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Aus dem Amtsgericht Wolfratshausen:Mit Steinen auf die Security

Eine Asylbewerberin wird verurteilt, weil sie ihrem Mann helfen will

Von Benjamin Engel, Wolfratshausen

Sicher ist, dass die angeklagte Asylbewerberin und ihr Mann die Auseinandersetzung mit den Sicherheitsleuten ausgelöst haben. Weitgehend uneins sind sich die Streitparteien, was im Innenhof einer Gemeinschaftsunterkunft im Landkreis am 28. Februar 2020 anschließend passiert ist. Die Vorwürfe, dass die 27-jährige Angeklagte mit Steinen nach den Sicherheitsmitarbeitern geworfen und einen von ihnen gebissen und gekratzt haben soll, stimmen nach ihrer ersten Darstellung nicht. "Was im Strafbefehl steht, ist alles gelogen", sagt die junge Frau fast 15 Monate später im Sitzungssaal 1 des Wolfratshauser Amtsgerichts.

Dabei bleibt sie nicht, beschränkt später ihren Einspruch gegen den Strafbefehl auf die Rechtsfolgen. Das Urteil wegen gefährlicher und vorsätzlicher Körperverletzung fällt daher milder aus. Nur noch 90 statt 120 Tagessätze zu zehn Euro muss die Angeklagte zahlen. Mit ihrem Verhalten erspart sie ihrem Mann auszusagen.

Begonnen hatte alles damit, dass die Angeklagte und ihr Ehemann mit dem Auto in den Innenhof der Unterkunft fuhren, um Einkäufe auszuladen. Das ist prinzipiell außer für Verwaltungsmitarbeiter verboten, wurde aber ausnahmsweise bei Bewohnern teils geduldet. Doch die Aufforderung der Sicherheitskräfte gegen 20.15 Uhr, sich wegen einer Besprechung zehn Minuten zu gedulden, ignorierte das Paar wohl. Darauf folgte eine erste hitzige Diskussion mit dem Sicherheitsteam, worauf der Ehemann das Auto vom Hof fuhr.

Die weiteren Schilderungen des Geschehens weichen stark voneinander ab. Aus Sicht der Angeklagten hatte ihr Mann sich anschließend beschwert, weil ihn das Sicherheitsteam angeschrien hätten. Darauf habe einer der Mitarbeiter den Ehemann am Kragen gepackt, ein anderer sei hinzugekommen und die drei hätten sich gegenseitig geschlagen. "Ich hatte Angst, versuchte die Parteien voneinander zu trennen", sagte sie. Währenddessen sei sie wegdrückt worden und zu Boden gefallen.

Zuerst aggressiv geworden war nach Aussage der beiden Sicherheitsmitarbeiter und ihres Chefs aber der Ehemann der Angeklagten. Demnach drang dieser mit den Worten "Ich schlage dich jetzt" in deren Büro ein und zerrte einen Mitarbeiter nach draußen. Dort wurde der Ehemann am Boden fixiert. Die Angeklagte soll eine Handvoll vier mal zwei Zentimeter großer Steine vom geschotterten Hof aufgehoben und auf die Sicherheitsmitarbeiter geschmissen, gekratzt und zugebissen haben. Größere Verletzungen gab es nicht. "Keiner meiner Mitarbeiter hat den Ehemann am Kragen gepackt", sagte ihr Chef. Als wenig später die Polizei eintraf, hatten alle voneinander abgelassen. Die Situation war beruhigt.

Auf die Anregung des Strafrichters, die Zielrichtung des Einspruchs gegen den Strafbefehl zu überdenken, ehe der Ehemann womöglich noch weiter Abweichendes aussage, ließ sich die Angeklagte ein. Der Richter blieb unter den von der Staatsanwältin geforderten 130 Tagessätzen. Beide gingen von einem minderschweren Fall aus. Der Verteidiger mahnte zu beachten, dass seine Mandantin die Sicherheitsmitarbeiter und ihren Mann nur auseinanderbringen wollte. "Sie hat versucht, Schaden von ihrem Mann abzuwenden und ist über das Ziel hinausgeschossen."

© SZ vom 18.05.2021
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