Lesereihe:Bastion der Freiheit

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Stefan Hunstein, neuer Leiter der Abteilung Darstellende Kunst, etabliert an der Akademie der Schönen Künste die Lesereihe "Schreiben fürs Theater". Erster Gast: der Dramatiker Wolfram Lotz.

Von Egbert Tholl, München

Der Dampfer, der das deutsche Theater in seiner Gesamtheit ist, sei auf einen Ozean der Krisen geraten, und immer wisse ein anderer, in welche Richtung man steuern müsse. Stefan Hunstein trat vor kurzem die Leitung der Abteilung Darstellende Kunst an der Bayerischen Akademie der Schönen Künste an; jetzt reißt er dort die Fenster und Türen auf und lässt frische Luft herein. Hunstein ist Schauspieler mit nie versiegender Leidenschaft, er liebt das Theater und streitet sich dafür. Gleich zu Beginn seiner Tätigkeit erfindet er eine neue Reihe, "Schreiben fürs Theater", in der Dramatikerinnen und Dramatiker zu Wort kommen, aus ihren Werken lesen und darüber reden, mit einem klugen Gesprächspartner an der Seite.

Bevor er den Dramatiker Wolfram Lotz und den Dramaturgen Matthias Günther aufeinander loslässt, nutzt Hunstein den Abend zur Initiation seiner selbst, hält eine brillante und empathische Rede über den Wert des Theaters, über die Freiheit der Kunst. Hunstein nimmt "die letzte Bastion der Freiheit" gegen zögerliche Angsthasen in Schutz, verabscheut Triggerwarnungen und hat plastische Beispiele parat: Er erzählt von einem ehemaligen Theater in Venedig, in dem nun ein Supermarkt ist. "In den Regalen gibt es allerdings keine Stücke zu kaufen."

Macht Hunstein schon beste Werbung fürs Theater, so folgt in dieser Hinsicht darauf die Vollendung. Lotz und Günther entfachen ein Funkelfeuerwerk der geistreichen Gedanken, des Humors, der erfrischenden Offenheit. Allerspätestens seit der "Lächerlichen Finsternis" ist Wolfram Lotz, geboren 1981, einer der gefragtesten Theaterautoren Deutschlands; Matthias Günther war lange Dramaturg an den Kammerspielen, ist dies nun am Hamburger Thalia-Theater und kann nie stillhalten, denkt, spielt, inszeniert, macht tolles Zeug im Internet. Zusammen sind sie Fährtenfinder durch wuchernde Dschungel der Kreativität.

An den Münchner Kammerspielen kam vergangene Saison eine theatrale Umsetzung von Lotz' beiläufig philosophischem Monster-Tagebuch "Heilige Schrift I" heraus. Das Gespräch nun ist eine Annäherung an diesen Text, über biografische Stationen, über künstlerische Positionen. Ungeheuer lustig, weil das Lustige hier staubtrocken daherkommt: Lotz meint einmal, 90 Prozent seiner Stücke seien bestimmt von Krippenspiel und Kasperletheater. Das ist keineswegs die schlechteste Grundlage. Dann rattert er noch eine Passage aus dem Stück "Die Politiker" runter, herrlich!

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