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Wohnen in München:Das Anwesen soll nicht meistbietend verkauft werden

In den USA hat er fünf Nichten und Neffen. Das Haus an sie vererben? Unwahrscheinlich, dass jemand von ihnen nach München ziehen wollen würde; sie würden wohl meistbietend verkaufen. Das wollte Fischer auf keinen Fall. Was er wollte: dass die Mieter der fünf Wohnungen zu den gleichen Konditionen wie bisher im denkmalgeschützten Vorderhaus bleiben können. Dass der Schreiner in der Werkstatt und der Verlag in den Atelierräumen im Mittelhaus bleiben können. Dass der Garten exakt so erhalten bleibt, wie er ist.

Unterdessen seien die Angebote der Makler "immer unanständiger" geworden, erzählt Fischer. Allein für die Werkstatt im Hinterhof bot jemand 2,5 Millionen Euro. Das Grundstück wäre eine Goldgrube für Investoren, man könnte die Werkstatt abreißen und ein großes Haus mit vielen teuren Eigentumswohnungen hinbauen. Wie man das so macht in München. Aber dazu müssten sie erst mal einen Querkopf wie Fischer überzeugen. "Was glauben die eigentlich? Hier wohnen und arbeiten Menschen. Die sind keine Investition. Die haben hier ein Zuhause."

Wenn er mit jemandem einen Mietvertrag machte, gab es keine freiwillige Selbstauskunft und solchen Firlefanz. "Ich habe die Leute gefragt, ob sie sich die Wohnung leisten können." Basta. Das Problem war nur, dass die Leute, die zur Besichtigung kamen, alle so nett waren. Wenn er es nicht konnte, ließ er seine Tarotkarten entscheiden. Heute hat Fischer ein familiäres Verhältnis zu seinen Mietern. Als das Paar im Erdgeschoss Nachwuchs bekam, wurde er der Taufpate. Jedes Mal, wenn ein Kind geboren wurde, kürzte er die Miete um 50 Euro, schließlich hatten die Familien nun ohnehin größere Ausgaben.

Irgendwann erzählte ihm jemand von Genossenschaften. Das kam ihm bekannt vor, sein Neffe hatte in Virginia einmal in einer cooperative gewohnt, einem gemeinschaftlichen Wohnprojekt. Fischer zieht das Wort wie Kaugummi, wie ein Amerikaner. Genossenschaften also. Er informierte sich über die Münchner Wogeno und war begeistert über das Zusammenleben der Mieter dort. Mit Gästeapartments, die jeder Bewohner buchen kann, mit Generationenwohnen und gemeinsamen Festen. "Die Leute sind so glücklich", sagt Fischer, "ohne dass es eine Kommune ist." Es sei ein erlösender Gedanke für ihn gewesen, sagt er. "Ich gebe das Haus zurück an die Menschen." Das war im Jahr 2014. Damals gab es erste Gespräche mit der Wogeno. "Sowas von relaxt", erinnert sich Fischer. "Die haben mich zu nichts gedrängt."

Er fasste einen Beschluss. In seinem Testament steht nun, dass die Häuser nach seinem Tod der Münchner Genossenschaft Wogeno vermacht werden sollen. Rund zwei Millionen Euro wird diese bezahlen, Fischer will, dass seine Nichten und Neffen in den USA etwas bekommen. Sie sollen alle etwas haben, sagt er, "aber nicht zu viel". Wenn es um das Thema Erbe geht, fragt er sich immer wieder, "was diese irrsinnig reichen Leuten ihren Kindern und Enkeln da antun". Seine Mieter werden dann Mitglied in der Genossenschaft werden, sie werden Eigentümer und Mieter ihrer Wohnungen zugleich sein, mit lebenslangem Wohnrecht und stabilen Mieten.

Es ist nicht so, dass Wolfgang Fischer sich zum großen Wohltäter aufschwingen will. Er will einfach nur, dass der Besitz seiner Familie weiterhin mit Liebe behandelt wird. Und dass die Menschen, die dort leben, weiterhin gut leben können.

© SZ vom 13.06.2018/vewo
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