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Ansprechpartner für die Jungen:"Ohne Urteil einfach zuhören"

Nicht ganz die Abbey Road der Beatles, aber mit mindestens so viel Schwung genommen: die Streetworker des Trägervereins und dessen Geschäftsführer am Steiner Ring (von links) Rudi Mühlhans, Jasmin Riedmeier, Christian Obermaier, Patrick Schmook.

(Foto: Harry Wolfsbauer)

Ein Vierteljahrhundert mobile Jugendarbeit in Geretsried

Von Felicitas Amler, Geretsried

Jugendliche müssen immer irgendwo "reinpassen" - in die Familie, in die Schule, ja, selbst im Jugendzentrum unterliegen sie einer Hausordnung. Mobile Jugendarbeit hingegen fragt nicht danach, ob sie folgsam und angepasst sind. Sozialpädagoge Christian Obermaier betont das: Streetworker wie er gehörten zu den wenigen Erwachsenen, die Jugendlichen "ohne Urteil einfach zuhören". In Geretsried geschieht dies seit einem Vierteljahrhundert - so lange gibt es dort mobile Jugendarbeit. Das müsse gefeiert werden, fand Rudi Mühlhans, Geschäftsführer des dafür zuständigen Trägervereins Jugend- und Sozialarbeit.

Da Feiern allerdings coronabedingt nicht stattfinden können, hatte Mühlhans die Presse vergangene Woche dorthin eingeladen, wo die aufsuchende Jugendarbeit geleistet wird: auf die Straße, konkret rund ums Jugendzentrum "Ein-Stein" im südlichsten Geretsrieder Stadtteil Stein und zusammen mit dem Team, zu dem neben Obermaier noch Sozialarbeiter Patrick Schmook und Praktikantin Jasmin Riedmeier gehören.

Mühlhans erinnerte an die Anfänge der mobilen Jugendarbeit, ausgelöst nicht zuletzt durch Ärger um das völlig überfüllte Übergangswohnheim für russlanddeutsche Spätaussiedler in Stein. Dass es dort Probleme gab, findet Mühlhans erklärlich: "Ein nicht saniertes Übergangswohnheim, das größte in Bayern, für 300 Menschen, bis zu zehn Menschen aus drei unterschiedlichen Familien in einer Wohnung ..." Die mobile Jugendarbeit und dann das Jugendzentrum "Ein-Stein" haben aus seiner Sicht entscheidend dazu beigetragen, dass Stein "nicht mehr der Brennpunkt ist".

Heute konzentriert sich die aufsuchende Jugendarbeit auf all jene Ecken in der Stadt, wo Jugendliche zusammenkommen: den Neuen Platz, im Sommer die Isar, den Johannis- und den Karl-Lederer-Platz, der nach Obermaiers Erfahrung "sehr zum Verweilen einlädt". Außerdem seien dort zwei Anziehungspunkte für junge Leute, das Fastfood-Lokal Subway und das Bekleidungsgeschäft C&A.

Auf die Jugendlichen zugehen, mit ihnen ins Gespräch kommen, nach und nach Beziehungen aufbauen, helfen und weitervermitteln, wo es nötig erscheint, in Kontakt bleiben, wo allein dies schon reicht: Das sind nach Darstellung der derzeit aktiven Streetworker die Kernaufgaben. Im Organisationshandbuch des Trägervereins liest sich das so: "Ausgehend von der Tatsache, dass die Partizipationsmöglichkeiten von Jugendlichen im gesamtgesellschaftlichen Kontext oft begrenzt und zudem unterschiedlich ausgeprägt sind, handelt die mobile Jugendarbeit im Verständnis einer parteilichen Interessenvertretung für benachteiligte und von der gesellschaftlichen Teilhabe ausgegrenzte sowie sich selbst ausgrenzende junge Menschen."

In den Anfangsjahren - erster Streetworker war Jürgen Merkel - wurde mit Bauwagen versucht, den Jugendlichen Raum zu geben. Nach und nach seien, so Mühlhans, Einrichtungen und Projekte von der mobilen Jugendarbeit angestoßen worden: Skatepark, Bolzplätze, Jugendsuchtberatung und Dirt Park etwa. Obermaier und Schmook sagen übereinstimmend, die Jugendlichen zwischen 13 und 19 Jahren, mit denen sie zu tun haben, seien "grundsätzlich sehr freundlich und offen". Die Arbeit sei aber auch immer "ein Seismograf der Themen von jungen Menschen", so Mühlhans. Und dies ist, wie Obermaier und Schmook betonen, im Augenblick vor allem Corona. Die soziale Distanz belaste die meisten; niemand von ihnen wünsche sich etwa, dass die Schule zu ist.

© SZ vom 28.11.2020
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