Am Starnberger See:Volkszählung auf dem Wasser

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Am Starnberger See gibt es etwa 20 bis 30 Hobby-Ornithologen, die an den Seen in der Region den Bestand der Überwinterungsgäste dokumen­tieren. Pit Brützel ist einer von ihnen. Heuer hat der 66-Jährige auch wieder einen seltenen Gastvogel ausfindig machen können

Von Sabine Bader, Starnberg

Man erkennt sie sofort: Mit Spektiven und Ferngläsern ausgerüstet stehen sie am Ufer des Starnberger Sees und schauen wie gebannt aufs Wasser. Nein, nicht aufs Wasser, auf die Vögel im Wasser: die Vogelzähler. Viele der Tiere, die auf dem See paddeln, sind Wintergäste. An die 40 Vogelarten legen hier alljährlich eine monatelange Rast ein - darunter Blässhühner, Reiher- und Tafelenten sowie Stock- und Kolbenenten.

Die einzelnen Vogelarten sind gut dokumentiert. Denn die Rastvogelerfassung gibt es am Starnberger See und am Ammersee schon seit Ende der 1960er Jahre. So hat man über die Wasservogelpopulation an den beiden großen Seen im Landkreis Starnberg einen guten Überblick. Doch nicht nur im Fünfseenland wird gezählt, was das Zeug hält, auch international und national sind in den bedeutenden Feuchtgebieten Vogelfreunde unterwegs. "Die Wasservogelzählung ist damit das älteste und umfangreichste Vogelmonitoringprogramm bundesweit", heißt es dazu auf der Homepage des Landesbunds für Vogelschutz (LBV). Die Datenbestände sind wertvoll, um die Entwicklung der jeweiligen Population dokumentieren zu können.

Seit 2016 werden die Wasservögel nicht nur am Starnberger See und am Ammersee regelmäßig gezählt, sondern auch am Maisinger See, Wörthsee, Pilsensee und am Weßlinger See. Einer, der sich seit 15 Jahren an der Aktion am Starnberger See beteiligt, ist der Kraillinger Pit Brützel. Der 66-jährige Mathematiker leitet die Arbeitsgemeinschaft Starnberger Ornithologen (ASO). Die Ornithologie ist schon von Jugend an ein Hobby von ihm. Dazu gekommen ist er über seinen Vater, einen Tierarzt und Jäger aus Niederbayern. Sein Wissen gelernt hat er von anderen Vogelkundlern, denen er sich in den Anfangsjahren angeschlossen hat. Seinen Kindern konnte Brützel sein Hobby nicht schmackhaft machen. "Leider", wie er findet. Brützel ist fast täglich in der Natur unterwegs. Häufig in der Kiesgrube bei Oberbrunn, im Leutstettener Moos oder im Ampermoos. Und das Schöne: "Außer einem Fernglas braucht man nichts zum Vogelbeobachten." Doch nun zurück zum Wasservogelzählen.

Am Starnberger See: Rund 75 Prozent der Tiere halten sich rund um die Roseninsel sowie in der Starnberger und der Seeshaupter Bucht auf.

Rund 75 Prozent der Tiere halten sich rund um die Roseninsel sowie in der Starnberger und der Seeshaupter Bucht auf.

(Foto: Pit Brützel)

"Bei uns am Starnberger See ist das eine beträchtliche Aufgabe", sagt Brützel. Denn es sei nicht damit getan, die Wasservögel zu zählen. "Man muss die Daten auch noch verarbeiten. Es fällt also noch Etliches an Schreibtischarbeit an." Zehn bis zwölf Zähler schwärmen hier regelmäßig aus. Der See ist in sechs Zählgebiete eingeteilt.

Eines davon liegt vor der Roseninsel im Feldafinger Lennépark. Dort rasten besonders viele Piepmätze. An guten Zähltagen kommt man hier auf bis zu 6000 Vögel, erzählt Brützel. Insgesamt halten sich zirka 75 Prozent der gefiederten Wintergäste rund um die Roseninsel sowie in der Starnberger und der Seeshaupter Bucht auf.

Als Handwerkszeug dient den Vogelbeobachtern neben einem guten Spektiv auch eine Zähluhr sowie Papier und Bleistift. Hat man sich zum Beispiel die Blässhühner vorgenommen, heißt es hurtig drücken. Nach 20 Minuten steht beispielsweise die Zahl 2497 auf der Zähluhr und der Daumen tut weh. "Wenn es keine Störungen gibt, sind die Vögel im Wesentlichen ruhig", weiß Brützel. Unter Störungen verstehen die Vogelzähler beispielsweise Kanufahrer oder Ruderer. "Es sind immer nur Einzelne. Die organisierten Sportler halten sich daran." Störungen sind laut Brützel aber auch ein prinzipielles Problem. "Denn die Vögel sind hier, um Reserven aufzutanken, sie sollen Energie sparen." Sie sollen also ausschließlich ruhig herumpaddeln, Nahrung suchen und tauchen. "Jede Störung, die zu einem Auffliegen der Vögel führt, hat Energieverlust zur Folge", was dramatische Konsequenzen haben könne.

Am Starnberger See: Thomas Hafen und Pit Brützel (re.) zählen gemeinsam die Wasservögel am Starnberger See.

Thomas Hafen und Pit Brützel (re.) zählen gemeinsam die Wasservögel am Starnberger See.

(Foto: Andreas Fischer)

Doch wie gelingt es den Freizeit-Ornithologen, dass sie die Tiere nicht ständig doppelt zählen? "Naja, das ist gar nicht so schwierig", findet Brützel. "Denn die Tiere sind relativ stark stationär. Hat man die Vögel dann mal im Spektiv, kann man sie recht gut rauszählen." Gerade an der Roseninsel bei Feldafing sind die Vogeltrupps meist sehr gemischt. Eine besondere Herausforderung für die Vogelzähler, denn es gilt, die Arten auch auf die Entfernung einwandfrei zu unterscheiden. Gezählt wird zwischen September und April jeweils an einem Wochenende in der Monatsmitte. "Es wird in Europa das Wochenende vorgeschrieben", erklärt Brützel. Ähnlich wie bei Volkszählungen, die ja auch an einem bestimmten Stichtag stattfinden. "Das ist ja eine Art Volkszählung." Nur eben Vogelvolk.

Die Zahl der Vogelfreunde, die sich im Landkreis Starnberg an der Wasservogelzählung beteiligen, ist überschaubar: 20 bis 30 sind es laut Brützel. "Damit sind wir personell ganz gut aufgestellt." Dennoch kommt auf die Zähler viel Arbeit zu. Denn es gilt 20 000 bis 25 000 Tiere zu zählen und ihre Arten zu dokumentieren.

Zu den besonderen Gästen am Starnberger See gehört die Gattung der "Seetaucher", die normalerweise nicht im Binnenland überwintern. Zirka 100 "Prachttaucher" haben sich den Starnberger See als Winterquartier ausgesucht. Es gibt auch noch einige wenige "Sterntaucher" hier - und laut Brützel als ganz große Besonderheit alljährlich einen "Eistaucher". Er kommt in Europa eigentlich nur in Island vor und ansonsten in Kanada. Auch heuer ist wieder einer gekommen, der die weite Strecke zurückgelegt hat, um in seinem ganz persönlichen Rastgebiet sein Winterquartier aufzuschlagen.

Der Starnberger See und der Ammersee zählen in Gänze zu den sogenannten Ramsar-Gebieten. Und das trotz des hohen Freizeitdrucks. Dazu beigetragen hat am Starnberger See ein Übereinkommen, das es seit Jahrzehnten mit den Wassersportlern, Fischern und Jagdbetreibern gibt, und das besagt, dass diese ihre Aktivitäten im Winter, wenn die Zugvögel kommen, auf dem Wasser entweder komplett einstellen oder zumindest weitgehend beschränken. Nur so ist der Starnberger See trotz seiner Beliebtheit bei Ausflüglern ein wahres Winterparadies für Wasservögel geblieben.

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