Wohnraum "Platz da!": Organisationen wollen Flüchtlinge auch privat unterbringen

Auf Anhieb gut verstanden: Angelika Schretter würde gerne einem jungen Flüchtling aus Afghanistan ein Zimmer überlassen - aber sie darf nicht.

(Foto: Catherina Hess)
  • Während in anderen Bundesländer Flüchtlinge auch während eines laufenden Asylverfahrens privat wohnen dürfen, ist das in Bayern nicht erlaubt.
  • Fünf Flüchtlingsorganisationen wollen das mit ihrer Kampagne "Platz da!" ändern.
  • Sie argumentieren, dass sich die Flüchtlinge so leichter integrieren könnten und der Staat entlastet werde.
Von Inga Rahmsdorf

Seit einem halben Jahr unterstützt Angelika Schretter einen jungen Mann aus Afghanistan. Durch Zufall hat die 66-jährige Münchnerin den Flüchtling kennengelernt, die beiden haben sich auf Anhieb gut verstanden, seitdem hilft sie ihm bei Behördengängen, bei Arztbesuchen und bei der Arbeitssuche.

Der 27-Jährige, der nicht mit Namen in der Zeitung stehen will, hat einen Bachelor-Abschluss in Computerwissenschaften und spricht vier Sprachen. Er wurde einer Unterkunft in einem Dorf im Landkreis Rosenheim zugewiesen. Schretter hat Platz in ihrem Haus in München, er könnte sofort bei ihr einziehen, hätte unkompliziert sozialen Anschluss und Unterstützung. Doch er darf nicht. Flüchtlinge in Bayern müssen, solange ihr Asylverfahren läuft, in Gemeinschaftsunterkünften leben.

Der 27-Jährige will unbedingt Deutsch lernen und arbeiten. "Aber wie soll er auf dem Land einen Job finden?", fragt Schretter. Seine derzeitige Wohnsituation sei unzumutbar. Er könne dort nichts machen. Drei Stunden Deutsch hat er in der Woche. Schretter hat einen Sprachkurs für ihn in München organisiert, fünf Tage in der Woche. Doch das tägliche Pendeln ist zu teuer. Die Münchnerin hat vor sechs Wochen einen Antrag bei der Regierung von Oberbayern gestellt, damit er bei ihr einziehen darf. Bisher hat sie keine Antwort erhalten.

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Solche Beispiele gibt es in Bayern viele. Eine private Unterbringung von Asylbewerbern ist im Freistaat nicht vorgesehen - und von der Politik nicht erwünscht, solange das Verfahren läuft. Und das kann sich über Monate oder Jahre hinziehen. Selbst wenn Flüchtlinge in dieser Zeit eine Wohnung finden, wenn ihnen ein Zimmer angeboten wird, wenn sie bei Freunden unterkommen können, dürfen sie dort nicht einziehen.

Auch Menschen, die nur eine Duldung erhalten, müssen noch vier Jahre nach Abschluss des Asylverfahrens in einer Unterkunft wohnen. Häufig mit vielen anderen gemeinsam in einem Raum, ohne Privatsphäre, nur durch Stellwände getrennt. Ausnahmen werden nur bei Krankheiten und bei Familien zugelassen oder wenn die Asylsuchenden ausreichend Geld verdienen. Aber selbst dann ist es oft ein langes und bürokratisches Prozedere, das nicht immer bewilligt wird.

Eine Regelung, die absolut unverständlich ist, wie einige Münchner Flüchtlingsorganisationen finden. Sie haben deswegen die Kampagne "Platz da!" initiiert und fordern, auch in Bayern eine private Unterbringung von Flüchtlingen zu ermöglichen - so, wie es in vielen Bundesländern bereits gehandhabt wird.

Wie die Organisationen ihre Initiative begründen

Auf die Frage, wo Flüchtlinge wohnen sollen und wie sie am besten integriert werden können, gibt es keine einfache Antwort. Das behaupten auch die fünf Münchner Organisationen nicht, die sich zu der Kampagne zusammengeschlossen haben: die Lichterkette, Bellevue di Monaco, Refugio, der Bayerische Flüchtlingsrat und der Verein für Sozialarbeit.

Aber sie sind der Überzeugung, dass es kaum eine bessere Form der Integration gibt, als wenn Flüchtlinge möglichst schnell raus aus der Traglufthalle ziehen können, wenn sie nicht mehr in großen Gewerbegebäuden schlafen, sondern stattdessen in Wohnungen oder privaten Zimmern leben. Am besten mit sozialer Anbindung. Die Initiatoren behaupten nicht, damit alle Probleme lösen zu können. Aber vieles ließe sich so ihrer Ansicht nach entschärfen und erleichtern.

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Seit die Kampagne "Platz da!" Anfang Mai gestartet ist, sind mehr als 300 Unterstützer auf der Internetseite dem Aufruf gefolgt. Darunter auch bekannte Personen, vom Liedermacher Konstantin Wecker über den Würzburger Oberbürgermeister Christian Schuchardt (CDU), den Miesbacher Landrat Wolfgang Rzehak (Die Grünen) bis zur Schauspielerin Wiebke Puls. Die Zahl der Unterstützer steigt täglich. Die Initiatoren hoffen, so Druck auf die Politik auszuüben.