Wohnungslosenhilfe:Sein Lebenswerk: Anderen ein Zuhause bieten

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Wohnungslosenhilfe: "In der Pilgersheimer Straße habe ich mehr gelernt als im Studium", sagt Manfred Baierlacher. Er hat bis zuletzt das Haus für wohnungslose Männer in der Kyreinstraße 5 geleitet.

"In der Pilgersheimer Straße habe ich mehr gelernt als im Studium", sagt Manfred Baierlacher. Er hat bis zuletzt das Haus für wohnungslose Männer in der Kyreinstraße 5 geleitet.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Sozialpädagoge Manfred Baierlacher hat 49 Jahre lang wohnungslose Männer begleitet. Nun geht er in Rente. Mit Verspätung. Er musste noch ein Projekt abschließen.

Von Kathrin Aldenhoff

Es ist wieder mal so weit: Sie müssen Abrahams Zimmer ausräumen. Abraham, der gar nicht so heißt, der seit 14 Jahren im Haus für wohnungslose Männer in der Kyreinstraße lebt. Der ein Messie ist und in der ganzen Stadt Regenschirmgerippe, französische Zeitungen und andere Dinge sammelt, bis sein ganzes Zimmer und sogar sein Bett voll davon sind.

Er sei jetzt ruhig, erzählt eine Mitarbeiterin ihrem Chef Manfred Baierlacher. Müde vom Rumschreien. Baierlacher nickt. Er weiß, Abraham wird mitmachen, wie die letzten Male auch. Er wird Dinge aussuchen, die er behalten will. Das übrige Zeug kommt raus, in einen Container. Allein wegen der Brandgefahr. "Wenn ich nachts dran denke, kann ich nicht mehr schlafen", sagt Manfred Baierlacher. Immerhin, Raucher ist Abraham nicht.

Es ist 49 Jahre her, dass Manfred Baierlacher angefangen hat, sich um Wohnungslose zu kümmern. Ein Zufall, wie so oft in seinem Leben, sagt er. An der Fachoberschule sollten sie zwei Praktika machen, ein erzieherisches und ein pflegerisches. Ein Mitschüler erzählte ihm von dem Haus in der Pilgersheimer Straße, einer Einrichtung des Katholischen Männerfürsorgevereins für wohnungslose Männer, von der verhältnismäßig guten Bezahlung von sechs Mark die Stunde und den interessanten Menschen dort. Der 18-jährige Manfred Baierlacher trat sein Praktikum dort an - und seitdem haben ihn die wohnungslosen Männer durchs Leben begleitet, hat er sie durchs Leben begleitet.

Bis jetzt - denn nun geht Manfred Baierlacher mit 67 Jahren in Rente und gibt die Leitung des Hauses an der Kyreinstraße ab. Nach mehr als 30 Jahren.

Manfred Baierlacher ist ein großer Mann mit freundlichen braunen Augen und der Gabe, Geschichten zu erzählen. Seit der Gründung im Jahr 1989 leitete er das Haus an der Kyreinstraße. Wohnungslose Männer, für die es keinen Platz gab, sollten dort ein Zuhause finden. Männer mit psychischen Krankheiten, mit Suchtproblemen. "Ich war immer einer von denen, die sagen: Man kann einen kranken Menschen nicht auf die Straße setzen. Der braucht kein Hausverbot, der braucht Hilfe." Dass es so viele psychisch Kranke sind, die auf der Straße leben, hat dann aber auch ihn überrascht. Die Warteliste für das Haus ist lang, Baierlachers großer Traum - eine zweite Einrichtung wie die Kyreinstraße - ist noch nicht in Erfüllung gegangen.

Eigentlich wollte Baierlacher Psychologie studieren und Erziehungsberater werden. Das Praktikum im Haus an der Pilgersheimer Straße hat seinem Leben dann eine andere Richtung gegeben. "In der Pilgersheimer Straße habe ich mehr gelernt als im Studium", sagt Baierlacher. Und erinnert sich an Otto und die Fischdose, und wie naiv er in sein erstes Praktikum gestartet war.

Eine feste Arbeit, eine Wohnung und dann eine Familie gründen - das war der Weg für die wohnungslosen Männer, davon war der 18-Jährige damals überzeugt. Nach zwei Wochen Praktikum kam Bewohner Otto an seinen Schreibtisch. Er hatte eine Dose Fisch und eine Semmel dabei, tunkte die Semmel in den Dosenfisch und sprach mit Baierlacher darüber, dass er eine feste Arbeit wolle, diese Gelegenheitsjobs, die seien ja nichts. Baierlacher war ganz seiner Meinung, redete ihm gut zu und ging zufrieden nach Hause: "Das war ja ganz easy, das geht doch, hab ich mir gesagt. Den ersten hast du schon auf den rechten Weg gebracht."

Geklappt hat das dann doch nicht, der Mann blieb noch jahrelang in der Pilgersheimer Straße. "Das hat mich geerdet, und ich hab die Ansprüche etwas zurückgeschraubt." Nach dem Studium arbeitete Baierlacher als Sozialpädagoge zehn Jahre in dem Haus an der Pilgersheimer Straße. Und dann kam die Kyreinstraße.

In den 30 Jahren, in denen Baierlacher das Haus an der Kyreinstraße leitete, lebten dort Hunderte Männer. Einige sind dort gestorben. Andere sind in eigene Wohnungen ausgezogen, zwei haben geheiratet. Da hat es also doch geklappt mit der Familie. Bei einem waren Manfred Baierlacher und seine Kollegin Trauzeugen. Und einige mussten sie doch vor die Tür setzen oder in andere Einrichtungen vermitteln, weil es nicht mehr ging. Einer zum Beispiel, der schlug einem Mitarbeiter drei Mal mit der Faust ins Gesicht. "Da muss man die Grenze ziehen", sagt Baierlacher.

Dabei suchen sie in der Kyreinstraße lange nach Lösungen. Auch nach solchen, die nicht im Handbuch von Sozialarbeitern stehen, wie Baierlacher sagt. So wie bei Abraham, dem Messie. Baierlacher kennt seine Geschichte: Nach einem schweren Motorradunfall lag er im Koma und fand nach dem Aufwachen nicht zurück in sein altes Leben. Es ging bergab, er landete auf der Straße und schließlich in der Kyreinstraße. Dort ist er angekommen, er darf sein wie er ist. "Das kennzeichnet unser Haus, dass wir uns für die Leute zuständig fühlen. "Wir setzen Leute nicht auf die Straße."

Ein anderer Mann rief jede Nacht den ärztlichen Notdienst, weil er Aufmerksamkeit brauchte. Ein schwieriger Bewohner, sie wussten nicht recht, ob er bleiben kann. Irgendwann kam sein Vater in der Kyreinstraße vorbei und erzählte: Dieses Verhalten, das seien die Folgen einer Hirnhautentzündung, an der sein Sohn als Kleinkind litt. "Da wird man demütig", sagt Baierlacher, der zu dem Zeitpunkt selbst kleine Kinder hatte. Seinem Team und ihm wurde klar: Mit dem müssen wir Geduld haben. Es ist der Mann, der Baierlacher später bat, sein Trauzeuge zu sein.

Baierlacher ist überzeugt, dass man etwas bewegen kann, wenn man die Strukturen für die Menschen verbessert. Ein Beispiel: Er hat die Doppelzimmer im Haus nach und nach zu Einzelzimmern mit Nasszelle umbauen lassen. "Wenn man sich vorstellt, man ist jeden Tag mit wildfremden Menschen zusammen - wie man da zur Ruhe kommen soll, das ist mir schleierhaft." Jetzt können die Männer das. Ein Mann lebte 25 Jahre im Haus.

Bei all dem Trubel, all den großen und kleinen Problemen jeden Tag, hat Baierlacher immer wieder Neues angestoßen. Hat die Kooperation mit dem Isar-Amper-Klinikum mitbegründet, und ganz aktuell, eine Zusammenarbeit mit Architekturstudenten der TU, die eine Unterkunft für Wohnungslose entwerfen. Oder das Projekt "Zeit für wohnungslose Menschen": Münchnerinnen und Münchner setzen sich für zwei Stunden an die Pforte und können so in Kontakt kommen mit den Bewohnern. Manche von ihnen erzählen ihre Geschichten, geben einen Einblick in ihr Leben. Ein wertvoller Austausch für beide Seiten.

Es kamen bisher nicht viele, sagt Baierlacher. "Aber diejenigen, die kamen, waren sehr angetan. Und die Bewohner haben es als Wertschätzung empfunden, dass sich Menschen, die nichts mit unserer Arbeit zu tun haben, für sie interessieren." Aus anderen Ideen ist noch nichts geworden. Zum Beispiel aus der Idee, eine Wohnung anzumieten, in der die Männer selbstbestimmt, mit Begleitung, bis zum Lebensende bleiben können.

Manfred Baierlacher hatte seinen Rentenbeginn verschoben, weil er abschließen wollte, was er begonnen hatte: Jeder Bewohner sollte ein eigenes Zimmer mit Nasszelle bekommen. Keine Doppelzimmer mehr, stattdessen ein eigenes Reich, Ruhe. Im Dezember 2021 sei der letzte Bauarbeiter aus dem Haus gegangen, sagt er. Und nun kann er auch gehen.

So ganz hört er aber doch nicht auf. Er betreut noch für knapp vier Stunden die Woche eine Notunterkunft des Katholischen Männerfürsorgevereins in Garmisch. Wer dort unterkommt? Wohnungslose Männer, natürlich.

Ob ihm das Haus und die Männer fehlen werden? Oder er den Männern? Da dürfe man sich keine Illusionen machen, sagt Baierlacher, er glaube nicht, dass er den Männern fehlen werde. Und erzählt dann von einem, der in der Nachbarschaft gut bekannt war. Der seine Botschaften mit Kreide auf die Garagenauffahrt und mit Edding auf Klebestreifen schrieb: Liebe Love Peace. Vor zwei Jahren ist er gestorben. Er gehöre zu den Menschen, die er vermisst. Aber, sagt er, und deutet auf seinen Kopf: Er hat die Männer und ihre Geschichten ja alle im Kopf.

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