Es ist schon eine besondere Gemeinschaft, die an diesem Abend im Innenhof auf der Bierbank sitzt. Mohammed Rihani, der Apotheker, hat frisch gebrühten Tee für alle mitgebracht. Andere haben Biskuits und Plätzchen zum Treffen beigesteuert. Da sind die Kamerafrau Zoë Schmederer und Feinmechanikermeister Michael Theumert, die ebenso in dem Haus an der Landwehrstraße 48 wohnen wie Mourad Benzadi, Eman Shabalot und Fawaz Alrihani sowie Eveline Rumberg, die schon seit vier Jahrzehnten hier lebt.
Sie alle machen sich große Sorgen, was mit ihrem Mietshaus passiert. "Mittlerweile haben wir einen Leerstand von zwölf Wohnungen, seit im Januar 2019 die Hauseigentümerin wechselte", sagt Schmederer. Doch die heutige Vermieterin ist nicht ein bekannter Immobilienspekulant. Das Haus hat die städtische Wohnungsgesellschaft GWG übernommen.

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Die GWG hatte im Januar 2019 das Haus aus den Fünfzigerjahren von der Unternehmerfamilie Gleich gekauft. Bereits zu jenem Zeitpunkt war der Wohnungsgesellschaft wohl nicht klar, ob sie das Mietshaus, das in die Jahre gekommen ist, renovieren oder abreißen soll. Nach ersten Untersuchungen ist das städtische Unternehmen zum Schluss gekommen, dass es eigentlich nicht mehr in einem verkehrssicheren Zustand sei. Insbesondere mit dem Brandschutz gebe es massive Probleme. Dennoch wohnen bis heute dort etwa ein Dutzend Menschen.
Die GWG will ihre Untersuchung erst Ende des Jahres abschließen
Eine Sanierung koste fast so viel wie ein Neubau, teilt die GWG in einem internen Papier mit. Auf SZ-Anfrage heißt es lediglich, Ergebnisse der Untersuchungen, ob das Haus abgerissen werden müsse, gebe es wohl erst Ende dieses Jahres. Seit der Übernahme der GWG wurde nach Auskunft der verbliebenen Mieter keine neue Wohnung vermietet - im Gegenteil: Zunächst standen laut Bewohnern von den 23 Wohnungen sieben oder acht leer, mittlerweile seien es mehr als die Hälfte.

Das hat offenbar Folgen. Da die leeren Wohnungen nicht mehr geheizt werden, breitet sich langsam Schimmel aus. Dann gab es auch noch einen Wasserschaden, die Feuchtigkeit sei von oben durchs ganze Haus gesickert. Doch die GWG habe lediglich Mitarbeiter geschickt, die mit Gebläse die größten Schäden verhinderten. Doch bis heute ist der Wasserschaden laut Mohammed Rihani im Lager seiner Apotheke zu sehen.
Schönheitsreparaturen haben die Bewohner im Treppenhaus mit Farbe selbst ausgebessert. Trotz allem fühlen sich die Mieter in dem Haus wohl und würden gerne bleiben. Oben hatten sie vor Jahren eine begrünte Dachterrasse eingerichtet, doch von der GWG hieß es laut Theumert, die Balustrade sei zu niedrig, die Terrasse dürfe nicht mehr benutzt werden.
Die Mietergemeinschaft hätte auch einige Pläne, was man mit dem ehemaligen Verwaltungs- und Lagergebäude im quirligen südlichen Bahnhofsviertel machen könnte - wenn sie denn direkte Ansprechpartner bei der GWG hätte. Um den Wunsch der Mieter zu unterstreichen, selbst aktiv zu werden, hat Michael Theumert einige Punkte zusammengestellt. Das Haus könnte mit Photovoltaikanlagen ausgerüstet werden, um auch "ein Signal an die Bevölkerung zu senden".

Auch könnte das gesamte Haus, das jahrzehntelang auch als Lager und Produktionsstätte für Tonnadeln diente, mit der sich die Firma Gleich einen Namen machte, mit einer Hausautomation ausstatten. Damit könnte die benötigte Energie beziehungsweise ein Wärmeüberschuss besser im Gebäude verteilt werden. Theumert schlägt auch vor, die große Dachterrasse zu begrünen, um das Haus besser zu isolieren und auch in heißen Sommern zu kühlen. Nebenbei siedelten sich dann schnell Insekten und Vögel auf der Terrasse an. Die Bewohner gehen aber noch einen Schritt weiter. So wäre nicht nur ein Mehrgenerationenhaus denkbar, sondern auch ein Begegnungsort für Migrantinnen und Geflüchtete.
Auf die Vorschläge sei die GWG bislang nicht eingegangen, lediglich auf die Idee, für Geflüchtete eine Zwischennutzung im Haus anzubieten, bekamen die Mieter eine Antwort. Nach SZ-Informationen wurde das abgelehnt. Zu jenem Zeitpunkt Anfang Juni waren noch Gerda Peter und Christian Amlong die Geschäftsführer der städtischen Wohnungsbaugesellschaft, mittlerweile mussten beide vorzeitig gehen. Seither leitet Armin Hagen allein die Geschäfte.
"Wir setzen auf die neue Geschäftsführung, dass jetzt etwas vorangeht", sagt Grünen-Stadträtin Sibylle Stöhr. Sie hat mit einem Parteifreund das Haus besichtigt und mit den Bewohnern über ihre Ideen gesprochen. Ein Abriss des Hauses kommt für sie nicht infrage. "Wir können uns das klimatechnisch nicht leisten, das Gebäude abzureißen. Wir wollen die Substanz erhalten." Zumal die Hausgemeinschaft viel Eigeninitiative zeige, um das Haus besser zu nutzen. Sibylle Stöhr will nun gemeinsam mit Stadtratskollegen versuchen, baldmöglichst einen Termin mit den Bewohnern und der GWG-Geschäftsführung zu organisieren.

