Süddeutsche Zeitung

Wohnungsmarkt:"Es brennt an allen Ecken und Enden"

Viele junge Menschen tun sich bei der Wohnungssuche besonders schwer. Das Jugendinformationszentrum bietet eine Beratung an - und muss oft erklären, dass eine eigene Wohnung eine Illusion ist.

Zum Beispiel die 17-jährige Auszubildende, die vorläufig in einer Notstelle unterkommen konnte. Sie hatte mit ihrem Freund zusammengewohnt, nach der Trennung musste sie ausziehen. Die Eltern leben in einer anderen Stadt; weil das Mädchen sich nicht gut mit ihnen versteht, möchte sie in München bleiben - findet aber kein bezahlbares Zimmer. Oder der junge Mann, gerade volljährig, der mal bei der Mutter in München, mal beim Vater in der Türkei gewohnt hat und nun bei der Mutter rausgeflogen ist. Oder ein Flüchtling, der einst minderjährig nach Deutschland gekommen ist und nun auf dem Wohnungsmarkt keine Chance hat.

Mit solchen Fällen hat Stephan Hadrava jeden Montag zu tun. Montags zwischen 14 und 18 Uhr können junge Menschen zur Wohnberatung ins Jugendinformationszentrum (JIZ) des Kreisjugendrings in die Sendlinger Straße 7 kommen. Kostenlos, anonym und ohne Anmeldung. Dass das Thema Wohnen auch in dieser Zielgruppe immer brisanter wird, sehen Hadrava und seine Kollegen an der Statistik: Innerhalb von drei Jahren ist die Zahl der Beratungen von 200 auf 400 angestiegen. "Es brennt an allen Ecken und Enden", sagt Hadrava.

Ein PDF zum Wohnen in München wurde innerhalb von drei Monaten über 1000 Mal heruntergeladen. Früher waren es 800 Downloads in sechs Monaten. Die Rolle der Berater ist aber oft keine angenehme. Häufig müsse er den Jugendlichen ihre Illusion von einer eigenen Wohnung nehmen, sagt Hadrava. Er versucht ihnen dann klarzumachen, dass das in ihrer aktuellen Lebenssituation in dieser Stadt nicht realistisch ist - und zeigt Alternativen auf.

Ein Montagnachmittag in den Pfingstferien. Heute ist es recht ruhig, über den Nachmittag verteilt kommen eine junge Frau und ein junger Mann zur Beratung. Es gibt aber auch andere Tage, solche, an denen die Besucher sich die Klinke in die Hand geben. Wer es unter jungen Leuten am schwersten habe auf dem Wohnungsmarkt? Die mit Migrationshintergrund, sagt Hadrava, die ohne festes Einkommen, klar, und Minderjährige. Schüler haben es schwerer als Azubis, die es generell wiederum schwerer haben als Studenten, die oft finanziell gesehen den besten "Eltern-Hintergrund" haben und auch auf dem Jobber-Markt am beliebtesten sind. Viele, die zur Beratung kommen, erzählen, dass sie sich von Freundescouch zu Freundescouch durchschlagen. Wer sich aber in einer solch prekären Wohnsituation befindet, der hat es meist schwer, zugleich die Schule oder Ausbildung zu meistern.

Manche kommen in der Hoffnung ins JIZ, dort werde ihnen eine Wohnung vermittelt. Auch sie muss Hadrava enttäuschen. Stattdessen gibt er Tipps zur Zimmersuche und vermittelt die jungen Leute an Fachstellen. Dabei zeigten sich sehr unterschiedliche Ausgangssituationen: Den einen muss er erst einmal erklären, was es mit Sozialhilfe, Kindergeld und Wohnheimen auf sich hat; die anderen haben schon einiges durch und wollen von der Jugendhilfe nichts mehr wissen.

Manche sagen, dass sie lieber unter der Brücke schliefen, als sich noch einmal in das System einzugliedern, mit dem sie schlechte Erfahrungen gemacht hätten. Er könne das im Prinzip ja verstehen, sagt Hadrava: wenn jemand partout nichts mit dem Jugendamt oder - wegen schwerer Konflikte - mit den Eltern zu tun haben will, nur in Ruhe die Ausbildung machen und alleine wohnen will. "Aber die Realität in München sieht eben so aus, dass man sich eine eigene Wohnung leisten können muss." Manchmal sieht er diese Leute ein halbes Jahr später wieder, wenn sie in einem Viererzimmer in einer Notunterkunft gelandet sind und ihnen dämmert, dass die Jugendhilfe doch nicht so schlecht war. "Aber dann ist es schwer, wieder reinzukommen."

Auch per E-Mail oder Whatsapp melden sich junge Leute zur Beratung, wie etwa die beiden Männer aus Bosnien, die von Juli bis September zum Arbeiten nach München kommen und noch ein Zimmer suchen. In so einem Fall kann das JIZ nur auf die Zwischenvermietung in Wohnheimen, auf Hostels oder die WG-Suche verweisen. Was gerade wieder abebbt, sind die Fälle von jungen Flüchtlingen, die aus der Jugendhilfe fallen und auf dem Wohnungsmarkt keine Chance haben - 2018 gab es viele solcher Geschichten. Zurzeit melden sich viele Studenten, die im Herbst nach München ziehen und sich nicht rechtzeitig um ein Zimmer gekümmert haben. Auch eine Mutter hat sich schon gemeldet, um zu fragen, ob sie ihren 24-jährigen Nesthocker-Sohn rausschmeißen könne, der weder studieren noch arbeiten will und seine Zeit lieber mit Daddeln verbringt.

Schwierige mietrechtliche Fälle verweisen seine Kollegen und er an die Mietrechtsberatung für junge Leute bis 26 Jahre, die jeden zweiten Montag im Monat in Kooperation mit dem Mieterverein nach Anmeldung ebenfalls im JIZ stattfindet.

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SZ vom 28.06.2019/baso
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