Abschied aus dem Gemeinderat"Zu wenig gemeinsam gewonnene Erkenntnisse"

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Lisa Häberlein kam 2011 als Nachrückerin der SPD-Fraktion in den Gemeinderat. Bei der Kommunalwahl im März trat sie nicht mehr an.
Lisa Häberlein kam 2011 als Nachrückerin der SPD-Fraktion in den Gemeinderat. Bei der Kommunalwahl im März trat sie nicht mehr an. Manfred Neubauer

Lisa Häberlein zieht nach neun Jahren im Ickinger Gemeinderat eine ernüchternde Bilanz. Sie galt als unbequem und fühlte sich oft missverstanden. Mit der Mehrheitsfraktion der UBI geht sie ebenso kritisch ins Gericht wie mit sich selbst

Von Susanne Hauck, Icking

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Wenn Lisa Häberlein sich aus dem Ickinger Gemeinderat verabschiedet, geschieht das mit nüchternen Worten: "Viele sehen das Amt als eine Lebensaufgabe, für mich ist es das nicht." Sie habe für sich die Reißleine gezogen, sagt Häberlein. "Ich habe zu wenig bewirkt und deshalb nichts mehr im Gemeinderat verloren", gibt sie als Grund dafür an, warum sie bei der Kommunalwahl am 15. März nicht mehr angetreten ist.

Häberlein macht keinen verbitterten Eindruck, wenn sie das sagt. Sie habe ihren Frieden gemacht und einen guten Beruf, außerdem freue sie sich auf ihr zweites Enkelkind, winkt die selbständige Sozialberaterin und Mutter von drei erwachsenen Kindern ab. Doch mit ihren Amtskollegen geht sie hart ins Gericht: "Man kann machen, was man will, aber man wird nicht als konstruktiv wahrgenommen."

Große Erwartungen und ein gutes Gefühl habe sie gehabt, als sie 2011 mit 54 Jahren für Martina Mayer-Voigt auf der SPD-Liste nachrückte. Vor allem in der Ortsgestaltung mit einer wohnlicheren B 11 habe sie sich einbringen wollen, nachdem sie mit einigen Mit-Ickingerinnen einen entsprechenden Arbeitskreis gegründet hatte. Neun Jahre später aber zieht sie eine vernichtende Bilanz: "Es wurde von A bis Z alles zerredet." Zuviel sei wegen der Sparwut auf Eis gelegt worden, mit dem Ergebnis, "dass wir jetzt dieses furchtbare Asphaltwüste haben". Und im nördlichen Abschnitt bis zum Kreisverkehr sei bis heute trotz "krimineller Beleuchtung und fußgängerfeindlicher Straßenführung" nichts passiert. Vieles, das im vergangenen Jahrzehnt umgesetzt wurde, findet aber auch ihr uneingeschränktes Lob, wie die Bewältigung der Flüchtlingskrise, die Photovoltaikanlage, den Bau der Kinderkrippe und die gelungene Verbindung von Supermarkt und S-Bahn-Haltestelle.

Lisa Häberlein ist eine Frau, die keine Scheu hat, ihre Meinung zu sagen. Auch wenn manche in der Sitzung schon genervt aufstöhnten, wenn sie sich zum Mikrofon beugte. Dass sie mitunter aneckte, als unbequem galt mit ihrer Art, auch ungewöhnliche Lösungsvorschläge vorzubringen oder mit der Mehrheit nicht konform zu gehen, ist ihr bewusst. Während ihrer Amtszeit gab es "Hassmails, Anfeindungen, böse Anrufe". Als sie gegen den großen Supermarkt stimmte, sei sogar ihr Konterfei mit einer Schmähschrift am S-Bahnhof aufgehängt worden. Das zu verdauen, sei nicht leicht gewesen. Besonders bei der Glasfaserdebatte fühlt sie sich missverstanden: "Ich habe nie gesagt, dass das schlecht ist, aber ich bleibe dabei, dass die Gemeinde das Netz viel zu teuer gebaut hat." Geld, das an anderer Stelle dringend gebraucht werde, etwa für die Sanierung der Turnhalle. Häberlein geht aber auch mit sich kritisch ins Gericht: Sie habe die ersten Jahre zu viele "Fensterreden" gehalten und in ihrer Amtszeit gewiss nicht alles richtig gemacht, sagt sie.

Es ist das Wie der politischen Auseinandersetzung im Ickinger Gemeinderat, mit dem Lisa Häberlein am meisten hadert. "Es gab zu wenig gemeinsam gewonnene Erkenntnisse." Der Mehrheitsfraktion, der Unabhängigen Bürgerliste (UBI), wirft sie das eingespielte Verhaltensmuster vor, sich lieber hinter internen Vorbesprechungen zu verschanzen anstatt eine offene Diskussion zuzulassen. "Die UBI bekommt das erste Wort, und sie bekommt das letzte Wort", kritisiert sie deren übergroßen Darstellungsspielraum im Sitzungsverlauf. Schon gar nicht habe sie die unvermeidliche, als belehrend empfundene "Zusammenfassung" gebraucht.

Wie sieht sie die Zukunft der Isartalgemeinde? Icking müsse aufhören, sich abzuschotten und endlich sozialverträglichen Mietwohnungsbau zulassen, fordert Lisa Häberlein. Zudem solle es sich von anderen Kommunen ein fußgänger- und radlerfreundliches Wegenetz abschauen. Die Gemeinde müsse sich von der Politik verabschieden, Investoren bei jüngsten Großprojekten wie dem Supermarkt oder der Reithalle mit Instrumenten wie dem vorhabenbezogenen Bebauungsplan allzu freie Hand zu lassen, nur um Kosten abzuwälzen. "Der größte Fehler ist es, wenn Icking die Fäden nicht mehr in der Hand hat."

Den Gemeinderat verlässt Häberlein nicht ohne einen praktischen Ratschlag für ihre Nachfolger. Um die Machtverhältnisse mal von Grund auf durchzumischen, plädiert sie dafür, die Sitzordnung am Besprechungstisch zu ändern. Dass immer die gleichen Fraktionen mit dem Rücken zum Publikum sitzen müssten, sei ein Unding.

© SZ vom 21.04.2020 - Rechte am Artikel können Sie hier erwerben.
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