Wohnen und arbeiten:Neue Konzepte gesucht

67 Hektar Flächen für klassisches Gewerbe sind in den vergangenen zehn Jahren verloren gegangen - das Wirtschaftsreferat sucht nach neuen Konzepten

Von Christian Rost

Die Wirtschaft läuft in München nach wie vor gut. Das gilt laut Handwerkskammer für München und Oberbayern nach dem Boom der vergangenen Jahre aber nicht mehr für alle Gewerke. Während die Baubranche und die Betriebe, die sich auf den Ausbau von Gebäuden spezialisiert haben, weiter einen steigenden Auftragseingang verzeichnen, schwächelt das Geschäft bei den Zulieferbetrieben für die Industrie. Im dritten Quartal 2019 stagnierten deren Auftragsbestände zum ersten Mal seit fünf Jahren, berichtete Kammerpräsident Franz Xaver Peteranderl bei der Vollversammlung der Handwerker. Er mahnte die Politik, nun die Weichen richtig zu stellen. Insbesondere durch die Konkurrenz um Flächen in der Stadt drohten viele Handwerksbetriebe zerrieben zu werden.

Denn die Flächen fürs Gewerbe sind nicht mehr geworden, wie immer wieder behauptet wird, sondern deutlich weniger. Laut dem städtischen Wirtschaftsreferat sind in den vergangenen zehn Jahren in München bereits 67 Hektar Flächen für klassisches Gewerbe verloren gegangen. Stattdessen seien seit 2008 mehr als zwei Millionen Quadratmeter Geschossfläche Wohnraum auf ursprünglichen Gewerbeflächen geschaffen worden. Händeringend wird nach Konzepten gesucht, die das Nebeneinander von Arbeiten und Wohnen unter einen Hut bringen. Wirtschaftsreferent Clemens Baumgärtner sieht sich da vor einer Herausforderung, weil der Handlungsspielraum der Stadt eingeschränkt sei. Die Möglichkeiten beschränkten sich im Wesentlichen auf die Planung und Ausweisung von Gewerbegebieten und das Vermitteln. Die eigenen Flächen der Stadt für eine Gewerbenutzung seien längst aufgebraucht. Der Bedarf ist auch wegen des Schwunds der vergangenen Jahre enorm, laut einem Gutachten fehlen 120 Hektar. Etwa ein Drittel will die Stadt in den kommenden Jahren schaffen, etwa auf dem Areal der ehemaligen Funkkaserne, auf dem Junkersgelände oder an der Ludwigsfelder Straße. Des weiteren müsse in bestehenden Gewerbegebieten die bauliche Dichte erhöht werden, auch beim produzierenden Gewerbe, schlägt das Wirtschaftsreferat vor. Für Betriebe, die keinen Lärm und Verkehr verursachen und weitgehend als Dienstleiter arbeiteten, müsse die Trennung von Wirtschaft und Wohnen wegfallen, sagt Referent Baumgärtner. "Unten Läden, darüber Büros, oben Wohnungen, das ist die ideale Mischung", ist er sich sicher. Das in die Tat umzusetzen, erweist sich alles andere als einfach: In der Planung solcher Projekte wird politisch heftig gerungen, wie sich am neuen Stadtquartier im Münchner Osten zeigt. Die einen wollen möglichst viele Wohnungen schaffen, andere auch viele Arbeitsplätze, um reine Schlafviertel zu vermeiden. Die Flächennot trifft meist kleinere und mittlere Betriebe: Weltkonzerne müssen sich über exorbitant steigende Grundstückspreise keine allzu großen Gedanken machen. Unternehmen wie Google können sich problemlos Platz für Büros in München kaufen und mal eben auf dem Gelände des Postpalastes 1500 neue Arbeitsplätze schaffen.

Handwerksbetriebe wissen derweil nicht mehr wohin. Die Rathauskoalition verschärft die Lage aus Sicht der Handwerkskammer noch. So will die Stadt Gewerbeflächen künftig nicht mehr verkaufen, sondern nur noch in Erbpacht vergeben. Handwerker, die bei der Kreditvergabe und für die Alterssicherung auf Eigentum angewiesen seien, würden dadurch benachteiligt, so Kammerpräsident Peteranderl. Auch die von der Stadtpolitik angedachte Vorgabe, Werkswohnungen anbieten zu müssen, um bei der Grundstücksvergabe noch zum Zuge zu kommen, werde kleinere Firmen aus der Stadt vertreiben. "München besteht aber nicht nur aus Dax-Unternehmen und Großindustrie", mahnte er. Es brauche statt Einschränkungen bei der Grundstücksvergabe "intelligente Instrumente" wie ein Baulückenkataster, um auch weiterhin dem Handwerk Flächen zur Verfügung stellen zu können.

© SZ vom 22.01.2020
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