Artenschutz Kletterrouten am Kochelsee wegen zwei Uhu-Pärchen gesperrt

Attraktives Revier für Kletterer und den Uhu: In einer freiwilligen Vereinbarung sind Panoramawand (links) und Rauter Wand am Südende des Kochelsees saisonal beziehungsweise ganzjährig für Kletterer gesperrt. So sollen Brutplätze der Uhus erhalten werden.

(Foto: Manfred Neubauer)

Sportverbände, Naturschützer und Behörden einigen sich darauf, die Strecken im Fels zu sperren - zum Schutz der größten Eulenvögel der Welt.

Von Benjamin Engel

Die Kalkfelsen von Rauter Wand und Panoramawand fallen am Südende steil in den Kochelsee ab. Das Gestein ist von Nischen durchzogen. Darin findet der selten gewordene Uhu - die größte Eulenart der Welt - ideale Brutplätze. Eines der beiden im Kochelseegebiet lebenden Paare der Vogelart hat derzeit sein Revier im Fels. Das andere ist am Kienstein über dem Ostufer des Kochelsees zu Hause. Das Vorkommen zählt zu den bedeutendsten in Bayern. Im Freistaat leben wieder an die 500 Paare der Eule.

Gleichzeitig boomt am Kochelsee der Klettersport. Dadurch sind die Brutplätze der Uhus und auch die von Wanderfalken in höheren Regionen, etwa im Bereich des Jochbergs, bedroht. Am Fels in Ufernähe finden die Kletterer ein selbst in der kälteren Jahreszeit leicht erreichbares Sportrevier mit besonders anspruchsvollen Routen.

Zum Schutz der Brutplätze der Greifvögel hat das Landesamt für Umwelt eine freiwillige Schutzvereinbarung initiiert. Der Landesbund für Vogelschutz (LBV) war beauftragt, die Regelung am Kochelsee umzusetzen. Die Felswände werden damit ganzjährig beziehungsweise zu bestimmten Jahreszeiten für die sportliche Betätigung gesperrt. Die Vertreter von sechs beteiligten Behörden, Naturschutz- und Kletterverbänden unterzeichneten am Montag ein entsprechendes Dokument. Mit dem Motorschiff fuhren sie unterhalb von Panoramawand und Rauter Wand nah ans Ufer. Der Uhu zeigte sich trotz Stillhaltens nicht - und war auch nicht zu hören.

Fast ausgerottet, jetzt zurück

Mitte des 20. Jahrhunderts war der Uhu, die weltweit größte Eulenart, in der Bundesrepublik Deutschland praktisch ausgerottet. Nur noch um die 20 Brutpaare gab es laut Günter von Lossow vom bayerischen Landesamt für Umwelt. Die größeren Weibchen können über 60 Zentimeter groß werden bei einer Flügelspannweite bis 168 Zentimetern. Die Tieren wiegen dabei nur etwa drei Kilogramm. Die besondere Struktur ihrer Federn ermöglicht es den Greifvögeln, lautlos zu fliegen. Mit ihren großen, orangefarbenen Augen sehen Uhus auch bei Dunkelheit gut. Jäger betrachteten die Vögel lange als Konkurrenten bei der Jagd auf Fasan oder Feldhase und schossen sie deshalb. Doch es gelang, die Existenz des Uhus zu sichern. Um die Jahrtausendwende gingen Naturschützer von etwa 150 bis 200 Brutpaaren in Bayern aus. Dann wurde ein Artenhilfsprogramm für die großen Eulen aufgelegt. Im Freistaat geht Lossow von derzeit wieder etwa 450 bis 550 Brutpaaren aus. Nach dem Zweiten Weltkrieg ging auch der Bestand an Wanderfalken vor allem durch den Einsatz des giftigen Insektizids DDT stark zurück. Seit 1982 existiert ein Artenhilfsprogramm. Derzeit leben in Bayern rund 700 Brutpaare. bene

Das dort ansässige weibliche Tier hatten Vogelschützer 2013 in Großweil gefunden. Es hatte sich im Draht eines Hühnerstalls verheddert. Das Tier war durchnässt und konnte nicht mehr fliegen. Wie Günter von Lossow von der Vogelschutzwarte am Landesamt für Umwelt (LfU) erzählt, sei es zwei Tage getrocknet und dann freigelassen worden. Mit Hilfe eines Peilsenders konnten die Flugrouten nachvollzogen werden. "Es hat sich in einem Zehn-Kilometer-Radius aufgehalten. So haben wir eine Vorstellung bekommen, welchen Raum der Vogel braucht, um leben zu können."

Die Regelung sieht vor, an der Rauter Wand das ganze Jahr nicht mehr zu klettern. Die östlichere Panoramawand soll zwischen 1. Januar und 31. Juli von Sportlern gemieden werden. Am Kienstein gilt ein Kletterverzicht an der Nord- und Westseite. An dessen Süd- und Ostwand bliebt die Sportart weiter erlaubt. Hinweisschilder werden aufgestellt.

Die freiwillige Vereinbarung ist aus Sicht von Christian Tausch, LfU-Abteilungsleiter für Naturschutz, ideal. "Das ist eine moderne Form der Zusammenarbeit im kooperativen Naturschutz", sagte er. Artenhilfsprogramme bestünden für den Wanderfalken seit Anfang der 1980er-Jahre, für den Uhu seit 2001. Erfreulicherweise hätten sich die beiden Arten so weit erholt, dass sie 2016 von der Roten Listen bedrohter Tiere gestrichen werden konnten. Der Vizepräsident des Deutschen Alpenvereins, Rudolf Erlacher, bekannte, dass ihm als Vertreter eines Sport- und Naturschutzverbandes zwei Seelen in der Brust wohnten. "So eine Vereinbarung zeigt, dass wir die Ausübung des Klettersports mit dem Naturschutz zusammenbringen."

Bündnis für den Uhu (v.l.): Christian Tausch, Norbert Schäffer, Rudolf Erlacher, Sebastian Wagner, Franz Steger (Landratsamt), Gerhard Rinner (Bergwacht).

(Foto: Manfred Neubauer)

Für das Projekt-Monitoring am Kochelsee ist Michael Schödl von der Garmischer LBV-Kreisgruppe verantwortlich. "Kochel ist nach dem Allgäu und Berchtesgaden das dritte alpine Kletterkonzept", sagte er. Insgesamt gebe es rund 200 zeitlich befristete Sperren. Die würden gut eingehalten. Zum Klettern gehöre die sportliche Herausforderung ebenso wie das Erleben der Natur. Zu deren Erhalt könnten die Konzepte den Anstoß geben.

Zusätzlich zu LfU, DAV und LBV zählen das Tölzer Landratsamt, die IG Klettern München und Südbayern und die Bergwacht zu den Unterzeichnern der Vereinbarung für Kochel. LBV-Vorsitzender Norbert Schäffer sagte, für ihn seien Felsen in erster Linie Lebensraum für Pflanzen und Tiere. "Ich bin kein Kletterer. Das treibt mir den Angstschweiß auf die Stirn", bekannte er. Um Naturschutz und Sport in Einklang zu bringen, brauche es Kompromisse. Das sei hier geschafft worden. "Das ist ein Paradebeispiel eines Kompromisses", sagte er. Er bedankte sich bei allen Freiwilligen, die Daten zum Vorkommen der Vögel sammelten. Ohne deren Einsatz seien solche Projekte nicht zu stemmen.

Aus Sicht von Sebastian Wagner, Vorstand der IG Klettern, dient das Kochler Konzept auch als Legitimation für die Sportler. Kletterer gefährdeten durch ihren Sport den Lebensraum des Uhu. Doch auch sie wollten sie eine intakte Natur. Eine Regelung müsse plausibel und nachvollziehbar sein, damit sie eingehalten werde. "Jetzt haben wir verbrieft, dass wir unseren Sport im Einklang mit der Natur ausüben", sagte er.