
Frau M. (Name geändert) weinte am Telefon, daran erinnert sich Ruth Müller-Janssen noch gut. Die alte Dame hatte einen kleinen Hund, "ihr Ein und Alles", wie Müller-Janssen sagt. Nun war das Tier krank, und Frau M. konnte die Tierarztrechnung nicht bezahlen. Sie hatte niemanden mehr als ihren Hund, seit der Sohn verschwunden war. "Sie war sehr verzweifelt", sagt Müller-Janssen, "noch mehr, als wenn es für sie selbst gefehlt hätte." Müller-Janssen ist Sozialpädagogin und im Auftrag des Landkreises für die Mobile Seniorenhilfe unterwegs. Sie und ihre Kollegin Sabine Frick fahren los, wenn jemand sie anruft und beispielsweise sagt: "Da wohnt jemand, der ist ganz allein."
Müller-Janssen besucht Menschen in den Städten und Gemeinden des nördlichen Landkreises. Wie die alte Dame mit dem Hund. Sie hatte eine ganz ordentliche Rente, zahlte aber auch eine hohe Miete. Das Futter für ihr geliebtes Haustier konnte sie noch von ihrem schmalen Budget abknapsen, die Tierarztkosten nicht. Über eine Spende konnte ihr geholfen werden. "Es ging ihr früher mal gut", sagt die Sozialpädagogin. Das sei bei vielen ihrer Klienten der Fall. Wie bei der über 90 Jahre alten Frau, die im Betreuten Wohnen lebte und trotz der guten Rente nur 60 Euro pro Monat zum Leben übrig hatte.
Im Landkreis gibt es zwar noch gut funktionierende familiäre Strukturen, in denen alte Menschen aufgefangen werden. Aber es gibt auch Frauen und Männer, die keine Angehörigen haben, keine Rente oder eine so geringe, dass sie davon nicht leben können. Etwa 600 sind es, die deshalb Grundsicherung bekommen, schätzt Sachgebietsleiter Thomas Bigl, der im Tölzer Landratsamt für Soziales zuständig ist. "Das ist unerfreulich, aber noch nicht dramatisch", sagt er.
Jedenfalls nicht für den Landkreis. Für den Einzelnen, der in der Altersarmut steckt, ist die Situation alles andere als erfreulich. Er oder sie läuft Gefahr, die Wohnung nicht heizen, Medikamente nicht bezahlen oder nicht genug Essen kaufen zu können. Oder eben den kranken Hund nicht zum Tierarzt bringen zu können.
Dabei sei die "Schamgrenze" nicht mehr so ausgeprägt wie früher, berichtet Bigl, was vor allem an der Grundsicherung liege, die alte Menschen erhalten, wenn das Geld nicht reicht. "Die Bevölkerung ist offener und informierter geworden."
Und wer Grundsicherung beantragt, belastet nicht automatisch seine Kinder, anders als bei der Sozialhilfe. Das macht es nach Ansicht des Wolfratshauser Pfarrers Florian Gruber vielen leichter, diese Hilfe anzunehmen. Der evangelische Pfarrer weiß aber auch, dass die Grundsicherung, die in gleicher Höhe wie Sozialhilfe gezahlt wird, oft nur knapp zum Leben reicht. Für viele ältere Menschen werden steigende Energie- oder Stromkosten zum Problem, auch Ausgaben für besondere medizinische Hilfsmittel oder Medikamente.
Vor allem in den reichen Gemeinden ist es besonders schwierig, arm zu sein. Etwa in Schäftlarn. Dort organisiert Ulrike Ruhdorfer eine Tafel, die etwas anders funktioniert, als man das gemeinhin kennt. "Die Leute wollen ihre Armut so gut wie möglich kaschieren", sagt sie. Deshalb verteilt sie die Lebensmittel so schnell wie möglich von der Mauer der Kirche Sankt Benedikt in Ebenhausen aus. Jeden Tag kommt dorthin eine alte Dame aus Icking, die alleine lebt und nicht nur die Lebensmittel braucht, sondern auch den regelmäßigen Kontakt. Sogar wenn es schneit, nimmt sie den Weg auf sich, um der Einsamkeit zu entfliehen. Ulrike Ruhdorfer bemüht sich, vor Weihnachten aus Spendengeldern Dinge zu besorgen, die ihre Tafelkunden selbst verschenken können - beispielsweise gute Schokolade. "Das ist eine Frage der Würde, dass man selber ein Geschenk machen oder auch einmal jemanden einladen kann", sagt sie.