Abstimmung im Rathaus Ziemlich verfahren

Mit dem Bürgerentscheid über die Ortsumgehung endet am Sonntag in Schäftlarn eine emotionale Debatte. Lieber durch den Wald oder lieber über die Felder bauen? Das ist immer noch schwer umstritten.

Von Florian Zick

Seit Monaten ist Schäftlarn gespalten. Der Altbürgermeister und der amtierende Bürgermeister giften sich fast nur noch an. Nachbarn, die sonst über den Gartenzaun hinweg gerne mal ein Schwätzchen gehalten haben, reden plötzlich kein Wort mehr miteinander. Die Atmosphäre in der Gemeinde ist angespannt. Wie konnte es soweit kommen?

Der Grund ist die geplante Ortsumfahrung. Von den ursprünglich fast ein Dutzend Trassen sind nur noch zwei übrig: Die eine, die sogenannte Variante B, führt ortsnah über die Felder. Die andere, die Variante Bi, macht an der äußersten Gemeindegrenze einen weiten Bogen durch den Bannwald. Am Sonntag wird bei einem Bürgerentscheid nun darüber abgestimmt, welche Trasse in der Planung weiter verfolgt werden soll.

Für Bürgermeister Matthias Ruhdorfer (CSU) gibt es einen eindeutigen Favoriten: die Trasse über die Felder. Die ist mit ihren gut 2,8 Kilometern nicht nur deutlich kürzer als die über fünf Kilometer lange Wald-Trasse, sondern auch wesentlich günstiger. Das Münchner Ingenieurbüro Schönenberg, das die einzelnen Varianten untersucht hat, geht laut einer Kostenschätzung aus dem Jahr 2016 davon aus, dass knapp zehn Millionen Euro nötig sein werden, um die Straße über die Felder zu bauen. Durch den Wald sind es fast 50 Prozent mehr.

Der Gemeinderat hat vergangenen Sommer deshalb mehrheitlich für die Variante B gestimmt. Danach passierte erst einmal länger nichts. Doch Ende 2018 formierte sich dann der Protest. Eine Bürgerinitiative um Altbürgermeister Erich Rühmer sammelte in Windeseile weit über 1000 Unterschriften. Das Ziel: Den Beschluss der Gemeinde auf den letzten Metern doch noch kippen.

Die Bürgerinitiative hat Angst, dass beim Bau einer Ortsumfahrung über die Felder das gemütlich dahinschaukelnde Hügelland im Norden von Hohenschäftlarn unrettbar verschandelt wird. Wenn man auf den Feldwegen dort unterwegs ist, kann man noch die teilweise mehr als fünf Meter hohen Holzpfähle sehen, welche die Landwirte dort in den Boden gerammt haben. Die Pfähle sollen die Höhe des Damms simulieren, auf dem die Umgehungsstraße entlanggeführt werden soll. Wenn dieser Damm so kommt, so die Befürchtung der Bürgerinitiative, ist die schöne Landschaft zerstört. Lieber also durch den Wald bauen - auch, wenn das vielleicht deutlich teurer kommt.

Bürgermeister Ruhdorfer findet diese Argumentation zum Kopfschütteln. Sonst werde immer um jeden gefällten Baum ein großes Aufsehen gemacht. "Und da würde man einfach mal so sieben bis acht Hektar Wald weghauen", sagt er. Für ihn ist deshalb klar: Entweder es kommt die Variante B - oder es gibt gar keine Umfahrung. Schließlich habe auch die Untere Naturschutzbehörde im Landratsamt die Waldtrasse als nicht genehmigungsfähig eingestuft, so Ruhdorfer.

Das Problem sei Folgendes, sagt Uwe Feickert vom Ingenieurbüro U-Plan, das die Umweltuntersuchung für die Umfahrung vorgenommen hat: Der Wald sei als Naturraum grundsätzlich höherwertig als die Felder. Eine Straße durch den Wald werde deshalb nur genehmigt, wenn es wirklich keine Alternative gebe. Die gebe es in Schäftlarn mit der Variante B aber. Bei der Bürgerinitiative will man das so nicht akzeptieren. Es sei immer eine Frage des politischen Willens, sagte Philipp Federspieler bei einer emotional aufgeladenen Informationsveranstaltung vor knapp zwei Wochen. Wenn man die Trasse durch den Wald wolle, dann könne man das auch durchsetzen, so Federspieler. Es wäre schließlich auch nicht das erste Mal, dass für eine Straße Bannwald gerodet werden müsse.

Das letzte Wort haben am Sonntag nun die Bürger in Schäftlarn. Drei Fragen stehen auf dem Stimmzettel: Soll eine Straße über die Felder gebaut werden? Soll eine Straße durch den Wald gebaut werden? Und falls es für beide Varianten jeweils eine Mehrheit gibt, als drittes eine Stichfrage. Richtig bitter wäre es für die Gemeinde indes, wenn beim Bürgerentscheid beide Trassen abgelehnt würden. Dann hätte man im Rathaus zehn Jahre lang umsonst geplant.