Wohnen in München Zwangsräumung in München: 180 Bewohner verlieren Unterkunft

Als Unterkunft für Wohnungslose hat das städtische Sozialreferat dieses Gebäude am Neubruch angemietet. Kurzfristig mussten die 180 Bewohner jetzt ihre Quartiere verlassen. Die genauen Hintergründe sind noch unklar.

(Foto: Florian Peljak)
  • Im Münchner Stadtteil Moosach wurden 180 Menschen zwangsweise umgesiedelt, zum Packen blieb ihnen kaum Zeit.
  • Unklar ist, warum der Auszug so abrupt geschehen musste:
  • Die Anordnung kam vom Sozialreferat. Dort fürchtete man offenbar, dass der Vermieter kündigen würde.
  • Die 2-rent Group bestreitet das und verweist auf ausbleibende Zahlungen seitens der Stadt.
Von Thomas Anlauf und Ingrid Fuchs

Unbezahlbare Mieten, Leben auf kleinstem Raum oder unzumutbare Wohnstandards: Wer in München zur Miete wohnt, ist an Schreckensmeldungen gewöhnt. Aber binnen weniger Stunden seine Unterkunft zu verlieren? Das kann sich wohl niemand vorstellen. Die 180 Bewohner eines Hauses am Neubruch im Stadtteil Moosach haben aber genau das erlebt. Am vergangenen Mittwoch erfuhren sie, dass sie rausmüssen. Sofort. Nur drei Stunden Zeit hätten sie gehabt, um alle ihre Sachen zu packen, berichtete der Münchner Merkur. Damit niemand auf der Straße landet, wurde in der Bayernkaserne kurzerhand eine Unterkunft vorbereitet, in einem Haus, das sonst für das Kälteschutzprogramm oder für Flüchtlinge genutzt wird, sind die Bewohner nun spontan untergekommen.

Die genauen Gründe für die überstürzte Räumung durch die Stadt sind noch unklar. Beim Sozialreferat ist dem Münchner Merkur zufolge von einer angedrohten Kündigung seitens des Vermieters, der Münchner 2-rent Group, die Rede. Der hingegen fühlt sich falsch dargestellt: Man habe selbst erst am Mittwochvormittag vom Räumungsvorhaben erfahren. "Wir haben niemanden aus dem Objekt geworfen und hatten das auch nicht vor", schreibt Alexander El Naib von der 2-rent Group in einer Stellungnahme. Allerdings seien seit sieben Wochen keine Zahlungen eingegangen, weshalb man das Sozialreferat darauf hingewiesen habe, "dass wir eventuell unsere Leistungen über die Osterfeiertage nicht mehr aufrechterhalten können. Dies bezog sich jedoch nur auf Themen wie Reinigung, Betreuung und Sicherheitsdienst."

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Sicher ist also nur: Das Haus am Neubruch wird von der Münchner 2-rent Group betrieben und beherbergt in der Regel Wohnungslose. Das Sozialreferat hat seit Jahren Verträge mit dem Unternehmen, das sich auf die vorübergehende Unterbringung von Menschen spezialisiert hat, die sonst keine Unterkunft finden - das können durchaus auch Arbeiter sein, die vorübergehend in München beschäftigt sind. In Unterlagen des Sozialreferats, die der Süddeutschen Zeitung vorliegen, ist das Gebäude am Neubruch jedoch seit 1. August 2012 als Unterkunft für Wohnungslose vermerkt. 195 Bettplätze gibt es demnach dort, der Vertrag läuft laut dem Papier bis 31. Juli 2017. Mit der Option auf eine Verlängerung um ein Jahr, wenn nicht spätestens sechs Monate zuvor gekündigt worden ist.

Nach SZ-Informationen hatte bereits vor knapp zwei Jahren der Unternehmer seinerseits eine außerordentliche Kündigung mit dem Sozialreferat für die Unterkünfte am Neubruch und am Eversbuschhof angedroht. Er beklagte damals, keine Informationen über die Bewohner zu erhalten, die dem Haus zugewiesen werden und dass die Bewohner zuvor überall rausgeflogen seien. Die Folge sei, dass die Unterkünfte teilweise mit psychisch und physisch Kranken belegt seien, was die Mitarbeiter der 2-rent Group stark beanspruche, außerdem seien die Renovierungskosten für die häufig verdreckten Wohnungen enorm. In einer Sondersitzung mit Vertretern der Stadt im August 2015 nahm er seine Kündigung zurück, nachdem ihm angeboten wurde, mehr Geld pro Bett für die Unterbringung der Wohnungslosen zu erhalten.

Für die 180 Ex-Bewohner des Hauses in Moosach stellt sich gerade aber eine dringlichere Frage: Wie geht es weiter? Zumindest für die nächsten Wochen kann Anton Auer weiterhelfen. Als Bereichsleiter des Evangelischen Hilfswerks hat er dafür gesorgt, dass im Haus 12 auf dem Gelände der Bayernkaserne schleunigst Platz geschaffen wird. Am Mittwochnachmittag habe sich die Stadt bei ihm gemeldet, am Donnerstag zogen die neuen Bewohner schon ein. Allerdings sei das nur eine Behelfslösung, "die Mindeststandards können derzeit kaum eingehalten werden", sagt Auer. Deshalb würden nun zwei andere Häuser vorbereitet, in die die 180 Menschen umziehen. Für wie lange, ist noch offen.

Unklar dürfte auch sein, wie die Zusammenarbeit des Sozialreferats mit der 2-rent Group künftig weiterläuft. Auch wenn noch nicht klar ist, woran es diesmal lag, so ist das Unternehmen doch bereits in der Vergangenheit negativ aufgefallen. Etwa als bekannt wurde, dass eine vierköpfige Familie für ein 20 Quadratmeter großes Zimmer 950 Euro Miete zahlen muss.

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