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Anthropocene Working Group:"Die Kraft ins Positive wenden"

Reinhold Leinfelder ist Mitglied der Anthropocene Working Group. Privat verzichtet er aufs Auto und Flugreisen unter 1000 Kilometer und lädt gerne zu Insektenverkostungen ein.

(Foto: Thomas Dashuber)

Reinhold Leinfelder denkt als Geologe und Paläontologe in die Zukunft

SZ: Herr Professor Leinfelder, angenommen der Mensch würde heute von der Erde verschwinden. Was wäre in 5000 Jahren noch von ihm zu sehen?

Reinhold Leinfelder: Sehr vieles. Auf jeden Quadratmeter Erdoberfläche kommen heute im Schnitt 50 Kilogramm Technofossilien, also Materialien, die dem Naturkreislauf entzogen und zu neuen Produkten zusammengefügt wurden, darunter ein Kilo Beton. Überhaupt wühlen wir gerne in der Erde herum. Mit Sicherheit würde man noch auf Relikte von Tunnelbauten stoßen. Und in den Eiskernen, sofern es noch Eis geben sollte, ließen sich über chemische Isotope der Klimawandel und eine veränderte Nährstoffsituation nachweisen.

Warum ist es sinnvoll, den Begriff Anthropozän einzuführen?

Wenn wir in der Geologie feststellen, dass das Erdsystem und die Sedimente anders sind als früher, sollte man dies neu benennen. Es sind ja nicht nur neue Materialien dazugekommen, auch die Prozesse laufen anders ab. Viel Sediment gelangt zum Beispiel gar nicht mehr in die Flussdeltas, weil wir Zehntausende Stauseen gebaut haben. Wir greifen in den Wasserhaushalt ein, in den Phosphorkreislauf, in das Klimageschehen. Das alles entspricht nicht mehr den Bedingungen des Holozäns, deshalb ist es sinnvoll, eine Grenze zu ziehen. Auch andere Wissenschaften profitieren davon. Sedimente sind Archive, die auch Historikern und Archäologen offenstehen. Wir bekommen eine gemeinsame Datenbasis und können unsere Arbeit korrelieren.

Welche Bedeutung hat der Begriff Anthropozän für die Gesellschaftswissenschaften?

Er verdeutlicht, dass wir alle Teil eines Systems sind. Eine Einsicht, die uns erkennen lässt: So kann es nicht weitergehen. Ich verwende gerne das Bild der Stiftung. Wir sollten die Erde wie eine Stiftung betrachten. Von einer gut geführten Stiftung kann man gut leben, sie wirft dauerhaft Erträge ab, aber wehe man geht ans Eingemachte! Und das machen wir gerade. Ich hoffe, dass das Anthropozän auf der Verantwortungsebene ein Umdenken bewirkt.

Weil es ein alarmierender Begriff ist?

Manche sehen ihn als Beschreibung alles Bösen, was der Mensch der Erde angetan hat. Aber da darf man nicht stehen bleiben. Das wäre ein bisschen so, als würde mein Arzt zu mir sagen: Sie sind extrem krank, gehen Sie nach Hause, auf Nimmerwiedersehen. Aus der Analyse müssen Konsequenzen hervorgehen - in der Wissenschaft, in der Politik, in der Bildung. Wir müssen weg vom westlich-dualistischen Denken: Natur hier, Mensch und Kultur da. Das hat sich faktisch überlebt und verhindert viele Lösungsansätze. Wir müssen ganzheitlicher denken, größer, weiter.

Wie ließe sich Nachhaltigkeit in unserem politischen System verankern?

Der Vierjahreszyklus in der Politik kommt langfristigen Strategien nicht entgegen. Deshalb brauchen wir mehr Monitoring-Systeme, damit wir wissen: Wo ist etwas besser, wo etwas schlechter geworden? Das funktioniert über die Wissenschaft, aber auch viel über Partizipation. Ich würde mir wünschen, dass vor den Abendnachrichten nicht nur der Börsenbericht gesendet würde, sondern ein Anthropozänbericht. Auch um zu zeigen: Wo passiert etwas? Wo setzen sich Menschen ein? Wo ist man weitergekommen? Das hätte gewiss auch politische Konsequenzen.

Nach drei Thementagen "Anthropozän" in Nantesbuch, was ist Ihr persönliches Fazit?

Es ist wichtig, dass Leute aus vielen Bereichen zusammenkommen. Kein Fach allein kann diese Problematik bewältigen. Auch im Hinblick auf Landschaftspflege ist Nantesbuch ein Vorbild. Der Mensch ist zu einer solch starken Kraft geworden, es müsste doch funktionieren, dass wir diese Kraft ins Positive wenden und eine große Beschleunigung bei der Gestaltung einer zukunftsfähigen Welt erreichen.