Süddeutsche Zeitung

12 000 Kilometer im Sattel:Kontemplation auf zwei Rädern

Askan von Schirnding hat sich mit Freunden zu einer Tour von Kochel nach China aufgemacht.

Der Weg ist das Ziel, heißt es eine Weisheit des Konfuzius. Um dieses Ziel aber näher zu beschreiben, muss Askan von Schirnding erst einmal raus aus der Sonne. "Ordentlich warm hier", sagt der 23-Jährige. Doch wo genau, das ist in diesem Moment schwer zu sagen. Als ihn der Anruf zum Interview erreicht, steht er mitten an einer Straßenkreuzung in Russland, die Nachmittagssonne brennt: irgendwo kurz hinter Kazan, einer Großstadt rund 750 Kilometer östlich von Moskau am Zusammenfluss von Wolga und Kazanka. Kazan ist die Hauptstadt der Republik Tatarstan in der Russischen Föderation. Von Schirnding ist unterwegs, von Kochel am See bis nach China, über Polen, Lettland, Litauen, Russland und Kasachstan, und zwar mit dem Fahrrad. Mehr als 12 000 Kilometer in zwölf Wochen wollen er und seine Freunde Michael Drs und Lasse Kurz schaffen.

Es ist die Geschichte einer Reise, eines Abenteuers und einer Suche. "Ich finde, man sollte herausfinden, was man gerne macht, und nicht nur, was man gerne haben würde. Und dazu nutze ich diese Reise", beschreibt er den Grund für die Tour - neben allem Abenteuergeist, der ihn eben auch antreibe. "Tun, was man liebt, ohne sich von eigenen oder fremden Vorurteilen und Glaubenssätzen einschränken zu lassen, also seine individuellen Werte leben. Das verlangt einem die Zeit, in der wir leben, einfach ab", sagt er. Ihm sei aufgefallen, dass jüngere Menschen, mit denen er über die Reise spricht, oft von ähnlichen Abenteuern träumten, während ältere Menschen sie eher beneideten und vom Bedauern sprachen, ihre Vorhaben nie realisiert zu haben.

Im vergangenen Jahr etwa hatte er zusammen mit einem Freund die Donau von Passau nach Budapest bereist - mit einem Schlauchboot. Als sie sich die Frage stellten, was sie dieses Jahr im Sommer tun sollten, nahmen sie sich Landkarten vor und überlegten. "Zunächst dachten wir, wir könnten mit dem Fahrrad durch Spanien fahren", erinnert er sich. Durch das Meer aber war ihnen das Land für eine ausgiebige Radtour zu begrenzt. Also schweifte ihr Blick nach Osten. "Da wurde uns erst so richtig bewusst, dass China von Deutschland aus auf dem Landweg erreichbar ist." Die Idee der Tour war geboren, knapp ein halbes Jahr dauerten dann die Planungen.

Dabei ist Askan von Schirnding gar kein passionierter Radsportler, zumindest war er das nicht vorher: "Ich habe mir das Rad erst Anfang Januar dieses Jahres gekauft und war davor bestimmt sieben, acht Jahre lang nicht mehr mit einem gefahren", verrät er. Damit sei er ein wenig durch die Heimat gekurvt, habe aber festgestellt, dass sich seine Kondition schnell verbesserte. Deshalb war ihm vor der Aufgabe, damit bis nach China zu fahren, auch nicht bang. Die körperliche Beanspruchung durch die Tour halte sich derzeit noch in Grenzen, sagt von Schirnding. Aber zumindest phasenweise mache ihm das eine oder andere zu schaffen: "Man muss immer abwägen, wie man sich am geschicktesten kaputt macht", sagt er lachend und nennt ein Beispiel: "Nach den ersten drei Tagen bin ich eine Woche fast nur im Stehen gefahren, weil mein Allerwertester wundgescheuert war. Das aber geht irgendwann auf die Knie. Ein wunder Hintern ist dann immer noch besser als eine Sehnenscheidenentzündung und man setzt sich halt doch wieder hin - und verwendet jede Menge Babycreme." Eine Herausforderung sei es auch, unterschiedlichen Ansichten unter einen Hut zu bekommen. "Man lernt also, sich im Team zu arrangieren."

Die Route legte allerdings der Bürokratismus fest: Weil sie für Russland wie für China ein Visum brauchten und beide zeitlich begrenzt sind, ist das Endziel nicht etwa Peking, Shanghai oder Hongkong. "Das würde zeitlich zu knapp werden", sagt von Schirnding. Insbesondere das russische 30-Tage-Visum ist an fixe Daten zur Ein- und Ausreise gebunden, was nur wenig Spielraum lasse. Also ist nun das Ziel Xining, Hauptstadt der chinesischen Provinz Qinghai etwa in der Mitte des großen Landes, das er und Michael Drs in etwa acht Wochen erreicht haben wollen. Lasse Kurz muss etwa nach der Hälfte der Strecke, also nach 6000 Kilometern, wieder zurück und wird von Astana aus fliegen. Zwar hätte von Schirnding vor allem in Moskau gerne mehr gesehen, aber der Zeitplan drängt eben. Somit blieb vor allem, dort eine Fahrradwerkstatt zu suchen. Obwohl sie sich bislang überwiegend auf Straßen und nicht auf Schotterpisten bewegten, litten die Speichen und Schläuche ob des Dauereinsatzes. Zumal sie "ziemlich experimentell unterwegs" seien, sagt der 23-Jährige: Er und Michael Drs fahren Mountainbike statt Tourenrad, Lasse Kurz gar ein Rennrad. Rund 30 Kilo wiegt jedes der Räder mitsamt den Satteltaschen und dem Gepäck. "Und wir haben auch alles Nötige dabei, um in der Not auch alles selbst zu reparieren", sagt von Schirnding.

In diesen Tagen steht Ufa als Etappenziel an, Hauptstadt der Republik Baschkortostan in Russland, etwa 100 Kilometer westlich des Ural. Von dort aus geht es dann weiter bis zur kasachischen Grenze. Anstrengend sei die Tour, gibt von Schirnding zu, allerdings weniger körperlich als mental. "Man muss sich eben jeden Tag aufs Neue motivieren, aufzustehen und wieder in die Pedale zu treten, um das Tagesziel zu schaffen. Auch wenn man gerne einfach mal pausieren würde", erzählt er. Aber schließlich sei eines der Ziele der Reise, "dass ich Disziplin übe". Und so ist der Tagesablauf relativ klar strukturiert: In der Früh bauen sie das Zelt ab, dann frühstücken die Jungs und steigen auf die Räder, um im Durchschnitt 135 Kilometer am Tag zu schaffen. Manchmal ist am Nachmittag noch eine Kaffeepause drin, abends wird das Zelt aufgebaut, gegessen und dann wieder im Schlaf Energie getankt für den nächsten Tag. "Wir haben Eiweißvorräte dabei, alles andere kriegt man aber vor Ort", weiß von Schirnding. Nur bevor es durch die Taklamakan-Wüste geht, müssen sie die Vorräte noch einmal intensiv aufstocken: "500 Kilometer ohne Zivilisation, da brauchen wir einiges an Wasser und Nahrungsmitteln." Um die Temperaturen zu überstehen, werden sie diese Streckenabschnitte sogar nachts fahren.

Fremde Kulturen, fremde Sprachen, all das sind neue und spannende Eindrücke für den 23-Jährigen, der bislang fast ausschließlich Positives auf seiner Tour erlebte. Vor allem die Menschen in Russland seien ihnen äußerst freundlich begegnet. Auch die Verständigung klappe problemlos - aufgrund moderner Technik: Von Schirnding lud sich vorab alle nötigen Wörterbücher auf sein Handy, die auch ohne Netz abrufbar sind. Davon abgesehen sei es "schön zu sehen, dass es, unabhängig davon, welchen Hintergrund ein Mensch hat, immer eine gemeinsame Ebene gibt, auf der man kommunizieren kann". Für ihn sind Grenzen, in welcher Form auch immer, "nur eine Erfindung des Systems. Die Werte des politischen Formenkreises zerbröckeln allein durch ein bisschen Menschlichkeit".

Widrigkeiten galt es für von Schirnding bislang an eher unerwarteter Stelle zu bewältigen. Ausgerechnet in Thüringen erwischte es ihn: Weil er spätabends keinen anderen Laden mehr fand als einen kleinen Kiosk, kaufte er dort ein Stück Pizza - und zog sich damit glatt eine Lebensmittelvergiftung zu. Zwei Tage lang lag er flach. "Mit so etwas habe ich mitten in Deutschland nicht gerechnet", sagt er im Nachhinein lachend. Im polnischen Stettin traf er auf seine beiden Mitfahrer, Michael Drs und Lasse Kurz aus Dietramszell, die inzwischen in Hamburg leben. Nach Moskau plagte von Schirnding dann noch eine Erkältung - "aber die kuriere ich unterwegs auf dem Rad aus". Im Moment sei der Kopf eh mehr damit beschäftigt, all die Eindrücke zu verarbeiten. Und damit, sich jeden Tag weiter zu motivieren, das große Ziel nicht aus den Augen zu verlieren. Auch ein Abenteuer brauche eben Disziplin. Ein nächstes Ziel hat von Schirnding auch schon vor Augen: den Amazonas. Dann allerdings nicht mit dem Fahrrad, sondern wieder mit dem Boot.

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SZ vom 09.09.2017
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