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Wohnen und Wissenschaft:Nachts im Museum

Christine Füssl-Gutmann leitet das Kerschensteiner Kolleg

Ein Zimmer in München, in Traumlage, noch dazu in einem der berühmtesten Museen der Welt - das gibt es. Im Deutschen Museum können Gäste ganz offiziell übernachten. Dass sie dabei von Geistern ins Bergwerk entführt werden, brauchen sie nicht zu befürchten. Sie schlafen gut behütet in einem Seitentrakt auf der Museumsinsel - und lernen in Seminaren Menschen kennen, die ihnen die Welt der Technik näher bringen. Vor 40 Jahren wurde das Kerschensteiner Kolleg gegründet. Christine Füssl-Gutmann leitet die Bildungsstätte. Sie weiß, wie schön es sich auf der Insel wohnt. Und dass es manchmal ganz schön anstrengend sein kann.

Im Seminarraum liegen Dutzende Rucksäcke, Taschen und Jacken am Boden. Schüler aus Garmisch-Partenkirchen verbrachten ein paar Tage im Kolleg, vor der Abreise sind sie noch einmal ins Museum, während die Reinigungsfrauen die Zimmer sauber machen. Christine Füssl-Gutmann geht den langen Flur entlang und schaut nach dem Rechten. Sie lacht und grüßt die Frauen, die meisten kennt sie schon viele Jahre. Das ist längst nicht mehr üblich in der outgesourcten Welt. Aber Füssl-Gutmann legt Wert auf ein gutes Team, hat immer ein freundliches Wort.

Rund 1800 Gäste hat das Kolleg Jahr für Jahr, meistens bleiben sie drei bis vier Tage. Mal kommen Schüler aus Garmisch, mal Lehrer aus Idar-Oberstein. Mal sind es College-Studenten aus Tennessee, dann angehende Physiker aus Seoul. Es kommen Museumspädagogen, Erzieherinnen, Wissenschaftsjournalisten. Zu den Stammgästen gehören Lehramtsstudenten aus Göteborg. Die Roland-Berger-Stiftung schickt immer in den Faschingsferien Kinder aus sozial benachteiligten Familien. Es geht um Nano-Physik oder den "Stoff, aus dem die Dinge sind", um Molekularbiologie oder die Zusammensetzung eines Smartphones. Etwa 70 Prozent sind "Wiederholungstäter", sagt Füssl-Gutmann und: "Es macht sehr viel Spaß, jeden Tag mit motivierten Menschen zu arbeiten, die sich freuen, hier wohnen und lernen zu dürfen." Wer kann das schon sagen.

Füssl-Gutmann ist Soziologin und Pädagogin, sie hat ein natürliches Interesse an Menschen. Die Welt der Technik musste sie sich selbst erst erschließen - "obwohl ich schon als Kind in der Werkstatt meines Vaters Apparate zerlegen durfte". Vor den Experten, die im Deutschen Museum arbeiten, hatte sie anfangs allerdings größten Respekt. Zumal bis heute nicht alle verstehen, warum man sein Expertenwissen gelegentlich so vereinfachen muss, dass es auch ein Grundschüler begreift.

Christine Füssl-Gutmann im Deutschen Museum

Das Deutsche Museum ist eine eigene Welt. Christine Füssl-Gutmann kennt die vielen verschlungenen Wege durchs Haus und fast alle Mitarbeiter.

(Foto: Florian Peljak)

Füssl-Gutmann geht so oft wie möglich durchs Museum, auf Ideensuche für neue Seminare. Sie hat ihre Lieblingsobjekte. Die Dioramen etwa, "mit denen kann man Kinder auch noch im digitalen Zeitalter begeistern". Da ist der Schaukasten mit einer ländlichen Szenerie aus dem 17. oder 18. Jahrhundert. Ein Ochse geht auf einer Tretmühle - wenn er stehen bleibt, wird er stranguliert. "Da sind die Kinder jedesmal fasziniert und schockiert." Das sind Geschichten, die bleiben im Gedächtnis.

Für jede Zielgruppe erarbeitet sie mit ihrem Team ein spezielles Programm. Sie sucht passende Referenten aus der Forschungsabteilung des Museums, bezieht Mitarbeiter des Ausstellungsdienstes ein, die oft selbst Fachleute sind, und Handwerker aus den Werkstätten. "Es gibt ja so tolle Leute hier", sagt sie.

Einige Seminare übernimmt Füssl-Gutmann selbst. Sie hat eine Fortbildungsreihe für Erzieherinnen entwickelt, die ihr selbst viel Spaß macht. "Die Frauen - manchmal ist auch ein Mann dabei - sind wissbegierig, sie wollen etwas mitnehmen, was sie im Alltag umsetzen können." Weil frühkindliche Bildung so wertvoll für die spätere Entwicklung ist, könnten Erzieherinnen da einen wertvollen Dienst leisten. Außerdem hätten sie - anders als so mancher Physiklehrer - keine Angst, Fehler zu machen oder einfache Fragen zu stellen. Genau das braucht es aber, um sein Wissen an Kinder und Jugendliche weitergeben zu können.

"Bis Ende 2017 sind wir komplett ausgebucht", sagt Füssl-Gutmann. Mit federndem Schritt geht sie voraus durch die Flure des Kerschensteiner Kollegs. 30 Zimmer, überwiegend Doppelzimmer, sind hier zu vermieten, sie wurden rechtzeitig zum Jubiläum in Hellblau und Weiß gestrichen. "Mit Etagendusche und Gemeinschaftsküche bieten wir hier zwar kein Hotelniveau", sagt die Chefin, aber es gibt inzwischen einen großen Konferenzraum mit Media-Wand, eine Kaffeebar, Computerarbeitsplätze und Wlan. Und schließlich kommen die überwiegend jungen Leute ja zum Lernen, nicht zum Chillen.

Ob ein verlorener Schlüssel, ein defekter Beamer oder ein kurzfristig erkrankter Referent - Füssl-Gutmann ist für alles zuständig. Sie muss sich dann auf die Schnelle etwas einfallen lassen. Da trifft es sich gut, dass sie selbst im Museum wohnt. Das ist einerseits ein Privileg, sagt sie. Eine Wohnung auf der Insel mitten im Fluss, in einer der attraktivsten Städte Europas. Mit Blick aufs Wasser. Dafür würden manche Millionen zahlen. Aber es ist eben eine Dienstwohnung, und das heißt: "So ganz draußen ist man da nie."

Kerschensteiner

Benannt ist das Kolleg nach dem Münchner Schulrat und Reformpädagogen Georg Kerschensteiner (1854 - 1932), der die Einrichtung von Arbeitsschulen, Vorläufer der heutigen Berufsschulen, und die "staatsbürgerliche Erziehung der deutschen Jugend" förderte. Das Kolleg wurde 1976 gegründet und zählt heute rund 5000 Übernachtungen pro Jahr. Die Besuchergruppen erhalten Vorträge von Experten, Anschauungsunterricht im Museum und dürfen selbst experimentieren. Es gibt wenige Plätze für Einzelbesucher.

Vor ein paar Jahren war eine Gruppe aus Frankreich da, mit französischen, tunesischen und marokkanischen Schülern. Die wollten ein wenig das Nachtleben genießen. "Da rief mitten in der Nacht die Polizei an", erzählt Füssl-Gutmann. Drei Jungs und ein Mädchen hatten auf ihrer Partytour beim Rauchen vor einem Club aus Versehen einen Plastikbaum angezündet. "Sie mussten die Nacht in der Ettstraße verbringen - und ich durfte am nächsten Morgen den Vater des Mädchens und die französische Botschaft beruhigen." Einer der tunesischen Betreuer wurde später Konsul und schickte jedes Jahr an Weihnachten köstlichste Datteln, in Samt eingeschlagen.

Die Familie Füssl-Gutmann ist solche Dinge gewohnt. Denn auch Rolf Gutmann arbeitet im Museum. Er gibt das Magazin Kultur und Technik mit Geschichten rund um das Museum heraus. Es wurde, genauso wie das Kolleg, 1976 gegründet, in einer Zeit der Bildungsoffensive. Es erscheint viermal im Jahr im Beck-Verlag und erreicht mit einer Auflage von 18 000 Exemplaren sehr viele Museumsfreunde. "Wir feiern also ein Doppeljubiläum", sagt die Soziologin und lacht dabei. Wie das Leben eben so spielt. Das Schönste an ihrem Alltag im Museum: "Ich lerne jeden Tag etwas dazu."

Dass sie als Soziologin Zugang zur Welt der Naturwissenschaften bekam, dafür, sagt sie, ist auch ihr ehemaliger Chef Jürgen Teichmann verantwortlich, der das Kolleg damals leitete. Der Physiker hielt so spannende Vorträge aus der Geschichte der Physik und Astronomie, "dass ich immer mehr wissen wollte". Und ein Buch hat sie darin bestärkt, dass man auch Koryphäen einfache Fragen stellen darf: Bill Brysons Bestseller "Eine kurze Geschichte von fast allem". Der Amerikaner schaffte, es, seine Leser für Naturwissenschaften zu begeistern - das ist ja auch das Ziel des Kerschensteiner Kollegs.

Zur Jubiläumsfeier tritt Teichmann in einem kleinen Theater in der Rolle des Astronomen Johannes Kepler auf, der Physiker Harald Lesch spielt Galileo Galilei und der Philosophieprofessor Wilhelm Vossenkuhl den Kardinal Bellarmin. Die drei streiten in dem fiktiven Gespräch über das richtige Weltbild. Christine Füssl-Gutmann hat ihnen Kostüme aus der Requisite der Kammerspiele besorgt, samt künstlichen Bärten. Da hängen sie nun, die schweren, pelzbesetzten Mäntel. Auch darum kümmert sie sich nebenbei.