„So sieht der also aus. Und so klingt der – eigentlich ganz normal. Komisch.“ So oder so ähnlich dürfte es dem ein oder anderen Zuschauer bei der Verleihung des Sigi-Sommer-Talers im Wirtshaus im Schlachthof ergangen sein. Denn Preisträger war diesmal Wolfgang Krebs, den man zwingend als gespaltene Persönlichkeit bezeichnen muss. Mal ist er Edmund Stoiber, mal Hubert Aiwanger, zuweilen auch Markus Söder oder Horst Seehofer. Der arme Kerl.
Tauschen möchte man da wirklich nicht. Aber er hat sich das ja selbst so ausgesucht, sehr zur Freude seiner gewaltigen Fan-Gemeinde im Bayernland. Laudator Volker Heißmann findet: „Der Wolfgang ist einer der fleißigsten Kollegen. Der kennt jeden Heustadl, jedes Scheißhäusl.“
Rund 200 Vorstellungen im Jahr, dazu seit mehr als 20 Jahren jede Woche die Schlussnummer in „quer“, jeden Tag eine Radio-Folge „Superbayern“ auf Bayern 1: „Man kommt um ihn nicht herum“, stellt Heißmann fest, „und man merkt: Der Krebs-Söder ist ja viel besser als das Original.“ Dass diesem in Funk und Fernsehen sehr präsenten Endfünfziger nun sozusagen der Jubiläumspreis Nummer 25 verliehen wird, geht also völlig in Ordnung.
1996 war Sigi Sommer, der Schriftsteller und Verfasser der AZ-Kolumne „Blasius, der Spaziergänger“, gestorben, fünf Jahre später rief Marian Schulz, seine ehemalige Verlegerin und Ex-Narrhalla-Prinzessin, im Verbund mit dem heutigen Ehrenpräsidenten und dem Ex-Geschäftsführer der legendären „Roy“-Bar Günther Grauer den nach dem beliebten Schreiber benannten Kunst- und Kabarettpreis ins Leben. Erste Preisträgerin 2001: Erni Singerl, erster Laudator: Ottfried Fischer, der 2012 selbst den begehrten Taler bekommen sollte.
Wie in fast jedem Jahr ist er auch an diesem Abend mit seiner Simone wieder dabei, wie auch der Kollege Helmut Schleich, Preisträger des Jahres 2018. Auch Michael Graeter, Gewinner 2010, schafft es fast rechtzeitig in den Saal, scannt als Zu-spät-Kommer erst mal die Gästeschar, wie er das als Gesellschaftsreporter jahrzehntelang getan hat. Dabei gibt der neue Narrhalla-Präsident Matthias Stolz doch einen vollumfänglichen Überblick über die Anwesenden. Wer nicht bei drei auf dem Baum ist, wird persönlich begrüßt und vom Publikum mit Applaus versehen – und schon ist die erste halbe Stunde vorbei.


Wer außer Namen und Funktionsbeschreibung mehr erfahren will, ist bei der Gerti gut aufgehoben. Die einstige Wirtin der legendären Fraunhofer Schoppenstube hat zu fast jedem Promi-Gast eine Geschichte parat: „Mit der Carolin Reiber hab’ ich mal einen Abend lang im Hofbräukeller für die Tafel Obdachlose bedient.“ Reibers Gegenüber an Tisch 403, Gastronom Günther Steinberg, der Narrhalla-Faschingsprinz der Jahre 1966 und 1969, wird sich erinnern.
Die Kabarettistin Annamirl Spies, eine gute Freundin der Gerti, erinnert sich dagegen an einen besonderen Auftritt des Kollegen Krebs: „Als mein Neffe in Niederbayern ein Sportgeschäft eröffnet hat, hab’ ich ihn gefragt, ob er kommen könne. „Klar, vor ,quer‘ komm ich kurz vorbei“, habe er gesagt – „aber nicht den Text für die Rede gesehen, den ich ihm geschickt hatte“, erzählt Spies. „Macht ja nix“, hat er gesagt – „und dann eine Viertelstunde lang einfach aus dem Stegreif geredet, saukomisch natürlich. Das hat der einfach so aus dem Ärmel geschüttelt!“
Als der Hochgelobte dann selbst ans Rednerpult darf, tut er das sozusagen in Zivil: im dunklen Dreiteiler, ausnahmsweise mal ohne Verkleidung, ohne falschen Bart und Perücke, sondern mit Glatze – die natürlich praktisch ist, wenn man im Job mehrmals am Tag innerhalb von Sekunden die Identität wechseln muss. Er beginnt mit ungewohntem Ernst, Dank an Gattin Sylvia und Sohn Philipp – und mit einem Plädoyer für „die gute alte Tageszeitung“. Denn: „Wir müssen aufpassen, dass wir uns nicht nur belügen lassen.“
Er selbst versuche in seinem Tun „nicht belehrend und spaltend zu sein“, predigt stattdessen lieber „Glaube, Liebe und Hoffnung“. Was er allerdings auch weiß: die Antwort auf die von ihm selbst gestellte Frage „Wer will denn schon den ernsthaften Krebs auf der Bühne sehen?“ Und so klebt sich der gelernte Postbeamte doch wieder die Perücken vom Hubsi, vom Horst und vom Ede auf den Schädel und bringt mal wieder den ganzen Saal zum Lachen und Prusten. Er kann halt einfach nicht raus aus seiner Haut. Gut so.


