Angebot mit bisher geringer NachfrageDie unbekannte Helferin

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Derzeit bieten viele Freiwillige in Schäftlarn an, Einkäufe für ältere Bürger zu übernehmen. Nur wenige nehmen das Angebot an.
Derzeit bieten viele Freiwillige in Schäftlarn an, Einkäufe für ältere Bürger zu übernehmen. Nur wenige nehmen das Angebot an. Sonja Marzoner

In Schäftlarn haben mehr als 50 Freiwillige älteren Bürgern ihre Unterstützung angeboten, um sie vor Corona zu schützen. Elisabeth Gerhold geht für eine Dame einkaufen, die sie noch nie gesehen hat

SZ bei Google bevorzugen

Schäftlarn - Elisabeth Gerhold und die Mitte-60-Jährige kennen sich nur über ihre Stimmen. "Hallo Frau Gerhold", sagt die Seniorin hinter der Tür, wenn Gerhold ihren Einkaufskorb abholt, der auf der Fußmatte steht. Eine Einkaufsliste liegt darin und eine Geldbörse. Gerhold geht für sie einkaufen, damit die Seniorin, die zu Corona-Zeiten als Risikopatientin gilt, nicht das Haus verlassen muss. Wie Gerhold haben um die 50 Schäftlarner, der Großteil von ihnen Frauen, ihre private Hilfe im Corona-Alltag angeboten. Angenommen wurden die über das Rathaus vermittelten Hilfsangebote jedoch nur von einer Handvoll Menschen.

Wenn Gerhold dienstagsmorgens aufwacht, denkt sie mittlerweile schon: "Ah, vermutlich werde ich heute wieder von der Gemeinde angerufen." So war es bisher viermal: Eine Seniorin rief im Rathaus an, das Rathaus rief Gerhold an, Gerhold rief die Seniorin an. Die beiden quatschten dann ein Weilchen. Letztes Mal sagte die Seniorin, sie sei froh, dass Ostern vorbei sei. Sie habe ihre Familie vermisst. Gerhold gibt ihr Bescheid, wenn sie sich Einmalhandschuhe überzieht und losfährt. Dann stellt die Seniorin Korb und Geldbörse vor die Tür im zweiten Stock, die beiden unterhalten sich durch die Wohnungstür. Gerhold sagt: "Ich finde es gut, dass es immer dieselbe Dame ist, weil ich mittlerweile schon weiß, was sie für Besonderheiten hat, wo sie wert drauf legt."

Der Einkaufliste entnimmt die 53-Jährige, wie die Wurst geschnitten, wie Obst und Gemüse beschaffen sein sollen. "Zwei Gurken (bitte feste Gurken)" steht auf dem Zettel, oder "Erdbeeren (bitte schöne Erdbeeren)". Gerhold lächelt. "Ich finde das gut", sagt sie, "dass die Dame sehr genau weiß, was sie möchte." Da Elisabeth Gerhold nur einmal pro Woche für die ältere Dame einkaufen geht, ist die Liste lang. Beim ersten Mal versuchte Gerhold noch, ihre eigenen Einkäufe gleich mit zu erledigen. "Das war total chaotisch, total kompliziert", erinnert sie sich lachend. Seitdem macht sie das extra.

Erschütternd findet die Vintagemoden-Händlerin allerdings, dass sie in den Supermärkten "so viele ältere Menschen aus der Risikogruppe" antrifft. Sollten sie den Läden nicht zum eigenen Schutze fern bleiben? "Ich habe den Eindruck, dass es für die älteren Leute schlimmer ist, zu Hause zu bleiben, als die Angst, sich anzustecken." Nach kurzem Nachdenken fügt sie hinzu: "Oder andere erfassen den Ernst der Lage nicht, das kann natürlich auch sein." Eine weitere Vermutung, warum so viele ältere Menschen einkaufen gehen: "Dass sie überhaupt nicht wissen, dass es diese Hilfe gibt?"

Gerhold hat ihre Einkaufshilfe auf mehreren Foren im Internet angeboten und ihre Kontaktdaten dem Rathaus übergeben. Vielleicht wäre es jedoch hilfreicher, überlegt sie, "auch mal bei den Supermärkten einen Aushang machen". Die Seniorin studiere die Werbeprospekte in ihrem Briefkasten -vielleicht könnte man die Schäftlarner mit Info-Briefen besser erreichen, fragt sich Gerhold. Das Rathaus verschickte bereits im März einen Gemeindebrief mit Cornainformationen an alle Haushalte. Erledigung von Einkäufen, Fahrten zum Arzt, zur Apotheke oder Post, Gassigehen mit dem Hund oder "Telefonate, wenn man einfach mal mit jemanden über die eigene Situation sprechen möchte" wurden darin angeboten. Unter der Telefonnummer 08178/9303-26 können sich Hilfesuchende bei der Gemeinde melden. Wenn die zuständige Hilfekoordinatorin nicht im Büro ist, nimmt der Bürgermeister die Anrufe persönlich entgegen.

Ein paarmal wurde Schäftlarns Rathauschef Matthias Ruhdorfer tatsächlich angerufen, auch am Sonntag, und auch in der Nacht. Dringlich sei es nie gewesen, sagt er, man habe den Anrufern nahewohnende Einkaufshelfer vermittelt. 18 Corona-Infizierte gab es bislang in Schäftlarn. Sie hätten keine oder Grippesymptome gezeigt, sagt der Bürgermeister. "Es ging meines Wissens alles glimpflich aus. Wobei wir über die Details nichts wissen."

Auch Ruhdorfer ist aufgefallen, dass viele ältere Menschen sich in Supermärkte wagen. "Da sind wir auch schon am überlegen, ob ihnen das Bewusstsein fehlt, dass ihnen was passieren könnte", sagt er. Viele fühlten sich jedoch noch "gesund und rüstig." Aus psychologischer Sicht sei deshalb Vorsicht geboten. "Dass man zu Senioren grundsätzlich sagt, sie sollen nicht einkaufen gehen, ist ein schwieriges Thema", sagt der 65-Jährige.

Er selbst fühlt sich nicht in Gefahr. Das Rathaus steht, anders als sonst, nicht allen offen. Mehrmals täglich desinfiziert der Hausmeister Türklinken. "Händedesinfizieren, nicht Händeschütteln, Abstand halten", das sind die Regeln, die der Bürgermeister befolgt. Über jene, die sich nicht daran halten, sagt er: "Ich denke, dass die Einzelfälle von ihrer Umgebung auf die Verhaltensregeln hingewiesen werden." Es gebe die Hilfsbereiten, und jene, die sich nicht an die Sicherheitsmaßnahmen hielten oder sich über Einschränkungen beschwerten. "Da lernt man dann bestimmte Menschen kennen, wie die in so einer Situationen ticken", sagt Ruhdorfer.

Über die "überwältigende Hilfsbereitschaft" in seiner 5800-Einwohner-Gemeinde zeigt sich der Bürgermeister erfreut. Überrascht hätten ihn unter den vielen Hilfsangeboten jene der Seelsorge. Fachkundige hätten "telefonische Beratung in Familienkrisen, wenn die Kinder ständig zu Hause sind, angeboten". In Anspruch genommen wurde dieses Angebot jedoch noch nicht. Lediglich Einkäufe wurden über das Rathaus vermittelt. Ruhdorfer vermutet, dass viele Nachbarn, Freunde und Verwandte Hilfe übernehmen. Hinzu kommen die Angebote der Kirchen und karitativen Einrichtungen.

Warum aber ist die Hilfsbereitschaft so groß? "Viele sagen, ihnen geht es gut, sie können helfen, deswegen wollen sie auch helfen", sagt Ruhdorfer. "Ich möchte es einfach machen, weil es mir wichtig ist", sagt auch Gerhold. "Für mich ist es einfach ein gutes Gefühl, dass ich mich ein bisschen einbringen kann in der schwierigen Zeit." Die Dankbarkeit der Seniorin dafür sei groß, berichtet Gerhold. "Sie können sich gerne auch mal ein paar Blumen von meinem Geld kaufen wenn sie möchten", habe sie gesagt. "Das ist bezaubernd, aber das ist gar nicht nötig", habe sie geantwortet. Gerhold gesteht: "Ich fand es sehr süß, dass sie das gesagt hat."

Noch nicht einmal durch einen Spion in der Tür haben sich Gerhold und die Seniorin bislang gesehen, denn in der Türe ist kein Guckloch. "Wenn wir uns in zwei drei Wochen mal auf der Straßen begegnen, dann wüssten wir gar nicht, dass wir wir sind", sinniert Gerhold. Es stört sie nicht. "Aber wer weiß: Vielleicht lernen wir uns dann auch irgendwann mal kennen."

© SZ vom 21.04.2020 - Rechte am Artikel können Sie hier erwerben.
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