Ansichten eines Beamten Krawattentausch im Wirtschaftsministerium

Anja Brandstäter moderiert, Paul Brauner erzählt, und eine große Zahl von Besuchern der Stadtbibliothek hört zu.

(Foto: Hartmut Pöstges)

Beim Erzählcafé erinnert sich Paul Brauner an seine Zeit als Stadtrat und Mitarbeiter in der Münchner Staatskanzlei

Von . Konstantin Kaip, Wolfratshausen

Paul Brauner hat etwas zu erzählen. Schließlich war er nicht nur jahrelang Beamter und dann Stadtrat und Zweiter Bürgermeister in Wolfratshausen sowie in zahlreichen Vereinen aktiv. Als Mitarbeiter in der Presseabteilung der Bayerischen Staatskanzlei hat er auch einige Großereignisse begleitet und berühmte Persönlichkeiten getroffen. Insofern ist es nicht verwunderlich, dass in der Wolfratshauser Stadtbibliothek am Montagnachmittag alle Stühle besetzt waren. Brauner war als Gast des Erzählcafés gekommen, einen Tag, bevor er für sein Engagement die Bürgermedaille der Stadt erhalten sollte. Und viele wollten ihm zuhören.

Weil die Moderatorin des Nachmittags, Anja Brandstäter, ihre Fragen chronologisch stellte, erfuhren die Zuhörer zunächst von Brauners Kindheit und Jugend: wie er als drittes und jüngstes Kind 1842 im Elternhaus in der Sauerlacher Straße geboren wurde, wo es dann bald "etwas eng" wurde, wie Brauner sagte. Die Familie seiner Großmutter in Augsburg wurde ausgebombt und zog mit ein - zu zehnt lebten sie in einem Einfamilienhaus. In der Hammerschmiedschule war Brauner dann in einer Klasse mit 42 Buben, mittags gab es zur Schulspeisung Erbsensuppe in den Blechbehälter. "Urlaub gab es damals natürlich nicht", sagte Brauner. In den Ferien ging es zu Tante und Onkel, die in Dachau eine Metzgerei betrieben. Als der Onkel aus gesundheitlichen Gründen auf Viehhandel umstellen musste, fuhren Paul Brauner und seine Geschwister auf dem Lastwagen mit zu den Bauern und zum Münchner Schlachthof. Im Ickinger Gymnasium musste er dann die ersten Jahre in schlecht beheizten Holzbaracken verbringen, bevor die Schule 1960 in den Neubau zog.

Seine Beamtenkarriere begann Brauner mit 17 bei der Stadt Wolfratshausen. Dort lernte er Telefon und Buchungsmaschine zu bedienen. 1961 nahm er persönlich den Brief des Innenministeriums entgegen mit der Mitteilung, dass Wolfratshausen zur Stadt ernannt werde. "Ich bin sofort zum Bürgermeister hochgerannt und hab ihm die fröhliche Botschaft überbracht." Im Rathaus war Brauner unter anderem als Kassenleiter und im Liegenschaftsamt tätig. Dort nahm er auch die ersten Staatsgäste in Empfang: Bundeskanzler Helmut Schmidt, von dessen kleiner Statur die Bürger "ein bisschen enttäuscht" gewesen seien, und Franz Josef Strauß. Den hatte Bürgermeister Willy Thieme (SPD) als designierten Ministerpräsidenten zum Empfang geladen. Wegen der Terrorgefahr durch die RAF habe die höchste Sicherheitsstufe gegolten, die Stadt habe das Pult für die Rede aus Stahl anfertigen müssen - weil Strauß, wie Brauner erzählte, hinter drei zehn Zentimeter dicken Glasscheiben sprechen sollte. Am Tag des Besuchs sei alles aufgebaut gewesen. "Und dann kommt der Franz Josef Strauß aus dem Rathaus raus - und stellt sich davor."

1984 entschloss sich Brauner, in die Politik zu gehen und für die CSU gegen seinen Chef Erich Brockhardt (SPD) anzutreten. Er sei immer schon ein kommunalpolitisch interessierter Mensch gewesen, erklärte er. Seine Kandidatur sei "nicht ganz einfach" gewesen. "Aber wenn man so eine Position anstrebt, muss man das auch durchstehen." Bei der Wahl erhielt er 42 Prozent der Stimmen, zum Bürgermeister reichte es nicht. Brauner aber nahm das Amt des Stadtrats an und musste seinen Arbeitgeber wechseln. Er ging zur Regierung von Oberbayern und drei Jahre später zur Bayerischen Staatskanzlei, wo er Mitarbeiter in der Pressestelle wurde. Fortan stand er jeden Tag um 4.30 Uhr auf, hörte noch im Bad die Nachrichten und fuhr dann mit der S-Bahn nach München zur Arbeit. Abends ging es für ihn in Wolfratshausen weiter mit Sitzungen, Ausschüssen und Vereinsbesuchen.

Noch in seinem ersten Jahr in der Staatskanzlei starb sein erster Chef Franz Josef Strauß. Brauner musste die Trauerfeier in der Residenz organisieren - damals ganz ohne Handys und selbst ohne Fax, wie er betonte. Tagelang habe er rund um die Uhr gearbeitet und die Sitzordnung für neu angemeldete Staatsmänner immer wieder umschmeißen müssen. Beeindruckt sei er von einem Fernschreiben gewesen, das Bundespräsident Richard von Weizsäcker noch vom Schiff aus Australien geschickt habe - und vom großen Trauerzug zum Siegestor.

Mit Genuss erzählte Brauner auch vom G7-Gipfel in München, dem Besuch von Prinz Charles und der ersten Konferenz der 16 Bundesländer nach der Wiedervereinigung im Münchner Wirtschaftsministerium. Dabei habe er den Ministerpräsidenten von Thüringen zu einem besonderen Handel überreden können, erinnerte er sich: "Wir haben spontan Krawatten getauscht." Die Halsbinde mit dem Thüringer Wappen habe er noch zu Hause.

Seit seiner Pensionierung trägt Brauner selten Krawatte und kann länger schlafen. Er sei in zahlreichen Vereinen Mitglied, aber nur noch in zweien aktiv: bei den Freunden der Kreisklinik und bei den Bürgern fürs Badehaus Waldram-Föhrenwald. Was die geleistet hätten, sei "einmalig", sagte er. Deshalb sei er "sehr stolz darauf", dass man am 21. Oktober die Dokumentationsstätte "Erinnerungsort Badehaus" eröffne. Brauner ist für die Feier mit Ehrengästen samt Sitzordnung zuständig. Wie das geht, weiß er