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Auftakt im "Literarischen Wirtshaus":Tucholsky zum Wachwerden

Literarisches Wirtshaus

Die Wells halten zusammen: Weil Geiger Matthias bei Stefan Merkis (l.) Lesung gesundheitlich angeschlagen ist, springt Maria ein.

(Foto: Hartmut Pöstges)

Kammerspiele-Ensemblemitglied Stefan Merki liest in Michael Wells neuer Reihe "Literarisches Wirtshaus" beim Lacherdinger

Von Susanne Hauck, Dietramszell

Nach einer Stunde machen sich die ersten Ermüdungserscheinungen bemerkbar: Einigen Zuhörern fallen die Augen zu. Doch ist das nicht Tucholskys gut abgehangenem "Schloss Gripsholm" zuzuschreiben, und überhaupt nicht den Lesekünsten des Schauspielers Stefan Merkis oder dem Musizieren von Matthias Well. Nein, das Konzept von Michael Wells neuer Reihe "Literarisches Wirtshaus" ist gar zu gut aufgegangen. Dicht an dicht sitzen die Gäste am Montagabend im Gasthof Lacherdinger in Ascholding. Sie haben gut gegessen und ein Glas Rotwein getrunken, da ist es verständlich, dass der eine oder andere schläfrig wird, vor allem, wenn der Saal auch noch so gut geheizt ist. Die offenen Fenster in der Pause bringen frischen Sauerstoff.

Der Montag ist bekanntlich der Abend in der Woche, an dem die Leute am wenigsten ausgehen. Ausgerechnet ihn für ein neues Kulturabo etablieren zu wollen, wäre für die meisten Veranstalter ein großes Problem. Nicht aber für Michael Well. Als früheres Mitglied der Biermösl Blosn, der gleich ums Eck vom Lacherdinger wohnt und eine kleine Veranstaltungsagentur mit den verschiedenen Familien-Formationen betreibt, verfügt Well über beste Kontakte. Und so bekommt er Künstler, die nicht zu jedem kommen, wie Gerhard Polt und Hanns Christian Müller, die im Januar und Februar auftreten werden. Die 75 Plätze im Lacherdinger sind ausverkauft, und es heißt, Well hätte die Abos zwei Mal verkaufen können, so groß war die Nachfrage. So steht schon jetzt fest, dass es für das "Literarische Wirtshaus" eine zweite Saison geben wird.

Stefan Merki kennt man als hochkarätigen Schauspieler, als Ensemblemitglied der Münchner Kammerspiele ist und Darsteller im Franken-Tatort. "Schloss Gripsholm" ist eine autobiografisch gefärbte Erzählung von Kurt Tucholsky aus dem Jahr 1931. Es geht um einen Ich-Erzähler, der mit seiner "Prinzessin" genannten Freundin den Sommer in Schweden verbringt. Auf Schloss Gripsholm, einem alten Königsbau, den es übrigens auch in Wirklichkeit gibt. Eine Liebesgeschichte ist es. Helle Nächte, idyllischer See, ein junges Paar. Ob der Tucholsky-Text als stille Lektüre so vergnüglich wäre wie in Merkis Vortrag, darf bezweifelt werden. Es ist ein Genuss, dieser warmen Stimme zuzuhören, mit der er die Figuren so lebendig wie in einem Film werden lässt.

Merki, der mit dieser Lesung schon im Münchner "Fraunhofer" aufgetreten ist, hat die Vorlage klug gewählt. Denn so kann er als Schauspieler alle Register ziehen. Er trifft die mal ironische, mal melancholische Grundstimmung des Erzählers ebenso gut wie er sich zur hohen Tonlage der aus Rostock stammenden "Prinzessin" hinaufschrauben kann, die mit so s-pitzer S-timme s-pricht, wie einst Mutter Kempowski in "Tadellöser & Wolff". Herrlich auch, wie Merki den schwedischen Akzent der Zimmerwirtin imitiert und so richtig laut wird bei den Wuttiraden der fiesen Kinderheim-Leiterin, die ein kleines Mädchen tyrannisiert. Nur seine Schweizer Herkunft, die hört man dem Schauspieler nicht an.

Matthias Well stammt aus der jüngsten Generation der Well-Familie mit ihren genialen Musiker-Genen. Er begleitet die Geschichte mit der Geige. Weil er an diesem Abend gesundheitlich angeschlagen ist, gibt es dazu etwas Schützenhilfe von Schwester Maria am Cello. Das gelingt trefflich. Wird im Roman etwa die Schönheit der skandinavischen Landschaft beschrieben, stimmt Well fröhliche Töne an, bei denen sich die Zuhörer erst fragend anschauen, um dann zu erkennen: Trallari, trallahey, tralla hoppsassa - das ist die Titelmelodie von "Pippi Langstrumpf", nur genial verfremdet. Die Geige geht auf die Stimmungslage der Szenen ein, schluchzt wehmütig auf, wenn es ums Abschiednehmen geht, oder balzt schmalzig, wenn der Erzähler sich erotisch angezogen fühlt von der animalisch schönen Freundin Billy mit ihren langen Beinen, die ein paar Tage zu Besuch kommt und mit der es einen reizvollen Liebesabend zu dritt gibt. Spätestens bei dieser Szene sind alle wieder wach, die von Kurt Tucholsky so elegant formuliert und von Merki mit wunderbarer Leichtigkeit gelesen wird.

© SZ vom 07.11.2018

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