Expedition im Himalaya„Ich bin ein Meister im Umdrehen geworden“

Lesezeit: 5 Min.

Der Gleitschirmflug aus einer Höhe von 7750 Metern bis ins Basislager am Nanga Parbat war für den Münchner Alpinisten David Göttler magisch.
Der Gleitschirmflug aus einer Höhe von 7750 Metern bis ins Basislager am Nanga Parbat war für den Münchner Alpinisten David Göttler magisch. Alpen-Film-Festival

Erst nach zwölf Jahren und fünf Versuchen hat es der Münchner David Göttler auf den Gipfel des Nanga Parbat geschafft. Das Alpen-Film-Festival zeigt darüber einen Dokumentarfilm. Im Gespräch erklärt der Bergsteiger, was ihn antreibt.

Interview von Jasmin Engel, Bad Tölz

SZ bei Google bevorzugen

Starke Winde, tiefer Schnee, körperliche Belastungsgrenzen: Für David Göttler wurde der 8125 Meter hohe Nanga Parbat im Himalaya zur Obsession. Erst nach zwölf Jahren und im fünften Versuch gelang es dem Münchner Bergsteiger, auf der Schell-Route durch Rupalwand und am Grat der Diamirflanke zum Gipfel aufzusteigen und mit dem Gleitschirm wieder sicher ins Tal zu fliegen. Die Kamera hatte Göttler immer dabei.

Aus dieser Materialsammlung hat Tom Dauer den Dokumentarfilm „Nanga Parbat – Echoes of Sisyphus“ realisiert. Das Feature ist beim Alpen-Film-Festival zu sehen, das der Autor und Regisseur mit der Tölzerin Sandra Freudenberg kuratiert und organisiert. In der Reihe, die in Kinos zwischen Kiel und Innsbruck gastiert, stehen fünf Bergdokumentationen auf dem Programm. Bei den ersten Stationen wird David Göttler anwesend sein und mit dem Publikum diskutieren. Im SZ-Interview spricht der 48-Jährige über seine Motivation, Parallelen zum Sisyphus-Mythos und die Tourismusmaschine um die Achttausender im Himalaya.

30 Mal war der Münchner Alpinist David Göttler bereits auf Expedition im Himalaya.
30 Mal war der Münchner Alpinist David Göttler bereits auf Expedition im Himalaya. Alpen-Film-Festival

SZ: Herr Göttler, als Sie zum dritten Mal einen Gipfelversuch abbrechen mussten, fragten Sie sich, warum Sie überhaupt bergsteigen. Was ist Ihre Motivation, sich in solch lebensfeindliche Landschaften vorzuwagen?

David Göttler: Zum Einstieg ist das eine schwierige Frage. Irgendetwas ist tief in mir drin, das mich antreibt und motiviert. Es geht mir um die Herausforderungen, die mir die Natur in den hohen Bergen stellt. Ich bin ohne Sauerstoff und ohne Träger unterwegs. Ich muss Probleme lösen, mich meinen eigenen Grenzen stellen. Es ist die Auseinandersetzung mit dem Element Berg und mir selbst, die mich seit vielen Jahren motiviert.

Manch einer hätte nach so vielen Fehlversuchen längst aufgegeben. Warum haben Sie es am Nanga Parbat immer wieder und wieder versucht?

Der Nanga Parbat hat generell eine Wahnsinnsgeschichte, angefangen mit der Erstbesteigung von Hermann Buhl, der Rupalwand selbst (diese gilt mit circa 4500 Metern als höchste Fels- und Eiswand weltweit; im Jahr 1970 gelang Reinhold und Günther Messner die Erstdurchsteigung, beim Abstieg kam Günther Messner ums Leben). Von der Schell-Route (benannt nach dem Erstroutenbegeher Hanns Schell, Anm. d. Red.) habe ich anfangs gar nicht so viel gewusst. Bei jedem gescheiterten Versuch habe ich ein weiteres Puzzleteil gelernt, um es zu schaffen. Die Route hat mich einfach nicht mehr losgelassen.

Was wäre passiert, wenn Sie auch beim fünften Versuch im Jahr 2025 wieder hätten umdrehen müssen?

Das ist die einzige Frage, bei der ich mich freue, nicht mehr antworten zu müssen. Ich weiß mit Sicherheit, dass ich es noch mal probiert hätte. Aber der Nanga Parbat war ganz sicher der Berg, der mich am meisten gefordert hat. 2023 war ich mit Benjamin Védrines am Berg. Wir sind auf 7500 Metern umgekehrt. Ich hatte einfach nicht die Power, meine Beine haben sich unglaublich schwer angefühlt, ich bin viel zu langsam vorangekommen. Das war einfach zu risikoreich, weiterzugehen. Ich bin ein Meister im Umdrehen geworden. Aber nach jedem Abbruch habe ich sofort begonnen, meine Strategie zu hinterfragen, ein neues Puzzleteil zusammenzusetzen und mich noch besser vorzubereiten.

Der Film zeigt die durch den Wind ausgelösten Schneefahnen, den nackten Fels und das Eis aus nächster Nähe, man hört das laute Atmen bei jedem Schritt infolge der Anstrengung. Das lässt eine solche Expedition erst mal wie eine Sisyphus-Strafe wirken. Was macht daran Spaß?

Die Höhe ist ein Element, das ich spannend finde, das mich anzieht. Der Nanga Parbat war mein siebter Achttausender. Mein Endziel ist aber nicht, alle 14 Achttausender zu besteigen. Ich setze mir am Berg Ziele, die mich motivieren. Das kann eine schwierige Kletterstelle sein oder ob ich überhaupt die mentale Kraft habe, weiterzugehen. Für mich persönlich ist das erfüllend, macht mich glücklich. Das ist wahrscheinlich auch die Parallele zu Sisyphus. Albert Camus hat geschrieben, dass wir uns Sisyphus als glücklichen Menschen vorstellen müssen, der sich an etwas abarbeitet und darin seinen Lebensinhalt findet.

Dann arbeiten Sie sich an den Bergen ab?

Die Spurarbeit durch ein Schneefeld etwa ist unglaublich kräftezehrend. Jeder Schritt ist anstrengend. Ich weiß aber, dass ich auf den Gipfel kommen kann, wenn ich immer wieder einen Fuß vor den anderen setze. Dort oben zu stehen, ist ein erfüllender Moment. Das motiviert mich weiterzumachen.

Hat das Bergsteigen für Sie also eine Art Suchtcharakter? Spüren Sie ein Flow-Gefühl?

Beim Bergsteigen kommt ein Flow-Gefühl sehr selten auf. Jeder Schritt ist so mühsam, kostet so viel Überwindung und Kraft. Eine Erleichterung ist schon da, wenn ich ganz oben bin. Der Gipfel ist aber nur die Halbzeit. Ich kann mich nicht hinsetzen und die Aussicht genießen. Ich muss schauen, dass ich so schnell wie möglich aus der Todeszone herauskomme, für den Abstieg fokussiert bleiben. Dort passieren die meisten Unfälle, wenn die Konzentration nachlässt. Das Basislager und der Wandfuß sind meine Ziellinien. Erst dann kommt der Rausch. Den Rausch möchte ich als Gefühl natürlich schon haben. Ich muss aber keine Rekorde brechen. Für mich ist das eigene Erleben ausschlaggebend. Das ist für mich in dem Moment ja das erste Mal.

Aber mit dem Gleitschirm wieder ins Tal zu fliegen, machen nur wenige. Das ist doch sicher eine besondere Herausforderung?

Eigentlich wollte ich ja vom Gipfel losfliegen. Oben war mir aber der Wind zu böig. Mir war das zu risikoreich. Ich weiß, dass die Konsequenzen tödlich sind, niemand wird mir am Berg helfen können. Ich bin dann mit meinen Begleitern, die auf Skiern abgefahren sind, bis auf 7750 Meter abgestiegen und von dort gestartet. Der 30-minütige Flug in der Abendstimmung bis ins Basislager war absolut magisch. Ich bin gegen 18.30 Uhr gestartet. Ich musste um die Bergflanke herumfliegen, um wieder ins Basislager zu kommen. Im Basislager auf 3600 Meter Höhe auf der grünen Wiese neben weidenden Tieren zu landen, war schon surreal. Ich habe ein bisschen zeitlich gebraucht, das zu verarbeiten. Mein Körper war ja schon in Sicherheit, aber mein Geist war noch ganz woanders.

Sie haben Ihren puristischen Ansatz beschrieben, ohne künstlichen Sauerstoff oder Träger aufzusteigen. Auf dem Mount Everest mit seinen Sherpas und Fixseilen waren Sie trotzdem. Wie passt das zusammen?

Der Mount Everest ist einfach der höchste Punkt der Erde. 2019 musste ich 100 Meter unterhalb des Gipfels umdrehen, weil die Schlange an Bergsteigern einfach zu groß war. Ich hege aber keinen Groll auf die Menschenmassen. Ich darf mich nicht beschweren. Im möglichen Zeitfenster für einen Aufstieg habe ich 2022 eine der letzten Möglichkeiten genutzt. Vom Südgipfel bis zum Hauptgipfel war ich ganz allein unterwegs.

Wie sehen Sie solche Menschenmassen am höchsten Punkt der Erde?

Ich bin einer der letzten, der das zu kritisieren hat. Ich will ja, dass die Leute in die Natur rausgehen. Das ist natürlich eine riesige Tourismusmaschine geworden. Wir dürfen aber nicht vergessen, dass das Land Nepal davon finanziell lebt. Das ist die Haupteinnahmequelle. Ich kann das doch nicht einfach ablehnen, weil es meinem romantischen Bild des Himalaya widerspricht. Mit den Alpen in Europa machen wir es doch auch nicht anders. Schauen Sie einmal auf die Menschenmassen an der Zugspitze, am Matterhorn, in Chamonix am Mont Blanc. Natürlich müssen wir schauen, dass das möglichst nachhaltig und naturverträglich passiert. Es gibt aber auch schon Fortschritte. Es wird langsam besser, etwa mit dem Müll.

Was sollen denn die Menschen mitnehmen, wenn sie Ihren Film gesehen haben?

Ich hoffe, dass die Leute mit einem positiven Gefühl nach Hause fahren, wenn sie Nanga Parbat gesehen haben. Sie sollen sich auf das nächste Abenteuer in den Bergen freuen. Wir wollen bewusst zeigen, dass es nicht immer um die Grenze von Leben und Tod geht. Der Dokumentarfilm sollte davon bewusst weit entfernt sein.

Weitere Informationen unter www.alpenfilmfestival.de

© SZ - Rechte am Artikel können Sie hier erwerben.
Zur SZ-Startseite

Kunst im Dorf
:Ein Festival schlägt Wellen

Das vierte „Landart“-Festival in Münsing ist ein großes, lebendiges Gemeinschaftsprojekt. Vier Tage lang dreht sich diesmal alles ums Wasser.

Von Stephanie Schwaderer

Lesen Sie mehr zum Thema

  • Medizin, Gesundheit & Soziales
  • Tech. Entwicklung & Konstruktion
  • Consulting & Beratung
  • Marketing, PR & Werbung
  • Fahrzeugbau & Zulieferer
  • IT/TK Softwareentwicklung
  • Tech. Management & Projektplanung
  • Vertrieb, Verkauf & Handel
  • Forschung & Entwicklung
Jetzt entdecken

Exklusive Gutscheine für SZ-Abonnenten: