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Am Himmel von Benediktbeuern:Cabriogefühl im Grunau-Baby

Die Segelflieger aus Benediktbeuern betreiben ihren Sport im Schatten der großen Konkurrenz aus Königsdorf. Im Gespräch erklärt Vorstandschef Johannes Masur, mit welchen Besonderheiten es dem Verein gelingt, sich trotzdem zu behaupten

Interview von Arnold Zimprich, Benediktbeuern

Mit 80 Mitgliedern, davon etwa 25 aktiv, bietet die 1973 gegründete Segelfluggruppe Benediktbeuern neben dem Segelflugzentrum Königsdorf die zweite Möglichkeit im Landkreis Bad Tölz-Wolfratshausen, dem Segelflugsport zu frönen. Am Rand des Benediktbeurer Loisachmoors gibt es einen kleinen Flugplatz mit Graspiste. Doch wie behauptet sich der Verein gegen die große Konkurrenz aus Königsdorf? Ein Gespräch mit dem Vereinsvorsitzenden Johannes Masur.

SZ: Herr Masur, wie lief die Saison?

Johannes Masur: Für uns lief die Saison gut, obwohl die Flugsaison auf Grund der Pandemie erst Ende Mai losging, also zwei Monate später als sonst. Trotzdem haben wir ähnlich viele Starts wie in den Jahren zuvor gemacht und konnten große Erfolge bei der Pilotenausbildung erzielen.

Welche Auswirkungen hatte Corona auf ihre Aktivitäten?

Es musste ein Hygienekonzept erarbeitet und umgesetzt werden. Die sonst sehr beliebten Gastflüge konnten während der Saison nicht angeboten werden. Das geplante Flugplatzfest, bei dem traditionell viele interessierte Besucher bei uns sind, wurde abgesagt.

Benediktbeurer Segelflieger

Flug über die winterlich verschneite Berninagruppe in der Schweiz.

(Foto: SG Benediktbeuern/oh)

Haben Sie Nachwuchssorgen?

In den vergangenen Jahren haben die ehrenamtlichen Fluglehrer viele Flugschüler, hauptsächlich Jugendliche aus der Region, zu Segelflugpiloten ausgebildet. Diese Mitglieder bilden heute den Stamm unserer aktiven Piloten. Drei bis vier neue Flugschüler pro Saison sind eine gute Anzahl für einen regelmäßigen Schulbetrieb. Interessenten sind stets willkommen.

Segelfliegen gilt landläufig als eher exklusives Freizeitvergnügen. Ist das nur ein Vorurteil?

Die komplette Ausbildung zum Segelflugpiloten kostet circa 2000 Euro. Darin sind Vereins- und Fluggebühren sowie die Kosten für die Prüfungen enthalten. Ist man bereits im Besitz einer Fluglizenz, kann man den Sport für 700 bis 1000 Euro im Jahr betreiben. Schüler, Azubis und Studenten zahlen reduzierte Gebühren.

Wie sieht es mit dem Frauenanteil bei Ihnen aus?

Im aktiven Feld haben wir überwiegend männliche Piloten. Wir hoffen allerdings, dass dies ein vorübergehender Zustand ist und einige Frauen, die sich aktuell primär um ihre Kinder kümmern, bald ins Vereinsleben zurückkehren. Auch unsere Flugschülerinnen werden nach absolvierter Ausbildung die Frauenquote erhöhen.

Benediktbeurer Segelflieger

Die Segelflieger in Benediktbeuern haben ihren Hangar am Rand des Loisachmoors.

(Foto: SG Benediktbeuern/oh)

Was hat sich im Corona-Jahr 2020 im Verein getan?

Die Mitglieder haben in viel Eigenleistung einen Anbau an die bestehende Fliegerhalle fertig gestellt. Dieser dient der geschützten Unterbringung hochwertiger Ausrüstung. Zudem wurden digitale Vorstandssitzungen und digitaler Theorieunterricht coronakonform durchgeführt. Das ist auch eine interessante Option für die Zukunft.

Im Vergleich zu den Königsdorfer Segelfliegern teilen Sie sich ihren Flugplatz nicht mit anderen Vereinen. Fluch oder Segen?

In jedem Fall ein Segen, denn wir können unsere eigenen Projektideen schnell und unkompliziert umsetzen, ohne Interessen von anderen Vereinen berücksichtigen zu müssen.

Im Winter wird bei Segelfliegern traditionell viel Zeit in der Werkstatt verbracht, um die Flugzeuge technisch in Stand zu halten. Wie sieht das bei Ihnen aus?

Es gibt für jedes Flugzeug einen Verantwortlichen, der in der Winterpause die nötigen, einfachen Wartungsarbeiten, die wir selbst durchführen dürfen, organisiert. Aufwendige Reparaturen lassen wir von Fachbetrieben ausführen.

Benediktbeurer Segelflieger

Vom Hangar aus starten Vereinschef Johannes Masur und seine Kollegen zu ausgedehnten Rundflügen.

(Foto: SG Benediktbeuern/oh)

Haben Sie so einen richtigen Oldie im Hangar stehen?

Wir haben ein "Grunau Baby", gebaut in den Fünfzigerjahren. Das Besondere ist, dass man das Flugzeug ohne Kabinenhaube fliegt und sich damit ein Cabriogefühl einstellt. Im Verein war seit über 40 Jahren ein Pokal für denjenigen ausgesetzt, der sich mit dem "Grunau Baby" länger als fünf Stunden in der Luft halten kann. Dieser Pott wurde heuer vom selbst ausgebildeten Jungpiloten Timo Welzel geholt, was die Güte unserer Ausbildung belegt.

Beschreiben Sie mal für Leute, die bisher lieber am Boden geblieben sind, was für Sie die Faszination Segelfliegen ausmacht.

Es ist immer wieder ein tolles Gefühl zu erfahren, welche Strecken man nur mit den Kräften der Natur zurücklegen kann und wie man so auch in Regionen in unseren Bergen vordringen kann, in denen man zuvor noch nie war.

Wem würden Sie eine Mitgliedschaft ans Herz legen?

Der Verein ist der richtige Platz für Personen, die sowohl Interesse an den physikalischen und meteorologischen Zusammenhängen haben, als auch an Geselligkeit und Teamwork.

Benediktbeurer Segelflieger

Auch die Flugausbildungfunktioniert derzeit natürlich nur mit Maske.

(Foto: SG Benediktbeuern/oh)

Mal angenommen, der Lockdown wird noch einmal verschärft. Hätte das Folgen für den Verein?

Im Winter findet in Benediktbeuern sowieso kein Flugbetrieb statt. Allerdings müssen die in den Wintermonaten anstehenden Wartungsarbeiten an den Flugzeugen und sonstige Arbeiten am Fluggelände verteilt und koordiniert werden, da Aktionen mit mehreren Mitgliedern im Moment nicht möglich sind.

© SZ vom 28.11.2020
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