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Wissenschaft:"Sozialarbeiter, das ist ein harter Job"

Früher hat sie Volleyball in der Bundesliga gespielt. Sport verbindet, doch in der Gesellschaft haben Jugendliche keine Lobby, sagt Soziologin Constance Engelfried.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Constance Engelfried ist Professorin an der Hochschule München und kritische Gesellschaftsbeobachterin. Ihre Forderung: Wir sollten endlich aufhören, Ungleichheit nicht sehen zu wollen

Von Sabine Buchwald

Da ballt sich etwas zusammen. Die aktuelle Debatte dreht sich um Leben und Tod. Wir führen einen aufgeregten Mittelschichtsdiskurs, darüber vergessen wir die Menschen am Rand der Gesellschaft. Und die Sozialarbeiter, die einen ziemlich harten Job machen." Constance Engelfried sagt das, Professorin, Soziologin, Sozialpädagogin und kritische Gesellschaftsbeobachterin.

Das erste Treffen mit Engelfried beginnt mit einem Handschlag. Ihr neues Buch ist ein paar Tage zuvor herausgekommen und man hat sich verabredet, um darüber zu sprechen. Es ist kalt an diesem Vormittag Ende Februar und Engelfried, 55, reicht erst ihre Hand, dann Tee. Das Coronavirus ist längst im Land, aber man begegnet sich noch ohne Scheu. Die Professorin trägt einen Schal um den Hals, hat kurz geschnittene blonde Haare und blaue Augen, die nicht ausweichen. An ihren Fingern stecken Silberringe, mit denen sie manchmal über die Tischplatte klackert, wenn sie Luft holt im Redefluss. Früher hat sie Bälle übers Netz gepritscht mit diesen Fingern, als sie noch Volleyball in der deutschen Bundesliga spielte.

Engelfrieds Büro liegt am Pasinger Stadtpark in einem Altbau mit Ziegeldächern, kleinen Fenstern und knarzigen Treppen. Hier im Münchner Westen ist eine Dependance der Hochschule München, deren Hauptgebäude innenstadtnäher an der Lothstraße liegt. Die Betriebswirtschaften sitzen im peripheren Pasing und auch die Fakultät für angewandte Sozialwissenschaften, an der Engelfried seit 20 Jahren als Professorin lehrt. Ihr Fachgebiet: Theorie und Organisation Sozialer Arbeit. Von Herbst 2017 bis Juli 2018 hat sie neben der Arbeit an der Hochschule ein Forschungsprojekt mit deutschen und jordanischen Jugendlichen geleitet. Eine halbe Million Euro Fördermittel bekam sie vom Bundesministerium für Bildung und Forschung dafür.

Soziale Arbeit müsse sich für Gerechtigkeit einsetzen. Das sei eine der zentralen Aufgaben, sagt Engelfried. Es sei eine Illusion zu glauben, dass es Chancen-, Bildungs- und Verteilungsgleichheit gebe. "Wir sollten aufhören, Ungleichheit nicht sehen zu wollen." Sie fordert, Jugendlichen wieder eine Lobby zu geben. Der Fokus liege seit Jahren auf frühkindlichem Lernen. Aber junge Erwachsene könnten so schnell durchs Raster fallen. Engelfried wünscht sich, dass Leute wie sie bei politischen Diskussionen öfter mit am Tisch säßen. Immerhin geht sie davon aus, dass ihre aktuelle Forschungsarbeit in Berlin beachtet wird. Ein Kolloquium ist geplant. Und Migration wird ein Thema bleiben. Deutschland gehöre mit einem Anteil von mehr als 24 Prozent zu einem der größten Zuwanderungsländer, liest man im Buch. Man lebe meist nebeneinander, in "segregierten Lebenswelten", betont Engelfried.

24 Auszubildende im Alter zwischen 16 und 24 Jahren waren an dem Projekt beteiligt, je acht aus Bayern, aus Sachsen und aus Amman. Junge Menschen mit und ohne Migrationshintergrund, die sich gegenseitig besucht haben. Sie sind miteinander gereist, haben zusammen gegessen, gesungen, getanzt. Ein Film und ein Buch sind daraus entstanden, "Das Narrativ des Anderen kennenlernen" (Budrich Verlag). Es soll ein Beitrag sein zur "Förderung von Toleranz und Bildung von Kompetenzen für ein Zusammenleben in einer Migrationsgesellschaft", kann man dort lesen.

Warum Jordanien? "Wir haben ein Land gesucht, das in der Nähe von Syrien liegt." Sie haben dort das weltgrößte Flüchtlingscamp besucht, das wie eine Stadt funktioniert. Alle haben gelernt von diesem Projekt. Die Teilnehmer aus Deutschland seien medienkritischer geworden und würden niemals mehr so auf Fremde schauen wie bisher, sagt Engelfried.

Im dottergelb gestrichenen Büro unter einer Dachschräge sitzt auch die Doktorandin Maya Ostrowski. Die Professorin lobt im Vorwort des Buchs ausdrücklich deren helfende Kraft bei dem interkulturellen Projekt: "Ohne sie wäre vieles nicht möglich gewesen." Etwas später wird Engelfried in einem anderen Zusammenhang sagen: "Sozialpädagogische Arbeit muss immer die ganze Komplexität im Blick haben." Sie selbst hält so viel wie möglich im Blick. Sie spricht schnell und ausführlich, man hört, dass sie aus Schwaben stammt: "ist" spricht sie "isch" aus. Vor allem aber schaut sie auf die Zusammenhänge zwischen den Gesellschaftsschichten, auf Institutionen und Hierarchien, auf benachteiligte Lehrbeauftragte und ihre Studenten. Die Menschen also, die sie für die soziale Arbeit ausbildet.

Erstsemester beglückwünsche sie zur Wahl ihres Faches, sagt sie. "Früher wollte man die Welt verändern als Sozialpädagoge, heute will man helfen." Ein Studienplatz ist begehrt, der Numerus Clausus liegt bei einem Abiturschnitt von etwa 1,8. Sie selbst wechselte in den Achtzigerjahren von Philosophie und Soziologie auf Erziehungswissenschaften mit Schwerpunkt Sozialpädagogik, wie man das Fach damals nannte, weil sie gesellschaftlich etwas bewegen wollte.

Aufgewachsen ist sie im baden-württembergischen Rottenburg, in einer Familie mit patriarchalischen Lebensmustern. "Bloß nicht so werden wie die anderen", das weiß sie früh. Sie zieht die Schriften von Simone de Beauvoir denen von Sartre vor und beschäftigt sich während des Studiums in Tübingen mit der deutschen Vergangenheit, mit dem "Bund deutscher Mädel" und der Erziehung unter den Nazis. Gewalt gegen Frauen, Prostitution und Pornografie werden ihre Themen. Ein erster Job nach dem Diplom bringt sie in ein Heim für junge Männer, in dem auch Vergewaltigungstäter wohnen. Sie setzt durch, dass sie therapeutisch betreut werden. Etwas Praktisches, "Sinnhaftes" zu tun, gibt ihr Genugtuung. Sie weiß, dass sie auf dem richtigen Weg ist. Und will doch mehr. Engelfried forscht und promoviert über die Sozialisation von Männern. Sie bekommt eine Tochter, und als sie mit 35 in München Professorin wird, ist ihr zweites Kind gerade ein Jahr alt. Ihr Mann kümmert sich in Esslingen um Tochter und Sohn. Sie wohnt in München und pendelt.

Engelfried spricht an jenem Februarvormittag über Hilfsbereitschaft, über marginalisierte Gruppen in der Gesellschaft, die seit Jahren übersehen werden, und über den Alltagsrassismus, der Migranten entgegenschlägt. Wie es durch Soziale Arbeit gelingen könnte, die verschiedenen Lebenswelten zu verändern, das ist ein wichtiger Aspekt ihres Projekts mit den deutschen und jordanischen Jugendlichen. Begegnung ist ein Aspekt, Verständnis für einander entwickeln ein anderer.

Ein zweites Gespräch findet Ende April statt. Kein Händeschütteln mehr, und Reisen nach Jordanien sind undenkbar geworden. Vielleicht wird das länger so bleiben. Diese Tatsache macht die Erlebnisse und die gewonnenen Erkenntnisse umso wertvoller.

Engelfried unterrichtet derzeit per Zoom-Konferenz, lädt Arbeitsblätter über Moodle hoch. Sie habe sich hineinarbeiten müssen in die Technik, sagt sie und betont, wie sehr sie den persönlichen Austausch mit den Studierenden vermisse.

Vieles hat sich in nur wenigen Wochen verändert. Sie hofft, dass diese Krise eine Chance ist. Eine Chance, die sozialen Dienste sichtbarer zu machen. Sie streicht mit ihren Ringen über den Tisch. Es wäre fatal, wenn man sich jetzt nur auf bestimmte Themen wie Senioren oder Gewalt in der Familie fokussiere, sagt sie. Wichtig sei herauszufinden, was die Jugendämter, diese Wächter der Gesellschaft, dringend benötigten. Sie wüsste es eigentlich: mehr Geld, bessere Ressourcen wie Personal und Räume. "In der Sozialpädagogik geht es darum, für Menschen da zu sein in bestimmten Lebenslagen." Eben gerade dann, wenn ein Virus das Leben umkrempelt.

© SZ vom 08.05.2020

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