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Wohnen in München:"Genug gebaggert, in München sollen wieder Blumen blühen!"

Die Autoren des Berichts kritisierten die städtische Baupolitik deutlich: "Es war in der Mitte der 70er Jahre zweifellos kurzsichtig, einen zeitweisen und sogar zumindest fragwürdigen Wohnungsüberhang als dauerhafte Verbesserung der Münchner Wohnverhältnisse anzusehen und auf dieser Basis eine restriktive Planungspolitik zu betreiben."

Gemeint war in dem Bericht, der in der Amtszeit des Oberbürgermeisters Erich Kiesl (CSU) entstand, die auf der sogenannten Dampfkessel-Theorie basierende Politik des sozialdemokratischen OB Georg Kronawitter, welcher der Devise folgte: "Genug gebaggert, in München sollen wieder Blumen blühen!" Schön gestaltete Erholungsflächen wie der Westpark entstanden, die letzten freien Areale der Stadt wollte Kronawitter nicht leichtfertig für den Bau von Wohnungen, Büros und Gewerbebetrieben opfern. Auch diese Debatte ist bis heute nicht verstummt.

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Zum Erliegen gekommen ist der Münchner Wohnungsbau aber weder in der Ära Kronawitter, die für sechs Jahre durch Erich Kiesl unterbrochen wurde, noch in der Amtszeit Christian Udes, die 1993 begann. Zwischen 1980 und 2014 stieg die Zahl der Münchner Wohnungen von 568 527 auf 775 175. Die Einwohnerzahl blieb lange Zeit relativ konstant bei um die 1,3 Millionen, von 2006 an ging es jedoch steil bergauf auf mittlerweile 1,55 Millionen.

Doch selbst in Zeiten geringer Zunahme ging es auf dem Münchner Wohnungsmarkt alles andere als gemütlich zu. Beispielsweise konstatierte der Wohnungsbericht für die Jahre 1992/93 ein kontinuierliches Anwachsen der Mieten, nur im oberen Preissegment kamen die Mieter etwas günstiger davon. Für Menschen, die nur über geringe Einkünfte verfügten, war das kein Trost. Ihnen verhieß der Bericht nichts Gutes: "Preiswerter Wohnraum bleibt allerdings wie bisher Mangelware und wird auch in den nächsten Jahren durch Umwandlungen, Modernisierungen und Mieterinnenwechsel und Mieterwechsel weiter abnehmen. Was vor allem fehlte und fehlt, sind Wohnungen, die sich auch Normalverdiener leisten können." Verstärkt wurde diese Entwicklung durch den kontinuierlichen Schwund von Sozialwohnungen.

Ein paar Jahre später, im Bericht zur Jahrtausendwende, war der Befund nicht besser - im Gegenteil: Der Anstieg der Mieten hatte sich beschleunigt. Dabei machten die Autoren auf ein seltsames Phänomen aufmerksam: "Von 1970 bis 2001 blieb die Einwohnerzahl Münchens annähernd gleich, die Anzahl der Wohnungen stieg aber um rund 240 000." Warum war und ist der Wohnraum trotzdem so knapp? Eine wichtige Rolle spielen dabei die gehobenen Ansprüche. Betrug die durchschnittliche Wohnfläche pro Einwohner Anfang der Siebzigerjahre noch 24 Quadratmeter, so waren es um das Jahr 2000 schon 38 Quadratmeter. Immer weniger Menschen lebten in einem Haushalt zusammen, die Zahl der Single-Haushalte war gestiegen.

Eigentlich könnte über dem Münchner Wohnungsmarkt seit Jahrzehnten die Aufschrift stehen: "Und täglich grüßt das Murmeltier." Alles bleibt, wie es ist: Wohnungen, vor allem erschwingliche, sind so selten, wie Oasen in der Wüste. Und so lesen sich die amtlichen Berichte, als wären sie aus immer den gleichen Textbausteinen zusammengesetzt. Letztes Beispiel, der Bericht von 2015: "Der Wohnungsbestand in München wächst kontinuierlich. Allerdings steigt die Zahl der Haushalte in der Landeshauptstadt München stärker, was die Nachfrage nochmals weiter erhöht. Gleichzeitig werden die verfügbaren Flächenreserven immer knapper." Kurz gesagt: Der Dampfkessel brodelt weiter.

© SZ vom 31.03.2018/bica
Wohnen in München
Online-/Digital-Grafik

In keiner anderen deutschen Stadt sind die Preise auf dem Wohnungsmarkt so expoldiert wie in München. Allein in den vergangenen zehn Jahren gab es einen Anstieg um etwa 40 Prozent.

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