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Auftritt in Wolfratshausen:"Die Amerikaner wussten, dass Altnazis involviert waren"

Wolfgang Krieger ist Professor in Marburg.

(Foto: Hartmut Pöstges)

Wolfgang Krieger erforscht die Geschichte des BND. In Wolfratshausen hat er über "die Schlapphüte aus Pullach" gesprochen

Wolfgang Krieger ist Professor für Neuere Geschichte an der Philipps-Universität Marburg und seit 2011 Mitglied der Unabhängigen Historikerkommission (UHK), welche die Geschichte des Bundesnachrichtendienstes (BND) bis 1968 erforscht. Auf Einladung des Historischen Vereins Wolfratshausen hat Krieger vergangenen Donnerstag unter dem Titel "Die Schlapphüte aus Pullach" einen Vortrag im Pfarrsaal der evangelischen Gemeinde Wolfratshause gehalten. Die SZ sprach anschließend mit ihm.

SZ: Herr Professor Krieger, war Reinhard Gehlen, der spätere BND-Chef, ein Nazi?

Gehlen nicht, als ehemaliger Wehrmachtsoffizier durfte er nicht der SS angehören, hatte auch kein Parteibuch. Er hat sich allerdings auch nie kritisch mit seiner Rolle im Dritten Reich auseinandergesetzt.

In der "Organisation Gehlen", dem Vorgänger des BND, waren ehemalige Wehrmachts- und SS-Offiziere tätig. Warum fand dort keine Entnazifizierung statt, wo doch der amerikanische Militärgeheimdienst und später die CIA am Aufbau der "Org" beteiligt war?

Die Amerikaner haben gewusst, dass Altnazis involviert waren, und haben das auch entsprechend recherchiert. Es kamen durchaus Bedenken auf, allerdings nicht moralischer Art, sondern eher was passiert, wenn das an die Öffentlichkeit kommt. Letztlich hat man es in Kauf genommen - aus zwei Gründen. Erstens nahm man an, dass das Fachleute der Spionage und Gegenspionage sind, die man zum Aufbau eines Nachkriegsgeheimdienstes braucht. Übrigens ein Argument, das später durch unsere Forschungen entkräftet wurde. Zweitens sahen die Amerikaner im Engagement ehemaliger NS-Chargen die Möglichkeit, in das Biotop der Altnazis einzudringen und an Informationen zu gelangen, die sie ohne diese Personen nicht erhalten hätten.

Reinhard Gehlen leitete den BND bis 1968 und schottete ihn gegenüber der Öffentlichkeit weitestgehend ab. Sein Nachfolger Gerhard Wessel betrieb eine ganz andere Politik.

Gehlen hat bis 1979 gelebt und nach seinem Weggang vom BND einiges publiziert. Er fürchtete, dass man sein Erbe kaputtmachen würde. Gerhard Wessel war anfänglich bei der Organisation Gehlen, hat dann aber bei der Bundeswehr Karriere gemacht, war zuletzt General. Er war daher auch mehr bundesrepublikanisch sozialisiert als Gehlen und hat den BND zudem in der Ära der sozialliberalen Koalition geleitet. Die SPD hatte den BND im Verdacht, eine CDU/CSU-Fabrik zu sein - die einhellige Meinung war, dass es so nicht weitergehen dürfe. Wessel hat dem zugestimmt, beim BND wurden Abteilungsleiter und ein Vizepräsident aus der SPD installiert. Dass das Gehlen nicht geschmeckt hat, versteht sich von selbst. Gerhard Wessel hat den BND erst zu einer bundesdeutschen Behörde geformt.

Wie kamen Sie selbst dazu, die Geschichte des BND zu erforschen?

Ich war schlichtweg der Erste, der angerufen wurde. Es war bekannt, dass ich mich wie kein anderer Historiker in Deutschland mit der Geschichte der Geheimdienste befasst habe. Im Herbst 2010 rief mich der damalige BND-Präsident privat an und lud mich schließlich nach Berlin ein, wo ich der gesamten BND-Führungsetage gegenübersaß.

Stehen und standen Ihnen zu Forschungszwecken sämtliche Archive offen oder hält der BND Material zurück?

Zunächst stand die Frage im Raum: Wie geht man an die Sache heran? Im Februar 2011 wurde schließlich ein Vertrag geschlossen. Die UHK und deren Mitarbeiter bekamen den kompletten Zugang zu allen BND-Unterlagen im Forschungszeitraum bis 1968. Allerdings mussten und müssen alle fertigen Manuskripte im Rahmen eines Freigabeverfahrens dem BND vorgelegt werden.

Wie funktioniert das Freigabeverfahren?

Zunächst werden unsere Forschungsergebnisse hinsichtlich allgemeiner rechtlicher Gesichtspunkte wie dem Schutz der Persönlichkeit abgeklopft. Sind Personen erheblich NS-belastet, dürfen diese allerdings benannt werden. Das öffentliche Interesse hat hier Vorrang. Die höheren Ränge des BND sind zudem Personen der Zeitgeschichte. Dann werden unsere Publikationen hinsichtlich des Quellenschutzes und des Schutzes nachrichtendienstlicher Tätigkeiten untersucht. Was die Zusammenarbeit mit ausländischen Geheimdiensten angeht, müssen wir uns ebenfalls zurückhalten.

Wie viel Material haben Sie bereits veröffentlicht?

Wir haben bereits elf Bände mit unseren Forschungsergebnissen veröffentlicht, vier stehen noch aus, zwei davon unter meiner Verantwortung. Auf deren Freigabe warten wir bereits seit zweieinhalb Jahren.