Auftritt in der Loisachhalle Furioser Abschied

Zum letzten Mal steht Christoph Adt als Dirigent vor dem Philharmonischen Orchester Isartal und demonstriert noch einmal, welch perfekte Symbiose er mit dem Klangkörper bildet

Von Paul Schäufele, Wolfratshausen

Er wird es nicht leicht haben, der Neue. Das Philharmonische Orchester Isartal, das Christoph Adt die vergangenen 17 Jahre über leitete, hat die Kultur der Region in dieser Zeit bereichert. Daran gilt es anzuknüpfen. In einem fulminanten Konzert in der Wolfratshauser Loisachhalle führte Adt, der bereits sein neues Amt als Präsident der Nürnberger Musikhochschule angetreten hat, ein letztes Mal vor, auf welchem Niveau das Isartalorchester musiziert.

Giuseppe Verdis Ouvertüre zu "Nabucco" markiert einen biografischen Einschnitt. Nach der katastrophalen Premiere seiner Opera buffa "Un giorno di regno" fiel der Komponist in eine Schaffenskrise, aus der er sich mit dem alttestamentlichen Stoff befreien konnte. Einiges von diesen biografischen Unruhen findet sich in der Ouvertüre: Sie ist ein Potpourri der beliebtesten Melodien des Werks, mit jähen Stimmungswechseln, Temposchwankungen und dynamischen Extremen. In einer Reihe finden sich der Hochmut des babylonischen Königs, sein Wahnsinn, der sehnsüchtige Gefangenenchor der hebräischen Sklaven ("Va, pensiero . . .") und die Erlösung durch die Bekehrung zum Gott Israels. Dass diese Kette funkelnder Opernperlen nicht in ihre Einzelteile zerfällt, ist dem Dirigat Adts zu verdanken: keine Bewegung zu viel, jeder Schlag geplant, jede Geste sprechend - Struktur durch Reduktion. Aber bei der gemeinsamen Spielerfahrung, bei der Vielzahl an zusammen erarbeiteten Konzerten verwundert das auch nicht. Hier kann sich der Dirigent zurücknehmen und geschehen lassen. Dadurch gewinnt das Stück an Geschlossenheit.

Als Gast trat die rumänische Pianistin Dana Borşanmit dem Ensemble auf.

(Foto: Hartmut Pöstges)

Nach diesem musikalischen Drama en miniature kann das Orchester mit Chopins zweitem Klavierkonzert zeigen, dass es auch diese häufig unterschätzte Disziplin beherrscht: unterstützendes Begleiten. Nicht alle Ensembles schaffen die Synthese aus konsequenter Durchgestaltung des Orchesterparts und Zurücktreten hinter den Solisten. In Chopins Klavierkonzerten fällt das besonders ins Auge. Hier zeigt sich die Weiterentwicklung der Gattung, die ursprünglich als Wettstreit zwischen Solo und Tutti angefangen hatte. Bei Chopin ist das Orchester Grundierung für die Selbstdarstellung des Pianisten. Dass das keineswegs mit eitlem Virtuosentum zusammenfällt, beweist Dana Borşan. Die rumänische Pianistin, Professorin an der Bukarester Musikhochschule, tendiert nicht zu Extremen. Nach der fein gearbeiteten Einleitung - besonders der vierstimmige Holzbläsersatz in As-Dur bleibt, klangschön und perfekt ausbalanciert, im Ohr - folgt eine virtuose Klangkaskade quer über die Tastatur. Im Normalfall wird sie auch so gespielt, eine einzige große Geste, Auftritt des Genies. Borşan nimmt jede Note unter die Lupe, setzt sie in Beziehung zueinander. Sie interessiert, was zwischen den Tönen passiert. Die zahlreichen Verzierungen, chromatischen Spielfiguren und Läufe sind daher keine reinen Schmeicheleien fürs Ohr, sondern werden, mit Spannung aufgeladen, zur Hauptsache: Mittel zum Ausdruck. Der langsame Satz wird zum abgründigen Klagegesang auf einen Atemzug, das Orchester trägt die Atmosphäre dazu bei.

Der dramatische Mittelteil, in dem zu unruhig tremolierenden Streicherakkorden das Klavier Protest artikuliert, macht deutlich, dass Borşan und Adt nicht zum ersten Mal gemeinsam musizieren. Auf das frei rezitierende Spiel der Pianistin reagiert Adt souverän. Mit hinreißendem Schwung und Temperament schließt das Konzert. Erinnerungen an die Tänze der polnischen Heimat hat Chopin zu Musik gemacht, durchaus humorvoll, etwa wenn die Streicher col legno, mit dem Holz des Bogens, die Saiten schlagen und das Klavier dazu eine Mazurka figuriert. Adt und Borşan setzen sie mit diskretem Charme in Szene.

Christoph Adt war 17 Jahre lang Dirigent des Philharmonischen Orchesters Isartal. Als Präsident der Nürnberger Musikhochschule gibt er dieses Amt nun ab. Bei seinem Abschiedskonzert in der Loisachhalle wird er vom Publikum gefeiert.

(Foto: Hartmut Pöstges)

Mit Tschaikowskys Symphonie Nr. 1 "geht eine Ära zu Ende", sagt Hans Horsmann, Vorsitzender des Konzertvereins und ruft die vielen Konzerte in Erinnerung, die das Orchester unter nicht immer einfachen Bedingungen erarbeitet habe. Ein letztes Mal kann der Mann, der, so erinnert sich Orchestervorsitzende Ilse Wagner, nach dem schwäbischen Grundsatz "Nicht geschimpft ist genug gelobt" das Beste aus den Hobbymusikern herausgeholt hat, sein Orchester zum Medium einer musikalischen Erzählung machen. Mit den "Winterträumen", so der Beiname der Symphonie, hat er sich eine dankbare Vorlage ausgesucht. Mit dem Einsatz der zitternden Streicherakkorde sinkt gefühlt die Temperatur im Konzertsaal. Die Kombination aus Tschaikowskys folkloristisch gefärbtem Thema und Adts Gestaltungswillen lassen Bilder verschneiter Landschaften vor dem inneren Auge entstehen.

Im folgenden langsamen Satz besteht die Gefahr, im Wohlklang zu ersticken, dem Drang nachzukommen, die russischen Kantilenen ungestört zu verkitschen. Adt widersteht dem und präsentiert das "Nebelland" (so die Überschrift des Satzes) in fließendem Tempo. Bei dem strukturalistisch simplen, konkret rhythmisierenden Dirigat Adts wirkt das Scherzo wie ein eingefrorenes Menuett, unterbrochen nur durch das wärmere Dur-Trio. Vielleicht hat Adt sich Tschaikowskys Erste ganz bewusst für seinen Abschied ausgesucht. Nach drei Sätzen, in denen Melancholie überwiegen, bietet das Finale einen grandiosen Durchschlag ins Positive, den er effektvoll inszeniert.

Er wird es leicht haben, der Neue. Christoph Adt hinterlässt ihm motivierte, interpretationsfreudige Musiker, einen organisch zusammengewachsenen Klangkörper - und ein begeisterungsfähiges Publikum, das den scheidenden Dirigenten mit viel Applaus verabschiedete.