Wer war dieser „Schö“? Das Kürzel taucht auf allen wichtigen Plänen, Zeichnungen, Unterlagen zum Bau des Walchenseekraftwerks auf. „Schö“, immer wieder „Schö“. Die Frage, wer sich hinter diesen vier Buchstaben verbirgt, ließ dem Historiker Wilhelm Füßl keine Ruhe, als er für seine Biografie des Wasserkraftpioniers Oskar von Miller recherchierte. Die Antwort fand der ehemalige Archivleiter des Deutschen Museums in München alsbald heraus: Mit „Schö“ signierte Arthur Schönberg, „einer der brillantesten Planungsingenieure der Energieversorgung“, wie Füßl sagt. Der Cousin des Komponisten Arnold Schönberg arbeitete im Büro von Oskar von Miller – und der attestierte seinem engsten Mitarbeiter, der „wahre Schöpfer des Walchenseekraftwerks“ zu sein. 1943 starb Schönberg, der Jude war, im Ghetto Theresienstadt.
Vor einem Jahr wurde hundertjährige Bestehen des Walchenseekraftwerks gefeiert, damals tauchte der Name Schönberg nicht auf. Man habe ihn „ungewollt ausgespart“, sagte Klaus Engels, Direktor Wasserkraft des Energieunternehmens Uniper GmbH. „Dass es einen zweiten Vater des Walchenseekraftwerks gibt, ist ein Wunder der Geschichte.“ Die Würdigung wurde jetzt nachgeholt: Eine Büste, die von Franz Leschinger geschaffen und von Marc Andreas Hofmeister aus Höhenrain gegossen wurde, ziert künftig das Informationszentrum des Kraftwerks. Festredner rühmten bei einer Gedenkfeier die Leistungen Schönbergs, den Segen sprach Gemeinderabbiner Shmuel Aharon Brodman von der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern.

Der Lebenslauf von Schönberg steht prototypisch für das Schicksal jüdischer Deutscher, die sich nach der Reichsgründung 1871 assimilierten. Viele von ihnen bereicherten Kunst, Wissenschaft und Technik, brachten das Land enorm voran, wurden gleichwohl angefeindet, von den Nazis dann systematisch aller Rechte beraubt, deportiert und ermordet. Darauf verwies Ludwig Spaenle, Antisemitismus-Beauftragter der bayerischen Staatsregierung: „Sie wurden aus der Mitte der Gesellschaft hinausgedrängt, und alle haben es gewusst und alle haben mitgemacht.“ Hunderttausende Deutsche, die im Holocaust die Todesmühlen betrieben, seien nach Kriegsende hingegen ihren Weg in der Mitte der Gesellschaft gegangen und hätten Karriere gemacht. Umso wichtiger sei es, Arthur Schönberg nun „den Platz und die Ehre zurückzugeben, die ihm in diesem Land gebührt“.

Es ist das Verdienst von Wilhelm Füßl, den Vergessenen aus dem Dunkel der Geschichte geholt zu haben. In seinem Buch „Arthur Schönberg – Ein Ingenieurleben im Schatten Oskar von Millers“ zeichnet er in sechs Kapiteln die Lebensstationen und das Wirken des jüdischen Ingenieurs nach. Geboren am 5. März 1874 in Wien, hatte es Schönberg schon als Kind nicht leicht. Geboren mit einer Lippen-Kiefer-Gaumenspalte – einer Hasenscharte und einem Wolfsmund – hatte er eine schlechte Aussprache, war dem Spott seiner Mitschüler ausgesetzt und sollte ausgeschult werden. Allerdings erkannte der Mathematiklehrer seine Begabung und setzte sich für ihn ein. Nach dem Studium an der Technischen Hochschule Wien kam Schönberg 1900 in das „Technische Bureau“ von Oskar von Miller in München. Dort stieg er schnell auf, 21 Jahre später war er sogar Mitgesellschafter.
Die Pfalzwerke, das Karpatenwerk, das Thüringen-Werk: Schönberg war zusammen mit Miller in zahlreiche Kommunalprojekte involviert. Das Walchenseekraftwerk und das Bayernwerk indes seien „Musterbeispiele für die vorausschauende Planung und die zielstrebige Umsetzung einer Elektrizitätsversorgung“, betont Füßl. Die Aufgabe Schönbergs war nicht zuletzt die Erhebung relevanter Daten, vom Gesamtverbrauch bis zu Anlage- und Betriebskosten. Eine Herkulesarbeit, für die er allein im Jahr 1919 laut des Arbeitsbuchs insgesamt 208 Tage aufwendete.

Dabei stand Schönberg stets im Schatten von Miller. Dies gilt auch für das Deutsche Museum. Wunschlisten für Museumsobjekte, Haushaltsentwürfe, Zahl und Struktur der Fachabteilungen, Ausstellungsführer, Denkschriften, eine Chronik des Museums, Pressearbeit – all das erledigte er als rechte Hand von Miller. „Er hat ihm gerne die Meriten überlassen“, sagt Füßl. Nicht nur, weil diese Zurückhaltung seinem Charakter entsprach, sondern vor allem auch wegen der Anfeindungen, die er als Jude schon früh erleiden musste.
Eine weitere Pioniertat von Schönberg: Er ist ein Wegbereiter der elektrischen Küche. 1927 ließ er in Schweinfurt und Schwandorf Prototypen von Elektroherden ausprobieren, mit Kochplatten, Heißwasserspeicher und Schnellkocher. Ein anderer Höhepunkt seines Schaffens: Zusammen mit Miller erstellte er das „Gutachten zur Reichselektrizitätsversorgung“. Damit hätten beide „die Elektrizitätswirtschaft revolutioniert“, sagt Füßl.
Als die Nationalsozialisten an die Macht kamen und Miller ein Jahr später starb, brachen für Arthur Schönberg und seine Frau Eva furchtbare Zeiten an. Ohne seinen Chef und Mentor wurde er abgesetzt, ausgeschlossen, rausgeschmissen, vor allem im Deutschen Museum. Auch die Prachtmappe mit den Originalplänen fürs Walchenseekraftwerk, die ihm Miller einst geschenkt hatte, verschwand auf Nimmerwiedersehen.

Während seine Tochter Else schon 1933 nach Paris floh, weigerte sich Schönberg zu emigrieren. Wie so viele Juden glaubte er damals, seine Verdienste um Deutschland seien ein Schutzmantel für ihn. „Mein Vater war wahnsinnig optimistisch“, sagte seine Tochter später in einem Interview. Was könne ihm schon passieren. „Eine tödliche Fehleinschätzung“, sagt Füßl. Nach der Pogromnacht 1938 wurde er 19 Tage lang im KZ Dachau inhaftiert, Haar und Bart wurden ihm abrasiert. Danach wollte Schönberg ausreisen, aber alle Versuche, auch über seinen Cousin, den berühmten Komponisten, scheiterten.
Im Juni 1942 wurde er zusammen mit seiner Frau nach Theresienstadt deportiert. Sie starb dort am 23. Dezember 1942, ihrem 43. Hochzeitstag. Schönberg hatte für sie noch ein Gedicht diktiert, mit Erinnerungen an frühere Hochzeitstage. Im Brief eines Mithäftlings – ein Dokument, das sich im Holocaust-Museum in Los Angeles befindet – heißt es, dass die Kranke dadurch „in wohligen Gedanken an all ihre Lieben für immer eingeschlummert“ sei. Zwei Monate später starb auch Arthur Schönberg. „Ingenieur, Jude, aber vor allem Mensch – Schönberg hat Großes hinterlassen“, sagt Engels.

