AfD-Kritik 80-Jähriger landet Facebook-Hit mit AfD-Kritik

Jochen Wurster kann kaum glauben, dass sein Leserbrief so viel Aufmerksamkeit bekommt.

(Foto: Harry Wolfsbauer)
  • Der AfD-kritische Leserbrief erschien in der Süddeutschen Zeitung und wurde von einem Leser fotografiert und auf Facebook verbreitet.
  • Verfasser Jochen Wurster beklagt die mangelnde Zuversicht in Presse und Politik bezüglich der Flüchtlinge.
Von Benjamin Engel, Geretsried

Vielleicht ist es seine klare Haltung, vielleicht seine Menschlichkeit, vielleicht sein Mut - wahrscheinlich eine Kombination aus allem: Mit einem AfD-kritischen Leserbrief macht der 80-jährige Geretsrieder Jochen Wurster bei Facebook Furore - und hat davon selbst noch gar nichts mitbekommen. Die Süddeutsche Zeitung hatte den Brief in der Wochenend-Ausgabe gedruckt, am Montag fotografierte ein Leser den Text ab und veröffentlichte ihn in dem sozialen Netzwerk. Bis Donnerstagabend hat der Brief schon mehr als 4000 Likes von Facebook-Nutzern bekommen und wurde knapp 9000 Mal geteilt - meist garniert mit Lobeshymnen.

Facebook mag er nicht, sagt Wurster

Mit einer solchen Aufmerksamkeit hat der Arzt im Ruhestand keinesfalls gerechnet. "Das erstaunt mich schon sehr", sagt er und schüttelt ungläubig den Kopf, als er am Mittwoch zum ersten Mal die Reaktionen in dem sozialen Netzwerk sieht. Vor einer Woche hatte er den Leserbrief per E-Mail an die SZ geschickt und war in Urlaub gefahren.

Wurster reagiert mit gemischten Gefühlen darauf, dass sein Leserbrief nun in einem sozialen Netzwerk so stark verbreitet wird. Er nutzt Facebook nicht und steht solchen Plattformen eher distanziert gegenüber. Schließlich könne man nicht wissen, was die mit seinen Daten machten. Kontrollieren ließen sich die sozialen Netzwerke nur schwierig. Deswegen wolle er in einem sozialen Netzwerk auch nie als Mitglied aktiv werden. Einfaches Internet und Handy reichten ihm. Zudem gehöre er zu denen, die sich noch im gedruckten Brockhaus informierten. Mehr Aufmerksamkeit im Internet als bisher will Wurster nicht.

Wurster bezeichnet sich selbst als politischen Menschen, hört viel Radio und liest Zeitung, auch wenn das wegen seiner Augenprobleme zunehmend beschwerlicher wird. "Ich bin aber kein Wutbürger", stellt er klar.

Dass er überhaupt einen Leserbrief geschrieben hat, lag an den Erfolgen der AfD bei den Landtagswahlen in Mecklenburg-Vorpommern und Berlin und dem Umgang der Politiker mit der rechtspopulistischen Partei. "Da hat sich einfach etwas angestaut." Wurster hat ein abwechslungsreiches Leben geführt. In Ulm geboren, studierte er in Tübingen Medizin, ging für seine Facharztausbildung zwei Jahre in die Vereinigten Staaten und arbeitete schließlich als Anästhesist und Intensivmediziner am Klinikum Minden. Doch der stressige Berufsalltag ließ ihm kaum Zeit für die Familie. "Das hat mich kaputt gemacht." Deshalb wechselte er den Job, arbeitete für einen medizinischen Verlag in Berlin, übersetzte und redigierte dort Fachartikel aus dem Englischen. Schließlich zog er mit Frau und Kind nach Braunschweig, hielt Vorträge über Luft- und Raumfahrtphysiologie für die Technische Universität. Seit sieben Jahren lebt er nun mit seiner Frau in Geretsried.

Wurster weiß, wie es ist, ein Fremder zu sein

Doch Wurster weiß auch von harten Zeiten zu erzählen. Neun Jahre alt war er, als der Zweite Weltkrieg zu Ende ging. Sein Vater war bis Ende der 1940er-Jahre in russischer Kriegsgefangenschaft. Seine Mutter musste ihn und die drei Schwestern alleine durchbringen. Sie seien ausgebombt gewesen, 20 Kilometer außerhalb von Ulm auf dem Land untergebracht gewesen. "Da war ich der Fremde." Doch sie hätten angepackt und es irgendwie geschafft, sagt er.

Im Umgang mit der Flüchtlingskrise beklagt Wurster mangelnde Zuversicht in Presse und Politik. Anstatt zu schimpfen, müsse entschlossen gehandelt werden. Die Flüchtlinge kosteten natürlich Geld. Doch die Menschen hätten praktisch nichts mehr, seien aus Verhältnissen geflohen, unter denen die Deutschen bestimmt nicht leben wollten. Und womöglich würden viele Länder Deutschland in zehn bis 15 Jahren um die neuen Arbeits- und Fachkräfte beneiden. Von der Aufmerksamkeit in den sozialen Netzwerken möchte Wurster im Grunde gar nichts mehr wissen. Er macht lieber Gartenarbeit. Denn er freue sich viel mehr an der Natur, sagt er.

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