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Witze und radikale Forderungen:Satire gegen den Verkehrsinfarkt

Vor Kritik an der Politik schreckte Helmut Schleich noch nie zurück, viele kennen ihn als Double von Franz Josef Strauß.

(Foto: Stephan Rumpf)

Beim Kabarettabend mit Helmut Schleich auf dem Tollwood geht es nicht nur lustig zu

Darf Satire wirklich alles? Witze über Totgeburten, Therapiebedürftige und andere Katastrophen: Macht man nicht, oder? Die Rede ist von der Verkehrspolitik, in München, Deutschland, der Welt. Die ist an sich schon schlimm genug. Muss man da noch mit dem Satire-Hammer draufhauen? Man muss. Je heftiger und deftiger, desto besser, immer wieder drauf auf die Zwölf. Bis auch der Letzte begreift, dass Autofahren in der Stadt nicht die Regel bleiben, sondern die Ausnahme werden muss. Helmut Schleich übernimmt den Haudrauf-Job: "Verkehr(t)swende?" heißt der "Kabarettabend der etwas anderen Art", der das Andechser Zelt auf dem Tollwood füllt, trotz 24 Euro Eintritt. Was wiederum zeigt, wie wichtig den Menschen das Thema ist. Es liegt halt, nun ja: auf der Straße.

Es ist eine mutige Versuchsanordung, die da zur Aufführung kommt. Schleich, dieses begnadete Bühnentier, gibt nicht den Alleinunterhalter, sondern holt Menschen auf die Bühne, die nicht in der Unterhaltung zuhause sind, sondern eher im Power-Point-Kosmos: Professor Wolfgang Hesse vom Verein Münchner Forum, der seit Jahren mit Münchens Verkehrspolitik hadert sowie Heinrich Strößenreuther, den die Zeitung taz zu "Deutschlands erfolgreichstem Verkehrslobbyisten" adelte. Hans Well und die Wellbappn steuern Bissiges in Liedform bei, legen mit dem Außenblick vom Land den Finger in die zahllosen Wunden der Stadt, und OB Dieter Reiter berichtet von den Mühen der politischen Ebene, also von der Quadratur des Kreises. Aber der Reihe nach.

Der Themenabend beginnt schon bei der Anfahrt mit dem Rad: drei Beinah-Infarkte, weil Rechtsabbieger nur den toten Winkel sehen, bange Schulterblicke, wenn der Radlweg sich mal wieder in Nichts auflöst, Atemnot, weil die Abgase zielsicher im Radlergesicht landen und natürlich viel zu wenig Stellplätze am Ziel. So weit, so bekannt. Dass die Stadt im Verkehr erstickt, S- und U-Bahn jenseits der Leistungsgrenze operieren: common sense. Zweite Stammstrecke? Ein Trigger-Wort, das nur noch Kopfschütteln erzeugt. Gut, dass der Abend mit einem Lächeln beginnt: dank Edmund Stoibers Transrapid-Rede vom Band. 2006 war das, und leider ist die Münchner Verkehrsstrategie immer noch so wirr wie Stoiber damals.

Auf die Bühne kommt dann doch nur der Strauß, nein, sein Double Schleich. Der hat ein Merian-Heft von 1971 gefunden, in dem es über München heißt: "Es wächst nicht, es schwillt und wuchert." Bürgermeister Thomas Wimmer zitiert Schleich, der mal Verkehrsgeografie studiert hat, mit Worten von 1960: "Wenn die Stinkkarren nicht mehr fahren können, bleiben's halt stehen. Dann werden die Leut' schon vernünftig werden." Heute wird in der Politik über Flugtaxis und Seilbahnen diskutiert, von Leuten wie Andreas Scheuer und Dorothee Bär, die, so Schleich, "Zukunft nicht von Lego-Land unterscheiden können". Konkret wird es dann beim Vortrag von Wolfgang Hesse, der in der Forderung gipfelt: sofortiges Moratorium für die zweite Stammstrecke, Ausbau der S-Bahn sowie Erstellung eines Nord- und Südringes. Klima-Aktivist Heinrich Strößenreuther fragt danach rhetorisch: "Wer hat Angst vorm Autofahrer?", fordert Knollen statt Knöllchen (100 Euro statt 15), plädiert für Volksentscheide und empfiehlt OB Reiter ein 100-Tage-Programm bis Weihnachten. Der hat gerade eine vierstündige Debatte hinter sich, die aber gut endete: mit 9,1 Kilometern Radschnellweg. Viel zu lange habe man in Entweder-oder-Kategorien gedacht: "Wir brauchen beides", sagte Reiter über die zweite Stammstrecke und den Ringschluss, "Mobilität hört nicht an der Stadtgrenze auf."