Auf der Kunstmeile Wolfratshausen:Valentineske Lichtgestalten

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Der No-Designer" Günter Klügl inszeniert die berühmte "Orchesterprobe" als leuchtendes statt als tönendes Ereignis

Von Wolfgang Schäl, Wolfratshausen

Es ist etwas verwirrend, was Günter Klügl anlässlich der Wolfratshauser Kunstmeile in seinem scheunenartigen Refugium an der Bachstraße in Szene gesetzt hat: abstrakte Bildprojektionen in verschnörkelten, goldenen Barock-Rahmen sieht man da, ein von innen beleuchtetes Kristallgefäß, verschiedenfarbige Wandflächen, dazu eine mit schwarzem Veloursstoff verhängte, altarartige Konsole, über der ein überdimensionaler Fernseher im Stil der Sechzigerjahr installiert ist. Nicht zu übersehen: ein schauerlicher alter OP-Tisch. Das alles ist überwuchert von tief herabhängenden, lianenartigen Weinranken.

Günter Klügl macht aus allem Licht - nicht nur aus alten Fahrradlampen, sondern auch aus der "Orchesterprobe" von Liesl Karlstadt und Karl Valentin. Die Radlampen sind dann das "Emsemble Octavio". (Foto: Harry Wolfsbauer)

Dominiert wird dieses sonderbare Ambiente von diversen, mit raffinierter Computertechnik gesteuerten Lichtquellen. In verschiedensten Farben leuchten und blinken da Fahrradlampen aus den Zwanzigerjahren, die den hohen Raum im Zusammenspiel mit den kolorierten Wandflächen in verschiedenste Stimmungen versetzen. Die Wirkung von Licht ist es denn, die Klügl bei alledem bewegt, im direkten und im übertragenen Sinn: Es geht nämlich auch um das Rampenlicht und seine Bedeutung in einer Theaterszene, die längst zum unverzichtbaren Kulturgut geworden ist: der "Orchesterpobe" des unsterblichen Duos Karl Valentin/Liesl Karlstadt. Dieses Bühnenstück ist - ein Kuriosum für sich - auf dem überdimensionalen Bildschirm des Fernsehers gar nicht zu sehen, nur zu hören. Und wenn man ganz genau lauscht und die Abfolge der Übungsstücke unter der gestrengen Kapellmeisterin Liesl Karlstadt richtig deutet, meint Klügl, könne man dem im Jahr 1933, dem Jahr der Machtübernahme Hitlers entstandenen Stück, gewiss eine verhalten geäußerte, politisch-kritische Dimension abgewinnen. Denn Valentin sei nicht nur ein Spaßmacher, sondern, wie viele seiner Zunft, auch ein sehr ernsthafter Mensch gewesen. Und in dieser für Künstler hochgefährlichen Zeit natürlich alles andere als ein Freund der Nationalsozialisten.

Bei Günter Klügl ist im vermeintlichen Fernseher nichts zu sehen - sondern zu hören. (Foto: Harry Wolfsbauer)

So tritt Klügl als Interpret und Regisseur eines Ensemble Octavio auf den Plan, und ein Wortspiel ist da natürlich naheliegend: Karlstadt und Valentin werden, Klügls Denk- und Kunstansatz folgend, als "Lichtgestalten" apostrophiert. Da wäre man mithin wieder bei der künstlerischen Koinzidenz von Licht und Ton. Klügl sieht sich dabei selbst als Komponist, der eine "Lichtpartitur" schreibt. "Das Licht übernimmt die Rolle der Musik, und die Technik, die man dafür braucht, ist nicht mehr als das notwendige Rüstzeug." Licht wird auf diese Weise selbst zum Akteur.

Rein vordergründig nachvollziehbar ist das vielleicht nicht, muss es aber auch nicht sein. Die Frage stellt sich nur, was das alles wiederum mit Licht-"Design" zu tun hat? Ihm gehe es darum, einen Weg zwischen Musik und Licht zu finden, er liebe "den plötzlichen Medienwechsel", sagt Klügl, der selbst Musiker, nämlich Schlagzeuger ist. So nimmt es nicht wunder, dass er ein künstlerisches Konzept verfolgt, das unter dem Namen "No Design" firmiert, obwohl er sich doch selbst als Designer definiert. Kein Design als Konzept - wäre das nicht auch schon wieder ein unfreiwillig definiertes Design? Aber egal. Das zählt zu den kleinen Paradoxien, mit denen Klügl locker zurechtkommt, und auch die Gäste am vergangenen Wochenende haben daran nicht Anstoß genommen. Denn uninteressant ist die Inszenierung mit ihren kleinen Kuriositäten und Ungereimtheiten sicher nicht.

© SZ vom 30.09.2019 - Rechte am Artikel können Sie hier erwerben.
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