Wohnen in München Es muss nicht schlecht sein, wenn eine Straße aufgewertet wird

Das war einmal anders. Als der Maler und Mitbegründer des Blauen Reiter, Franz Marc, seine Jugend in der Schwanthalerstraße verbrachte, standen hier noch zahlreiche Bäume, die schönen Stadthäuser, von denen heute nur noch wenige existieren, hatten oft Vorgärten. Die Nationalsozialisten verwandelten in den Dreißigerjahren die einst grüne Vorstadt in die zubetonierte Schneise, wie man sie heute kennt. Fritz Wickenhäuser kämpft als Vorsitzender des Vereins südliches Bahnhofsviertel seit Jahren dafür, dass die Schwanthalerstraße wieder viele Bäume erhält und mehr Platz für Menschen, damit die sich auch mal hinsetzen können, ohne gleich etwas kaufen zu müssen.

Stattdessen droht noch mehr Ödnis: die vielen Hotels, all die Wettbüros und Spielhallen in Richtung Sonnenstraße. "Wenn ein Laden schließt, kommt meist entweder ein Wettlokal oder eine Shisha-Bar", sagt Wickenhäuser. Und es schließen immer wieder Geschäfte. Elektro Zelko etwa, seit fast zwei Jahrzehnten in der Schwanthalerstraße beheimatet, Ende des Jahres wegen Geschäftsaufgabe.

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Ein paar Meter weiter steht Luigi de Leo in seinem Laden, der Schlüsselzentrale Pankofer. Seit 21 Jahren arbeitet er hier, "die alten Geschäfte sind alle verschwunden", sagt der Verkaufsleiter. "Ich finde es schon schade, wie sich das Viertel entwickelt hat." Wenn das Gebäude, in dem die Schlüsselzentrale ihren Sitz hat, nicht der Firma gehören würde, "hätten wir wohl schon aufgegeben", sagt de Leo.

Ein Stück weiter die Straße hinunter sind unter Arkaden ein paar Läden, die immer noch leben. "Diamant Damenmode" zum Beispiel, handschriftlich steht auf dem Schaufenster etwas auf Arabisch, drinnen hängen konservative orientalische Kleider. Nebenan verkauft Aytac Zagreb Koffer in allen möglichen Farben und Formen, Gürtel, Pfeifen, Kram. Doch wie lange noch? Der Gebäudekomplex, in dem die Läden zu Hause sind, wurde verkauft.

Die Credit Suisse Asset Management Global Real Estate hat Anfang des Jahres die riesige Immobilie erworben. Der 45 000 Quadratmeter große Gebäudekomplex zwischen Schwanthalerstraße, Paul-Heyse- und Bayerstraße gehörte bis dahin der Postbank. "Die Lage direkt am Hauptbahnhof in Verbindung mit der Dimension des Objektes bietet enormes Potenzial", teilte die Credit Suisse im Januar mit. Was mit der markanten Immobilie namens "Correo" mit ihren Läden, Büros, Lokalen und Arztpraxen geschehen soll, ist bislang nicht bekannt. Das Unternehmen "möchte sich derzeit nicht zu Correo äußern", teilt die Credit Suisse mit.

Abends vor dem Deutschen Theater geht es beschwingt zu.

(Foto: Stephan Rumpf)

Es muss nicht schlecht sein, wenn eine Straße aufgewertet wird. Das Deutsche Theater zieht nach der jahrelangen Generalsanierung abends wieder ein ganz anderes Publikum an. Vor den Aufführungen stehen Theatergäste im schönen Innenhof, der Faunbrunnen rauscht und Gläser klingen. Tagsüber gehen nebenan die Händler ihren Geschäften nach, sie verkaufen Uhren, Schmuck, Obst und Gemüse. Hier in "Klein-Istanbul" geht es tagsüber so exotisch zu wie sonst nur noch in der Landwehrstraße. "Das ist hier der einzige großstädtische Bereich in ganz München", sagt Alexander Miklosy.

Er meint damit nicht nur die kleinen Läden, die es immer schwerer haben, die steigenden Mieten zu zahlen. Da sind auch die vielen sozialen und politischen Institutionen: das Eine-Welt-Haus als Diskussionsplattform und Treffpunkt für Menschen vieler Kulturen, dann ist da der große Riegel des Münchner Gewerkschaftshauses, vor dem immer wieder auch Demonstrationen starten wie kürzlich gegen den Münchner Mietwahnsinn. Hier in der Straße ist das Zentrum für Migration in Bayern (ZIB) ebenso zu Hause wie die Münchner Aktionswerkstatt Gesundheit (MAGS).

Und natürlich sind da noch die Menschen, die zum Teil seit Jahrzehnten hier leben: die alte Dame, die einst aus Griechenland nach München kam und dank eines freundlichen Vermieters immer noch so günstig wohnen kann, dass ihre schmale Rente noch reicht. Oder der Mann mit den weiten Pluderhosen, tagein tagaus geht er auf seinen Stock gestützt langsam die Straße entlang. Können sich solche Menschen auch dann noch die Miete leisten, wenn die Immobilienmakler in der lauten Schwanthalerstraße das große Geld wittern?

Bauherr Friedrich Neumann ist sicher, dass seine Theater Suiten "der Schwanthalerstraße gut tun werden". Die Straße habe sich doch bereits "gewaltig verändert, wie viele anderen Straßen in München auch". Der Wandel von einer schmuddeligen Verkehrsschneise zu einem begehrten Wohnviertel sei nicht aufzuhalten und werde sich bis zur Sonnenstraße fortsetzen, meint Friedrich Neumann. Und dann sagt er einen bemerkenswerten Satz: "In zehn bis zwanzig Jahren wird das eine Prachtstraße sein."

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