onlineshop "Oh! Jackie" für, im Vergleich dazu, erschwingliche 3888 Euro verkauft. "Und wenn Sie das dann sehen: ein absolutes Einzelstück aus der Winterkollektion von 1971, in einem absolut perfekten Zustand", sagt sie und strahlt.

"Bouclet, was das für eine Qualität ist - super weich", befühlt Gerhold den blauen Stoff. Sie klappt das Jackett auf: "Das Futter ist aus Seide, komplett." Und zeigt auf eine goldene Kette im Saum: Die sei bei jedem Chanel-Stück eingenäht, damit es weicher fällt. Auf dem Zettelchen im Kragen des Kostüms steht die Nummer 42 883. Alle Haute-Couture-Kleider, die jemals verkauft wurden, stünden in den Büchern des Chanel-Archivs, sagt Gerhold anerkennend. "Die haben eine lückenlose Dokumentation."

Unter dem Rock des Kostüms taucht Gerholds Bein auf. Sie trägt hellblaue High Heels, die Haare sind streng im Nacken gebunden, ihre aufrechte Haltung erinnert an die einer Tänzerin. Um den Hals trägt sie ein Tuch in Schwarz und Hellblau. "Ich bin eine Verfechterin des Kombinierens", sagt sie, "wie heute: eine Jeans, eine weiße Bluse, ein Emilio Pucci-Tuch aus den Siebzigern."

Gerhold zieht sich an jedem Morgen schön an, auch wenn sie weiß, dass sie nicht vor die Türe gehen wird. Von Vintage ist sie begeistert, denn: "Es ist nachhaltig, es ist schon da, es wird wiederverwertet, es ist aktuell und zeitgemäß, es ist hochwertig und schick." Sie hoffe, sagt Gerhold, dass die Menschen sich statt für "Fast Fashion", schnelle Mode, bald wieder mehr für "Slow Fashion", langsame Mode, interessieren würden. "Lieber etwas weniger kaufen und dafür höhere Qualität", ist ihre Devise. Preislich, sagt sie, lege sie Wert darauf, in ihrem Sortiment "eine ganze Range abzubilden." Nicht nur Reiche kauften bei ihr ein.

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Elisabeth Gerhold gibt zu: "Ich habe eine Schwäche für alte Marken."

(Foto: Hartmut Pöstges)

Da ist zum Beispiel die junge Braut aus Kanada, die für ihre Hochzeit ein Kleid bei Gerhold kaufte. Sie habe es in zwei Raten bezahlt, sagt Gerhold, die Vintage-Händlerin sei ihr beim Preis entgegengekommen. Zu Gerholds Kunden zählen Hütesammler und Modebegeisterte, Designer, die Inspiration suchen, Kostümbildner, die Ausstattung für einen Film brauchen, Museen wie das Metropolitan in New York genauso wie Privatleute. Und dann gibt es noch die Stars.

Einmal habe Kim Kardashians Stylistin einen langen Rock von Escada aus den Achtzigern zur Anprobe bestellt. "Schwarzer Samt mit hohem Schlitz und knallrotem Futter", erinnert Gerhold sich. Kardashian trug den Rock dann zum Dinner am Valentinstag. Er war "in allen Zeitungen", sagt Gerhold und lacht. Retour gingen ihre Pakete fast nie. "Ich führe das darauf zurück, dass ich viel Wert lege auf gute, viele Fotos und sehr detaillierte Beschreibungen." Ihre Kunden würden sich außerdem meist mit Vintage auskennen, sie wüssten, dass eine Größe 38 aus den Siebzigern heute eine 34 sei.

Egal, wer Gerholds Kunden sind -"das, was sie alle eint, ist, dass sie auf der Suche nach etwas Einzigartigem sind". Sie hätten das Bedürfnis, sich abzusetzen. Vintage-Kleider, diese Erfahrung hat Gerhold selbst schon unzählige Male gemacht, seien gute Konversations-Starter: Geht Gerhold abends aus, trägt sie Vintage. Den Kleidern sieht man ihr Alter meist nicht an. Und doch wird Gerhold jedes Mal darauf angesprochen. "Die Leute sehen sofort, auch wenn sie nicht in dem Thema drin sind: Das ist etwas Besonderes. Das ist einzigartig."

Ausgefallen sind etwa die Kleider von Roberta di Camerino. Gerhold zieht ein langes Jerseykleid von ihr hervor. Es sieht aus, als bestünde es aus einem Rock mit Bluse und Weste, aber die sind nur aufgemalt. "Selbst die Falten hat sie drauf gedruckt, und die Taschen", schwärmt Gerhold. "Ich habe eine Schwäche für alte Marken." Roberta di Camerino sei selbst Markenkennern eher unbekannt. Die Venezianerin erfand, neben Handtaschen aus Gondelmaterial, das "ganz unkomplizierte Reisekleid, das nicht knittert, nicht viel Platz wegnimmt du dabei ganz besonders ist", sagt Gerhold, und fügt hinzu: "Ideal für die Bedürfnisse der modernen Frau dieser Zeit."

Wenn Gerhold solche Kleider zum Kauf entdeckt, fühlt sie sich "wie ein Trüffelschwein, das irgendwo einen Trüffel wittert und dann auftreibt", sagt sie und lacht. Ihre Kleiderquellen sind stets unterschiedlich. Mal werde sie über ihre Homepage angeschrieben, mal erfahre sie von einer Freundin, dass deren Mutter "den Kleiderschrank erleichtern" wolle. Oder sie verschwinde auf einer Reise stundenlang in einem Second-Hand-Laden und picke aus hunderten Kleidern eines heraus. Auch auf dem Flohmarkt könne man mal Glück haben: "Man muss halt einfach ein Auge haben, und ein Gespür dafür." Hat sie einen Stoff ergattert, sucht Gerhold stundenlang im Internet nach seiner Geschichte. Manche Kleider sind noch auf Videos von Modenschauen zu sehen, oder wurden von berühmten Persönlichkeiten getragen. "Ich komme in mein Studio und vergesse die Zeit", sagt Gerhold. Ihre Leidenschaft sei ihr Beruf. Das war nicht immer so.

Gerhold studierte Jura und im Anschluss Medienkommunikation, dann arbeitete sie in der Werbebranche. Als ihre beiden Kinder zur Welt kamen, pausierte sie. Mode indes begleitete sie ihr ganzes Leben lang. Ihr Vater sammelte Antiquitäten, ihre Mutter, eine Unternehmerin, ging gerne in Boutiquen. "Jedes zweite Wochenende waren mein Bruder und ich mit unseren Eltern auf irgendwelchen Antiquitätenmärkten." Als Studentin träumte Gerhold davon, eines Tages einen kleinen Antiquitätenladen zu eröffnen. Als ihre eigenen Kinder älter wurden, wollte sie wieder arbeiten. "Ich habe mir ein Jahr lang den Kopf zermartert, was ich machen könnte", erinnert sie sich. "Irgendwann fiel es mir wie Schuppen von den Augen." Gerhold strahlt. "Es ist genau mein Ding", sagt sie über ihren Vintage-Shop, den sie 2013 gründete. "Jeder Aspekt, der damit verbunden ist, macht mir Freude." Das Recherchieren, das Fotografieren, Instagram. Nur dass sie für den weltweiten Online-Handel rund um die Uhr erreichbar sein müsse, sei zuweilen anstrengend. "Je schneller ich reagiere, umso höher die Kaufwahrscheinlichkeit."

Nicht alle Kunden jedoch sitzen am anderen Ende der Welt. Manche kommen bei Gerhold persönlich vorbei und lassen sich von ihr beraten. "Das ist immer ein Spaß", sagt Gerhold und lacht. Wenn sie ein Vintage-Stück verkauft, sei es eine Brille, ein Tuch, ein Feuerzeug oder Kleid, freut sie sich besonders, wenn sie das Gefühl hat, es wurde vom richtigen Kunden gefunden. "Das ist eine unglaubliche Freude, wenn ich sehe, dass die Dinge passen", sagt Gerhold. "Ich baue zu diesen Stücken so eine richtige Beziehung auf." Denn was für Schätze im Verborgenen liegen und sie entdecken wird, weiß sie vorher nie. "Ich suche nicht - ich finde", erklärt Gerhold.

© SZ vom 12.05.2020
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