Die Amphibienbestände im Landkreis schwinden. Obwohl sich bei den Sammelaktionen der Kreisgruppe des Bundes Naturschutz (BN) so viele Helferinnen und Helfer wie noch nie für Kröten, Frösche und Molche einsetzen und obwohl in manchen Nächten an einzelnen Sammelpunkten Rekordzahlen gemeldet werden, macht sich Geschäftsstellenleiterin Monika Schotte keine Illusionen: „Es werden immer weniger.“ Nun sieht sich der BN auch noch mit Kürzungen der staatlichen Zuschüsse konfrontiert. Die Arbeit der ehrenamtlichen Amphibienschützer werde dadurch erschwert und mancherorts unmöglich gemacht, sagt Kreisvorsitzender Friedl Krönauer: „Es wird darauf hinauslaufen, dass wir manche Populationen aufgeben müssen.“
Die „Hiobsbotschaft“ der bayerischen Staatsregierung habe ihn Ende Dezember völlig unvorbereitet getroffen, sagt Krönauer. Aufgrund der angespannten Haushaltslage, so hieß es, müssten Gelder für den Naturschutz gestrichen und Förderungen für Projekte gestoppt werden. Betroffen sind vor allem das bayerische Vertragsnaturschutzprogramm (VNP) sowie die Bayerische Landschaftspflege‐ und Naturparkrichtlinie (LNPR) und damit Naturschutzverbände, Landwirte und Landschaftspflegeverbände. Die BN-Kreisgruppe erwischt es laut Krönauer am stärksten beim Amphibienschutz. Dieser sei heuer zwar noch einmal genehmigt worden, aber nur mit einem reduzierten Fördersatz von 50 statt 70 Prozent.


Was das konkret bedeutet, darüber zerbricht sich Monika Schotte seit Wochen den Kopf. Die BN-Geschäftsstellenleiterin ist für die Organisation der Sammelaktionen zuständig und führt akribisch Buch. Vergangenes Jahr haben demnach 223 Helferinnen und Helfer mehr als 1800 Stunden an 14 Stationen im Landkreis verbracht und dabei 50 700 Tiere aufgesammelt und über die Straßen gebracht. „Ein Rekord“, sagt sie, „aber kein Grund zum Jubeln.“ Die hohe Gesamtzahl sei allein dem starken Ergebnis am Walchensee-Südufer zu verdanken. 35 730 Lurche seien dort gezählt worden, was auf viele helfende Hände und einen verlängerten Zaun zurückzuführen sei, den die bayerischen Staatsforsten angeschafft hätten. „An allen anderen Sammelstellen im Landkreis zusammen lag das Ergebnis bei knapp 15 000 Kröten, Fröschen und Molchen - das ist das niedrigste Ergebnis seit 1996.“
Sammelstellen müssen aufgegeben werden
Angesichts der Kürzungen hat das Landratsamt die BN-Kreisgruppe vor wenigen Tagen aufgefordert, Sammelstellen für das kommende Frühjahr zu priorisieren. „Ich muss bis 29. April festlegen, welche unverzichtbar sind und welche man künftig weglassen kann“, sagt Schotte. Rein zahlenmäßig seien das Walchensee-Südufer und der Stallauer Weiher herausragend. Aber es gebe auch andere Kriterien, etwa das Vorkommen von Arten, die auf der Roten Liste stehen. Vom Seestaller Weiher, einem verlandenden Toteisloch zwischen Dietramszell und Ellbach, seien heuer an die hundert Kammmolche gemeldet worden. „Das ist total toll“, sagt sie. „Kammmolche sind stark gefährdet.“
Weitere Überlegungen, die sie einfließen lässt: Müssen alle Tiere einer Population auf dem Weg zum Laichgewässer eine Straße überqueren, sind also alle potenziell gefährdet, oder gibt es andere Zugangswege? An manchen Orten, etwa am Beuerberger Weiher, seien die Bestände durch Bautätigkeit so geschrumpft, dass man sich fragen müsse, ob man künftig darauf verzichte, einen Zaun aufzustellen. „Das ist eine fürchterliche Abwägung“, sagt Schotte. „Damit nimmt man ihnen die Chance, dass sie sich noch einmal erholen.“ Eine Kollegin habe schon von „Triage“ gesprochen.


Schotte wie Krönauer verweisen darauf, dass die BN‐Kreisgruppe mit den Sammelaktionen hoheitliche Aufgaben hinsichtlich des Natur‐ und Artenschutzes, aber auch bei der Verkehrssicherheit übernimmt. Die Tiere wanderten vor allem nachts und bei Regen. Der Freistaat verlasse sich „auf den Idealismus der Ehrenamtlichen und die Finanzkraft der Naturschutzverbände, die zumindest bei uns nicht vorhanden ist“, kritisiert Krönauer.
Ihn ärgert die mangelnde Wertschätzung für Mensch und Tier. Dahinter stehe die Haltung: „I brauch koan Frosch ned.“ Die wenigsten Menschen brächten Interesse oder gar Mitgefühl für Amphibien auf. „Dabei laufen die ja nicht aus Blödheit auf die Straße. Wir haben mit unserer Infrastruktur ihre uralten Wanderrouten zerschnitten.“ Noch gravierender als der Straßenverkehr wirke sich der Klimawandel aus. In diesem Frühling seien unzählige Tümpel ausgetrocknet. „Die Amphibien-Zahlen gehen dramatisch zurück.“
Warum nicht einfach die Straße sperren?
Auch Schotte spricht von einer gesamt‐gesellschaftlichen Aufgabe. „Amphibienschutz ist kein Hobby tierlieber Spinner“, stellt sie klar. „Wir brauchen Amphibien für die Nahrungsnetze und funktionierende Ökosysteme. Natur‐ und Artenschutz geht uns alle an.“ Konkret hätte sie einen einfachen Sparvorschlag. Die Schutzmaßnahmen am Walchensee mit seinen wertvollen Beständen seien mit Abstand am aufwändigsten und teuersten, sagt sie. Neben vielen ehrenamtlichen Helfern seien dort die Staatsforsten, das Landratsamt und die Ranger involviert. „Ich frage mich, warum man die Mautstraße zwischen Einsiedl und Niedernach in den entscheidenden drei Wochen der Laichzeit nachts nicht einfach sperrt.“ Andernorts geschehe das auch. Es gehe um eine zeitlich begrenzte Einschränkung für Autofahrer aus der Jachenau. Zigtausende Amphibien könnten in dieser Zeit gefahrlos die Straße kreuzen.
Auch am zweiten großen Einsatzgebiet, dem Stallauer Weiher, ließe sich ihren Worten nach leicht eine Lösung finden. Dort fehlten noch immer einige Amphibientunnel. Würden die endlich gebaut, könnten die Helfer ihre Kräfte und Ressourcen auf kleinere Populationen verteilen, sagt Schotte. „Die entscheidende Frage ist: Was sind uns die Amphibien wert?“

