Wirtshaus zur Rennbahn in Riem:Ein Sündenpfuhl für Jockeys und Jocketten

Lesezeit: 4 min

Wirtshaus zur Rennbahn in Riem: Kalorienzähler müssen stark sein: Das Wiener Schnitzel gibt sich bayerisch solide und der Kaiserschmarrn ist knusprig karamellisiert.

Kalorienzähler müssen stark sein: Das Wiener Schnitzel gibt sich bayerisch solide und der Kaiserschmarrn ist knusprig karamellisiert.

(Foto: Stephan Rumpf)

Pferdeleute, Golfer, Familien und Kartler-Runden bevölkern das Wirtshaus zur Rennbahn in Riem. Hier wird teilweise verboten gut gekocht - nur das Kalorienzählen sollte man besser lassen.

Von Johanna N. Hummel

Das Stichwort Galopprennbahn Riem löst in Johanna N. Hummel immer denselben Reflex aus: einen Flashback in die Zeit, als sie, eine Schülerin, in einem Rennstall Morgentraining geritten hat. Unvergesslich, die Pferde, die Geschwindigkeit, wenn Renntempo Trainingsorder war, auch wenn sie immer Letzte wurde. Mit diesem Ergebnis hätte sie eigentlich die Brotzeit für alle im Stall schmeißen müssen, da half auch das Pferd, ein freundlicher Fuchs mit dem verheißungsvollen Namen Finanzminister nichts, nur der Trainer, so freundlich wie das Pferd und sehr spendabel. Eine Brotzeit mit Jockeys allerdings ist eine besondere Sache, weil Jockeys äußerst sparsame Esser sind, ihr Beruf baut auf Gewichtskontrolle und Entbehrung. Möglichst nicht mehr als 55 Kilo sollte die Waage anzeigen, was vor einem Rennen eher Diät und Sauna und nicht Schweinsbraten bedeutet.

So hatten wir, wann immer wir auf der Terrasse des Wirtshauses zur Rennbahn im Erdgeschoss der Alten Tribüne saßen, nicht das Gefühl, Jockeys und Jocketten (doch, so heißen weibliche Jockeys) seien hier Stammgäste. Nun schaut man von der Terrasse aus nicht nur auf die gepflegte Anlage der Rennbahn mit schönen Baumsilhouetten, sondern auch auf viele Golfer. Seit mehr als 20 Jahren absolvieren Golfer hier ihre Neun-Loch-Runden, das Wirtshaus ist ihr Clubrestaurant. 2019 hat es neu eröffnet, und trotz aller Corona-Hemmnisse scheint es sich etabliert zu haben; Golfer, Pferdeleute, Familien, Kartler-Runden sitzen schon am späten Nachmittag beieinander. Die Terrasse wurde schlicht mit dunklen Holzbänken und -tischen sowie Biergartenmöbeln ausstaffiert, eingerahmt von Blumenkästen mit duftigen Petunien, nichts ist aufgeplustert. Auch in die hohen Gasträume mit großen Fenstern, die bisher in einer Art Sommerschlaf lagen und etwas unaufgeräumt waren, wurde allerlei Holz eingebaut, ob in die Schwemme oder in den Saal mit vielen runden Tischen und einigen neckischen Sprüchen auf Schiefertafeln.

Wirtshaus zur Rennbahn in Riem: Gerahmt von Blumenkästen blickt man auf der Terrasse ins weite Grün.

Gerahmt von Blumenkästen blickt man auf der Terrasse ins weite Grün.

(Foto: Stephan Rumpf)

Nicht nur der Blick ins weite Grün versetzte uns in Ferienlaune, sondern auch das Personal. Die Bedienungen waren heiter, ungemein bemüht, präsent und kenntnisreich. Kinder hätscheln sie, für Kinder gibt es in einer Ecke knallbuntes Spielzeug. Hunde werden gnadenlos bevorzugt: erst das Wasser für den Hund, dann die Karte für den Herrn, wobei auch unsere Getränke schnell serviert wurden, das Bier aus der Augustiner-Brauerei (die Halbe Helles vom Fass 4,10) und die Weine. Die Offenen, ob die frischen weißen, Custoza und Lugana, oder der runde rote Primitivo, (0,2 Liter 5,50 bis 7,20), waren sehr angenehm.

Die Küche baut auf das Bayerische mit ein paar südlichen Einsprengseln und auf starke Kontinuität. Von wechselnden Mittagsgerichten abgesehen, hat sich die Speisenkarte in den vergangenen Wochen überhaupt nicht verändert. Mario Richart, seit diesem Frühjahr Wirt im Gasthaus, teilte immerhin im Newsletter des Golfclubs mit, dass man künftig auch nach kleinen Portionen fragen könne. Bei den Vorspeisen verzichteten wir darauf, und von der Burrata Caprese, zwei dicke Kugeln mit dreierlei Tomaten, hätten wir keinen Bissen missen wollen. Sie war umgeben von sorgfältig abgeschmecktem Pesto, bestreut mit Mandelblättchen und beträufelt mit Balsamico (14,90).

Wirtshaus zur Rennbahn in Riem: Nach Vorspeise, Hauptgericht und Nachtisch kommt ein Schnäpschen grade recht.

Nach Vorspeise, Hauptgericht und Nachtisch kommt ein Schnäpschen grade recht.

(Foto: Stephan Rumpf)

Die Karte ist recht klein, und Fleischgerichte sind absolut in der Mehrzahl. Der Braten vom Strohschwein mit ordentlichen Kartoffel- und Brezenknödeln, schön leichtem Bratensaft und feinem süß-säuerlichen Krautsalat war mager und gut im Geschmack. Aber das Fleisch war recht fest, das Stück Kruste schmeckte abgestanden, so, als habe das Ganze den Ofen schon in der Früh verlassen (14,90). Am Wiener Schnitzel, zwei Stücke, gab es nichts zu meckern. Sie hatten nicht die Wiener Eleganz, sondern waren, bayerisch solide, etwas dicker, die Panade nicht ganz so kunstvoll gewellt. Eleganz hin oder her, sie schmeckten gut, die Bratkartoffeln waren knusprig, der hübsch gemischte Salat lag in angenehmer Vinaigrette (24,90). Der Salat fehlte fast nie, auch nicht beim zarten Zwiebelrostbraten, 250 Gramm schwer. Er kam wie bestellt medium auf den Tisch, bedeckt mit vielen frittierten Zwiebeln und in intensiver Bratensauce (26,90).

Es wird recht annehmbar gekocht im Wirtshaus, auch wenn die Auswahl für Fischfreunde oder Vegetarierinnen reichlich übersichtlich ist. Natürlich steht das Standardessen Käsespätzle für Vegetarier auf der Karte. Sie waren hausgemacht und umhüllt von zerfließendem, leichten und dann doch etwas faden Käse (12,90). Der einzige Fisch im Angebot ist ein Zanderfilet, und es war auf den Punkt gegart, das Fleisch glänzend, die Haut knusprig. Umrahmt wurde es von zwei Scampi sowie zartem Krustentierschaum, und es lag auf sämigem Risotto mit winzigen, bissfesten Gemüsewürfeln (23,90). Schade, dass es nicht mehr Fisch gibt.

Wirtshaus zur Rennbahn in Riem: Liegen gerade im Sommerschlaf: die Gasträume.

Liegen gerade im Sommerschlaf: die Gasträume.

(Foto: Stephan Rumpf)

Über die Nachspeise mussten wir nicht nachdenken. "Sie müssen unseren Kaiserschmarrn probieren", sagte ein Kellner empathisch. "Haben Sie den Kaiserschmarrn probiert?", fragte ein Mann, der in der Türe stand, als sei er einer der Chefs. Wir haben den Kaiserschmarrn probiert, und die Herren hatten nicht zu viel versprochen: Ein schön mit Früchten dekorierter Berg wurde aufgetragen, die Stücke rundum karamellisiert, außen knusprig, innen saftig. Er schmeckte nach viel Vanille, war mit gerösteten Mandelblättchen bestreut und von Apfelmus und hausgemachtem, fein-säuerlichen Zwetschgenröster begleitet (13,90). Er war sündig süß und sündig gut, nur das Kalorienzählen sollte man lassen. Aber auch das machte nichts, niemand von uns musste ja auf die Waage steigen. So gesehen sind Jockeys schon arme Hunde.

Wirtshaus zur Rennbahn, Graf-Lehndorff-Straße 36, Telefon: 089/930 806 50, www.wirtshaus-zur-rennbahn.de, Öffnungszeiten: Di. bis So. 11 - 22 Uhr, Montag Ruhetag

Die SZ-Kostprobe

Die Restaurant-Kritik "Kostprobe" der Süddeutschen Zeitung hat eine lange Tradition: Seit 1975 erscheint sie wöchentlich im Lokalteil, seit einigen Jahren auch Online und mit einer Bewertungsskala. Etwa ein Dutzend kulinarisch bewanderter Redakteurinnen und Redakteure aus sämtlichen Ressorts - von München, Wissen bis zur Politik - schreiben im Wechsel über die Gastronomie in der Stadt. Die Auswahl ist unendlich, die bayerische Wirtschaft kommt genauso dran wie das griechische Fischlokal, die amerikanische Fast-Food-Kette, der besondere Bratwurststand oder das mit Sternen dekorierte Gourmetlokal. Das Besondere an der SZ-Kostprobe: Die Autorinnen und Autoren schreiben unter Pseudonym, oft ist dies kulinarisch angehaucht. Sie gehen unerkannt etwa zwei- bis dreimal in das zu testende Lokal, je nachdem wie lange das von der Redaktion vorgegebene Budget reicht. Eiserne Grundregeln: hundert Tage Schonfrist, bis sich die Küche eines neuen Lokals eingearbeitet hat. Und: Nie bei der Arbeit als Restaurantkritiker erwischen lassen - um unbefangen Speis und Trank, Service und Atmosphäre beschreiben zu können.

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