Modisch versetzt einen der kleine Nebenraum des Hauses von Jörg und Constanze Metzler in Benediktbeuern zurück in die 1930- und 1940er-Jahre des Alpinismus. An Kleiderstangen hängen Knickerbocker, Kristiania-Hosen aus schwerem Wollstoff, handgestrickte Pullunder, Karohemden mit Hirschhornknöpfen Wolljacken und Blousons. Es gibt handgestrickte Mützen, Hosenträger, Strümpfe und ein wenig Damenkleidung vom Rock bis zur Hose.
Es ist so etwas wie der Mini-Showroom der kleinen Manufaktur 18nulleins für Retro-Alpinkleidung, die Jörg und Constanze Metzler im Jahr 2014 aufzubauen begonnen haben. „Ich finde die Sachen richtig schön“, sagt die studierte Textil- und Bekleidungstechnikerin. „Ich habe ein Faible dafür.“ Sie fertigt alles in Handarbeit, lässt sich gemeinsam mit ihrem Mann Jörg von historischen Modezeitschriften und Schnittmustern, Werbeplakaten und Fotografien von Alpinisten in Büchern inspirieren.
Für eine Jacke aus Schurwolle stand ein Bergsteiger aus den 1930er-Jahren auf einem Foto Pate
Pate für die Jacke Paul aus reiner Schurwolle mit einem Innenfutter aus Baumwolle stand etwa ein junger Bergsteiger, der sich in den 1930er-Jahren mit einer Gruppe in der österreichischen Gebirgsregion Gesäuse fotografieren ließ. Aus der Abbildung entwickelte Constanze Metzler einen Prototyp für die Wolljacke mit breitem Kragen, vier aufgesetzten Taschen und zweireihiger Leiste mit 18 aufgesetzten Hirschhornknöpfen. Benannt hat sie das Modell nach Paul Preuß (1886-1913). Der Bergsteiger und Freikletterer bestieg in kurzer Zeit mehr als 1200 Gipfel.
In den braunen Bergstiefeln, Wollhose mit weitem Bein und den Saum verdeckenden Stoffabschluss im Kristiania-Stil, einer Karobluse und dem grünen handgestrickten Pullunder strahlt Constanze Metzler an diesem Tag eine selbstbewusste Lässigkeit aus. Damit vermittelt sie sofort, dass die Marke 18nulleins mit 08/15-Mode nichts gemein hat. Metzler erzählt denn auch, dass vor allem viele Städter in ihrem Online-Shop Kleidung bestellen.
Womöglich liegt das daran, dass eine urbane Kundschaft besonders aufgeschlossen für den nostalgischen Charme ihrer Alpinmode ist. „Es spricht Leute an, die viel im Kopf haben, in gewisser Weise nach der guten alten Zeit und Entschleunigung suchen“, spekulieren Jörg und Constanze Metzler. Das wäre dann vergleichbar mit vielen Revivals wie dem des Plattenspielers, der Kassette oder analoger Kameras, die vermehrt jüngere Leute ansprechen.

Wer diese Mode trägt, muss wohl ein wenig individualistisch sein und keine Angst haben damit aufzufallen. Der Name der Manufaktur stammt übrigens von der exakten Gipfelhöhe des Benediktbeurer Hausbergs. Die Bergsilhouette ziert auch das Label von 18nulleins, das Constanze und Jörg Metzler selbst entworfen haben. Wichtig sei ihr, dass ihre Mode zeitlos und nachhaltig sei, so die Textil- und Bekleidungstechnikerin. Ihre Stoffe versucht sie möglichst direkt von europäischen Herstellern zu bestellen. Weil das Angebot schrumpft, wird das aber immer herausfordernder.
Constanze Metzler selbst stammt aus Mönchengladbach in Nordrhein-Westfalen und hat eine vielfältige Berufskarriere. Für große Unternehmen aus der Unterwäschebranche betreute sie osteuropäische Länder. Sie arbeitete für eine Modefirma in Murnau oder betrieb einen Laden mit angeschlossener Änderungsschneiderei in Benediktbeuern. In dem Dorf im Landkreis Bad Tölz-Wolfratshausen lebt sie mit ihrem dort gebürtigen Mann um die 20 Jahre. „Ich weiß, wie man plant“, sagt Constanze Metzler.
Constanze Metzler fertigt ihre Mode selbst an
Was mit der Knickerbocker als erstem Artikel begann, ist inzwischen auf eine „kleine, feine Kollektion“ von zehn verschiedenen Modellen zuzüglich Accessoires angewachsen, wie Metzler sagt. Sie fertigt alles selbst an, zieht am im Bedarfsfall heimische Schneiderin zur Unterstützung hinzu.

Der weiße Rock einer jungen Frau auf dem Reprint-Werbeplakat von Garmisch-Partenkirchen, das damit als führender Wintersportort Deutschlands für sich warb, könnte Inspirationsquelle für einen weit schwingenden Rock aus Metzlers Damenkollektion gewesen sein. Für die macht die Textil- und Bekleidungstechnikerin Kompromisse, setzt teils auf synthetische Materialien. Weil das sonst viel zu teuer werden würde, wie sie sagt.
Für sportliche herausfordernde Aktivitäten ist die Bekleidung von 18nulleins allerdings weniger geeignet, sondern eher für entspannte Freizeitunternehmungen. Die Windjacke „Toni“, die Constanze Metzler entworfen und dafür einen besonders dicht gewebten, wind- und wasserabweisenden Stoff genutzt hat, den etwa auch die Schweizer Armee seit den 1930er-Jahren verwendet, eignet sich dagegen schon für alpine Aktivitäten.
Aus reiner Schafschurwolle besteht dagegen eine Mütze mit seitlich umklappbaren Ohrenschützern. Die ist nach Anderl Heckmeier benannt, der ein solches Modell trug, als er mit einer Gruppe erstmals die Eiger Nordwand durchstieg. Von zahlreichen Inspirationsquellen spricht Metzler. „Ich habe viele Ideen im Kopf“ – und dafür dürften ihr auch die Namen berühmter Alpinisten nicht ausgehen.

