Wachstum Wer schon in München wohnt, hat leicht reden

An vielen Orten in München werden Wohnungen gebaut - der Bedarf ist groß.

(Foto: Catherina Hess)

Wachstumskritiker fordern, keine neuen Wohnungen mehr in der Stadt zu bauen. Das ist so falsch wie unverschämt.

Kommentar von Dominik Hutter

Natürlich kann man sich als Wachstumsgegner gerieren. München darf nicht noch größer, nicht noch voller werden. Die Leute sollen einfach woanders hinziehen, aufs Land zum Beispiel, wo ja so viel leer steht. Wer so argumentiert, ignoriert einen wesentlichen Grundsatz dieses demokratischen Systems: Der Staat kann seinen Bürgern nicht vorschreiben, wo sie zu wohnen haben.

Es herrscht Freizügigkeit, und wenn jemand wegen eines guten Jobs oder einfach nur so nach München ziehen will, kann und sollte man ihm dies nicht verwehren. Eine Stadt lebt davon, dass auch Menschen von außerhalb dazukommen.

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Und der Staat ist dafür da, das Zusammenleben seiner Bürger verträglich und sozial zu organisieren. Er sollte also Angebote schaffen, dass die ländlichen Gebiete nicht ausbluten. Er kann dort Schulen, Kliniken oder Buslinien retten und Firmen zum Ansiedeln ermuntern. Er darf aber nicht die Orte im Regen stehen lassen, in die die Bevölkerung strömt. Wie München. Auch hier gilt es, Angebote zu schaffen. Die Forderung von Wachstumskritikern, einfach keine neuen Wohnungen mehr zu bauen, ist so falsch wie unverschämt. Wer schon da ist und eine Wohnung hat, redet sich leicht über andere, die nun plötzlich kein Recht mehr haben sollen, nach München zu kommen.

Mit einer solchen Haltung schneidet man sich letztlich ins eigene Fleisch. Denn was ist der Hauptgrund für die hohen Mieten? Die Wohnungsknappheit, ausgelöst durch den hohen Bedarf. Baut man nichts mehr dazu, steigen die Mieten ins Unermessliche, und das schlägt irgendwann natürlich auch auf die Leute zurück, die bereits eine Wohnung haben. Ganz zu schweigen davon, dass sich eine Stadt nicht einfach abschotten kann - es sei denn, sie will so lange im eigenen Saft schmoren, bis der eigene Abstieg nicht mehr aufzuhalten ist.

Es gibt also keine andere Lösung als den mühsamen Weg des Hinterhechelns: Bauen, um den Bedarf an Wohnraum zu befriedigen. So funktioniert ein sozialer und demokratischer Staat, so funktioniert eine offene und faire Gesellschaft. Das bedeutet nicht, dass alle Grünflächen weichen müssen, auf keinen Fall. Aber ein wenig dichter wird es noch werden in München. Vielleicht auch urbaner. Das wäre doch kein Fehler.

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