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Wohnen:Familie Máthé findet eine Wohnung in München - und kann ihr Glück nicht fassen

BISS-Verkäufer in seiner neuen Wohnung

Vater István Máthé, die zwei Töchter Klára und Katinka sowie Mutter Katalin auf dem Balkon ihrer neuen Wohnung. Sie blicken nun endlich zuversichtlich in die Zukunft.

(Foto: Alessandra Schellnegger)
  • Familie Máthé hat zwei Jahre in einem Zimmer mit 14 Quadratmetern gewohnt.
  • Ein Vermieter hat sein Wohneigentum an die Stiftung BISS vermietet.
  • Diese vermietet die Wohnung an das Paar mit zwei Töchtern, das auf dem regulären Wohnungsmarkt in München wohl wenig Chancen hätte.

Von Anna Hoben

Endlich sind sie raus aus dem alten Zimmer. "Jetzt hör' ich Katinka nicht mehr schnarchen", sagt Klára, die Sechsjährige. "Es ist gut für die Psyche", sagt ihr Vater István Máthé, Erleichterung im Blick. Ungefähr so groß wie ihr neues Zimmer sei das alte Zimmer gewesen, sagt Klára. Das alte Zimmer in der Pension, in dem sie zusammen gelebt haben, die ganze vierköpfige Familie, Mutter Katalin, Vater István, die zwei Töchter Katinka, neun, und Klára. Ungefähr 14 Quadratmeter. Zwei Stockbetten in Reihe, ein kleiner Tisch, ein Kühlschrank, zwei Stühle, eine Palme - mehr passte nicht hinein.

Das alte Zimmer war mehr als eine Übergangslösung, zwei Jahre lang war es ihr Zuhause. Zwei Jahre, in denen sie sich Bad und Gemeinschaftsküche mit den Nachbarn teilen mussten. Zwei Jahre ohne Privatsphäre, zwei Jahre, in denen sie fast immer schlecht geschlafen haben. Dazu kam eine Krebserkrankung des Vaters. 2280 Euro hatte das Jobcenter jeden Monat für das Zimmerchen überwiesen.

Dass sie jetzt eine richtige Wohnung haben, das haben sie einem Mann zu verdanken, der lieber nicht auftauchen will in dieser Geschichte. Er hat die Wohnung an die Stiftung Biss vermietet. Die vermietet sie weiter an die Familie Máthé, der Vater arbeitet als Verkäufer der Obdachlosenzeitschrift Biss.

Im Frühjahr hatte der Vermieter sich die Wohnung gekauft, er hatte Geld übrig, das er in eine Immobilie investieren wollte. Er wollte aber noch etwas anderes: Menschen unterstützen, die Unterstützung brauchen. Für ihn stellt sich die Sache ganz einfach dar: "Es ist wichtig, dass man würdig wohnen kann. Und dass Leute wie die Familie Máthé mit ihren zwei wunderbaren Kindern eine Chance haben."

Würdig gewohnt hatte die Familie in den vergangenen Jahren nicht. Und eine Chance hätte sie auf dem Münchner Irrsinns-Wohnungsmarkt auch nicht gehabt. Der Vermieter hat sie ihnen gegeben. "Ich finde das nicht besonders", sagt er, und vielleicht ist genau dies das Besondere. Wenn alles passt, wird der Mietvertrag in zwei Jahren direkt auf die Familie übergehen, dann wird die Stiftung nicht mehr dazwischengeschaltet sein.

Kunst mit Biss

Seit 25 Jahren setzt sich der Verein Biss mit seiner monatlich erscheinenden Obdachlosenzeitschrift für Bürger in sozialen Schwierigkeiten ein. Bei seiner Gründung 1993 war Biss das erste Magazin dieser Art in Deutschland. Den Geburtstag feiert der Verein den ganzen Sommer über, mit einer eigens dafür gebauten Kunstskulptur. "I will be with you, whatever" heißt das aufsehenerregende Kunstwerk am Wittelsbacherplatz. Das renommierte britische Studio Morison hat den Pavillon an dem Reiterstandbild entworfen. Um das Kunstwerk herum finden im Zuge eines Festivals kulturelle Veranstaltungen statt, an diesem Donnerstag von 19 bis 21 Uhr zum Beispiel ein offenes Singen mit dem Chor der fünf Kontinente und am Samstag um 19.30 Uhr ein Poetry Slam. Am Sonntag gibt es von 13 bis 14 Uhr eine Jubiläumsführung mit einem Biss-Verkäufer. hob

Die Máthés stammen aus Rumänien, dort waren sie Angehörige der ungarischen Minderheit. Sie kommen aus einem kleinen Dorf in der Nähe der Stadt Sfântu Gherghe. Der Vater István, 49, hatte es 2013 zunächst allein verlassen, um sein Glück in Deutschland zu probieren. Schuhmacher war er in Rumänien gewesen, diesen Beruf hatte man ihm einst zugewiesen im kommunistischen Staat, gemocht hatte er ihn nie besonders. Später war das Problem gewesen, überhaupt Arbeit zu finden. In Rumänien hatte er keine Zukunft mehr gesehen für seine Familie.

Das Glück in Deutschland suchen, das sah anfangs so aus, dass István Máthé ein Jahr lang auf Münchens Straßen lebte. Es gebe viele obdachlose Rumänen in der Stadt, sagt er. Máthé hörte sich um unter den Rumänen und Ungarn, die er traf, fragte nach Arbeit, wieder und wieder. 2014 fing er bei einer Zeitarbeitsfirma an, packte mal auf Baustellen mit an, mal in einer Bäckerei. Er holte seine Frau nach und die Mädchen, damals zwei und vier Jahre alt.

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