Wohnen in München Ein Haus, das anders ist

Wer welche Wohnung bekommt, wurde beim Bewohnertreffen ausgepuzzelt.

(Foto: Stefanie Preuin)

Ein Stückchen München für 100 Menschen: Eine Genossenschaft baut mit künftigen Bewohnern ihr eigenes Haus, das "San Riemo". Was passiert, wenn man einen Sehnsuchtsort Realität werden lässt?

Von Anna Hoben

Am Anfang stand die Idee, ein Haus zu bauen. Ein Haus, das anders ist als viele der Häuser, die sonst entstehen in den Neubaubauvierteln von München. Kooperative Großstadt heißt die Genossenschaft, ihr erstes Projekt tauften sie "San Riemo", angelehnt an die Messestadt Riem, wo es gebaut wird, und an die italienische Küstenstadt Sanremo. San Riemo, das klang so schön nach Sehnsuchtsort. Und für die etwa 100 künftigen Bewohner ist ihr neues Haus das auch.

Das Grundstück ist längst gekauft, "0,1221 Hektar Ödland Nähe Heinrich-Böll-Straße", wie es im Kaufvertrag heißt, für einen Preis von 2,5 Millionen Euro. "Die Stadt gehört wieder euch", schrieben die Genossen damals euphorisiert auf Facebook, "und ein kleines Stückchen Stadt gehört jetzt uns." Die Baugenehmigung soll im Oktober kommen. Von November an sollen Bagger rollen, im März soll Beton fließen. Die Ausschreibungen für Baufirmen sind raus. Doch "die Baukosten sind in den vergangenen Monaten explodiert", sagt Genossenschaftsvorstand Markus Sowa. Sie rechnen mit 6,7 Millionen Euro.

Dieser Text ist Teil des Projekts Werkstatt Demokratie. In einer Schwerpunktwoche widmen wir uns in Beiträgen und Diskussionen der Frage "Wie wird Wohnen wieder bezahlbar?". Alle Texte und Infos zum Projekt hier.

Vor drei Jahren haben sie die Kooperative Großstadt gegründet, mit dem hohen Anspruch, frischen Wind in den Münchner Wohnungsbau zu bringen und ihn langfristig vielleicht sogar umzukrempeln. Für San Riemo schrieben sie einen offenen Architektenwettbewerb aus, im Sommer letzten Jahres krönte die Jury einen Siegerentwurf. Auf den Jubel folgte Katerstimmung, als die Genossenschaft bekannt gab, statt des erstplatzierten den zweitplatzierten Entwurf zu bauen - weil ersterer das Budget deutlich überschritten hätte.

Doch es sind nicht nur die hohen Kosten, die das Bauen erschweren. Zurzeit bereitet ihnen vor allem das Erdgeschoss Kopfzerbrechen. Im Erdgeschoss bündeln sich alle Ambitionen, die sie von Anfang an hatten. Das unterste Stockwerk, so der Plan, soll das Quartier beleben, "Geschäftigkeit ausstrahlen, tagsüber eine Lebendigkeit hineinbringen", wie es Co-Vorstand Christian Hadaller ausdrückt. Mit anderen Worten: Das Erdgeschoss soll helfen, ein Stück Innenstadtflair in die Messestadt Riem zu bringen. Es soll den Austausch fördern, zwischen Bewohnern und dem Viertel. Denn hier liege einer der größten Fehler vieler Neubaugebiete: Dass sie reine Wohnquartiere sind, "monofunktionale Gebiete". Dass ihnen die Mischung fehlt. Dass sie bestenfalls schläfrig wirken. Schlimmstenfalls tot. "Das mit der Lebendigkeit finden eigentlich alle gut", sagt Hadaller. "Aber wenn's dann konkret wird, wird's schon schwierig."

Ein Beispiel: Eine Werkstatt wäre eine gute Erdgeschossnutzung, fanden sie. Bei einer Werkstatt wäre es allerdings unumgänglich, dass hin und wieder etwas angeliefert wird. Dafür müsste ein Lkw vor dem Haus stehen können, wahrscheinlich einmal pro Woche, eine halbe oder ganze Stunde. Da auf der Straße vor San Riemo ein Halteverbot gilt, müssten hierzu wohl auf der gegenüberliegenden Straßenseite drei Parkplätze aufgelöst werden. Aber das ist mit der Stadt nicht zu machen.

Die ganze Innenstadt funktioniere doch so, sagt Markus Sowa. Wenn ein Lkw etwas liefere, stehe er halb auf dem Gehweg, halb im Halteverbot. Dass die Werkstatt schließlich an der Parksituation scheitern würde, hätten sie nicht gedacht. Ein bisschen Meister-Eder-Romantik hatte der Idee angehaftet. "Vielleicht geht so etwas heute einfach nicht mehr", sagt Hadaller. Sein Kollege Sowa will sich damit nicht abfinden: "In der Innenstadt geht es doch auch." Eigentlich, sagen sie, stünden bei einer Mischnutzung doch andere Probleme im Vordergrund. Mit dem Lärmschutz haben sie sich etwa intensiv auseinandergesetzt: Über dem Erdgeschoss wird eine massive Betondecke gebaut. "Da kann unten passieren, was will", sagt Christian Hadaller, "oben kriegen die Leute das nicht mit."

Einziehen wird auch Petra Leonhardt.

(Foto: Florian Peljak)

Ein sogenannter Coworking Space - geteilte Arbeitsplätze für Freiberufler, Kreative und Start-ups in einem offenen Raum - wäre eine weitere Idee gewesen. Aber die realisiert nun schon die Genossenschaft Wogeno, mit der die Kooperative Großstadt im Konsortium zusammen baut. Sie sind also noch auf der Suche nach Nutzern. "320 Quadratmeter gewerblicher Möglichkeitsraum", so werben sie auf ihrer Webseite, möglich ist fast alles. "1 Holzwerkstatt ist uns nicht zu groß", heißt es da. "2 Jugendtreffs sind uns nicht zu nervig. 20 Proberäume sind uns nicht zu laut."

Und dann sind da auch noch die künftigen Bewohner, die immer wieder mit individuellen Wünschen überraschen, etwa dem nach einer freistehenden Badewanne. Hadaller und Sowa müssen grinsen. Die Bäder seien sehr effizient geplant, "das sind ganz einfache Minimalbäder". Kein Problem, entgegnete der Genosse mit dem Spezialwunsch, die Wanne dürfe auch in der Küche stehen. Andere wünschten sich einen Bankautomaten am oder im Haus, gern auch gleich eine Bankfiliale.

So könnte das Leben in San Riemo aussehen.

(Foto: Summacumfemmer Architekten und Juliane Greb)

Wer mit vielen Menschen ein Haus baut, muss bereit sein zu diskutieren. Zum Beispiel über die Frage, wie sich das Kino im Gemeinschaftsbereich, das ein Bewohner einrichten will, mit dem Waschsalon verträgt, der ebenfalls hier Platz finden wird. So eignet sich die Gruppe das Haus an, das es noch nicht gibt, Schritt für Schritt. Die Genossenschaftschefs haben dabei immer im Kopf, "dass wir nicht nur für die Bewohner bauen, sondern auch für die Stadt". Im Mai 2020 sollen die Bewohner einziehen. Und vielleicht geht es schon bald an die Planungen für ein San Riemo 2.0. Gerade hat die Kooperative sich wieder für ein Grundstück beworben, diesmal in Freiham.

Hier gibt's alle Folgen der SZ-Serie "Die neuen Genossen"
  • Wohnen in der Genossenschaft: "Das ist der Jackpot!" - Einmal eintreten, lebenslang günstig wohnen - so die Idee. Die Gründer der "Kooperative Großstadt" haben sich für ihr erstes Projekt allerdings einen eher unbeliebten Stadtteil ausgesucht.
  • Gemeinsam anders wohnen - Junge Familien, reife Singles, Hundebesitzer und Raucher: Wer mit einer Genossenschaft planen, bauen und wohnen will, braucht Toleranz, Kreativität - und Humor. Besuch bei einer Gruppe in München, die es wagen will.
  • Auf der Suche nach den frischen Wohnideen - Die Kooperative Großstadt hat einen offenen Architektenwettbewerb für ein Haus mit 100 Bewohnern ausgeschrieben, das von 2019 an in Riem gebaut werden soll.
  • Offen für die Außenwelt - "San Riemo" nimmt Gestalt an: Die Kooperative Großstadt kürt einen Entwurf für ihre geplante Wohnanlage.
  • Junge Genossenschaft stößt mit Bauprojekt an finanzielle Grenzen - Die Genossenschaft "Kooperative Großstadt" wirbt für mehr Transparenz und Diskussionskultur. Doch nun wird der zweitplatzierte Entwurf in der Messestadt Riem verwirklicht.
  • Das große Puzzeln - Die Kooperative Großstadt verteilt die Wohnungen in ihrem ersten Haus. Das erinnert an das Computerspiel Tetris.