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Wohnverhalten:So attraktiv ist die City gar nicht

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Eine Studie zeigt: Wichtiger als urbanes Ambiente ist den Menschen die Lebensqualität. Und: Viele wohnen an einem Ort, der alles andere als optimal ist.

Von Katja Riedel, München

Wohnen, Arbeiten, Mobilität - sie sollten künftig bei der Siedlungsplanung in der Region stärker gemeinsam betrachtet werden. Das ist eines der zentralen Ergebnisse einer Studie der TU München, die genau diese Themen erstmals gemeinsam für den Großraum München betrachtet, und zwar aus Sicht der Menschen, die dort leben.

Das zehnköpfige Forscherteam hat 7300 Fragebögen von Menschen aus der Region ausgewertet, die in den vergangenen drei Jahren umgezogen sind oder ihren Arbeitsort gewechselt haben. Die Befragten schildern, wie sie gesucht haben, mit welchen Prioritäten und welchen Abwägungen zwischen der Art des Wohnens, den Wünschen an die räumliche Umgebung ihrer Wohnung oder ihres Hauses sowie der Erreichbarkeit des neuen Zuhauses wie des Arbeitsplatzes. So lässt sich herausfinden, welche Faktoren sie zu ihrer Entscheidung für ein Objekt veranlasst haben.

Überraschende Ergebnisse

Herausgekommen ist eine mehr als 220 Seiten umfassende Studie der beiden Lehrstühle für Raumentwicklung und für Siedlungsstruktur und Verkehrsplanung. Sie wertet nicht nur die Präferenzen und Suchgeschichten aus, sondern stellt auch fünf Muster heraus. Sie fasst Personen zusammen, die den Raum ähnlich nutzen wollen und darum auch nach vergleichbaren Abwägungen bei der Wohnungssuche entscheiden.

Demnach gibt es, anders als häufig vermutet, nicht nur den Run auf die zentrale Lage, auf das Zentrum Münchens selbst, sondern auch Familien, Paare und Alleinstehende, die bewusst andere Quartiere suchen, in denen sie beispielsweise mehr und komfortableren Platz bekommen - und dafür mehr Zeit und Geld für das Pendeln zum Arbeitsplatz investieren.

Darüber hinaus liefert die Befragung statistisch relevante Antworten zu Einzelaspekten, etwa zu den Motiven, warum Menschen überhaupt umziehen: Am häufigsten genannt wurde dabei die Unzufriedenheit mit der Wohnungsgröße (28 Prozent), an zweiter Stelle folgt ein Wechsel des Arbeits- oder Ausbildungsortes (20 Prozent) vor dem Wunsch nach einer besseren Qualität der Wohnung, etwa nach einem Garten oder Balkon (20 Prozent). Weil die Freizeit- und Kultureinrichtungen in unmittelbarer Nähe der Wohnung fehlen, ziehen nur sechs Prozent um.

Viele Menschen landen dort, "wo sie falsch sind"

Besonders wichtig an ihrem neuen Wohnort fanden fast 70 Prozent die Einkaufsmöglichkeiten und die Dienstleistungsangebote - ein Grund , warum dieser Aspekt in der weiteren wissenschaftlichen Auswertung der Daten in einer eigenen Arbeit vertieft werden soll. Ebenso soll eine weitere Arbeit der Frage nachgehen, wie Menschen mit niedrigen Einkommen suchen und wie sie häufig "dort landen, wo sie falsch sind", sagte Alain Thierstein, Lehrstuhlinhaber für Raumentwicklung an der TU.

Hier gebe es eine regelrechte "Mobilitätsarmut", weil die Wohnungen mit guter Erreichbarkeit durch öffentliche Verkehrsmittel für diese Personengruppe zu teuer seien, findet Thiersteins Kollege Gebhard Wulfhorst. Christoph Göbel (CSU), Landrat des Landkreises München, forderte bei der Präsentation der Studie am Donnerstag in Unterföhring, dass geförderter Wohnraum darum besonders entlang gut erreichbarer Achsen gebaut werden solle.

Die Region hat viele Zentren

Auch der Münchner Stadtplaner Stefan Reiß-Schmidt kündigte an, die Studie ausführlich auszuwerten. "Sie macht auf den ersten Blick deutlich, wie vielgestaltig der Raum ist. Und sie zeigt auch: Diese Region besteht nicht nur aus München, es ist ein polyzentrischer Raum". Diese vielen Zentren, die die Studie aufzeigt, gelte es zu stärken.

Das Forscherteam um Thierstein und seinen Kollegen Gebhard Wulfhorst fordert, Knotenpunkte in der Metropolregion besser miteinander zu verknüpfen, um die Zentren jenseits der Münchner City zu stärken. Denn die Studie unterstreicht, dass die Menschen im Großraum sich nicht ausschließlich Stadt wünschen, wichtig ist ihnen die Nähe zum Leben: zu Arbeit, Supermärkten, Kinos, Cafés, zu Ärzten und Schulen. Auch jenseits der Stadtgrenze.

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Quelle:
SZ vom 05.02.2016
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