Wirtshaus Fraunhofer:Herr über Schweinsbraten und Hirschgeweih

Josef Bachmeier in der Gaststätte 'Fraunhofer' in München, 2011

Stammplatz am Eingang des Fraunhofer. Peppi Bachmaier macht allein durch seine Anwesenheit den Gästen klar, wer hier der Wirt ist.

(Foto: Stephan Rumpf)

Peppi Bachmaier wird von seinen Gästen im Wirtshaus Fraunhofer verehrt. Aus gutem Grund: Er verkörpert das ursprüngliche München wie kaum jemand sonst.

Von Karl Forster

Der Metzger des Bergdorfes ganz oben auf der Kykladeninsel Pholegandros ist ein mächtig großer Mann. Er trägt einen mächtig großen Schnurrbart, unter dem ein mächtig großes Lächeln Freundlichkeit und Zuversicht verrät. "Hefta Schnitzel yourouni parakalo" hat einer aus der Crew der Segelyacht Marina versucht zu ordern, also "sieben Schnitzel Schwein bitte". Der mächtig große Metzer holt aus dem Kühlraum ein, natürlich riesiges, Stück Oberschale vom Schwein, nimmt ein gewaltiges Messer in die Rechte, einen dazu passenden Wetzstahl in die Linke und startet eine Demonstration griechischer Messerschärfkunst, gegen die Katschaturians "Säbeltanz" ein Wiegenlied gewesen wäre.

Da sagt plötzlich einer aus der "Marina"-Crew leise, aber deutlich: "Des kon i a." Der Metzger verharrt, lauscht den Worten hinterher und reicht, als hätte er sie wirklich verstanden, dem Deutschen Messer und Wetzstein. Und da zaubert nun Peppi Bachmaier einen ähnlich tollen Tanz mit diesen Instrumenten in die Luft, die beiden sehen sich an, fallen sich in die Arme, und der mächtig große Metzger jubelt mit Tränen in den Augen: "Ena chasàpis!" Bachmaier sagt, als hätte er die Worte ebenfalls verstanden, jaja, er sei auch ein Metzger. Die Schnitzel schmeckten köstlich am Abend auf der dunkelblauen Yacht.

Diese Reise mit Peppi Bachmaier liegt nun schon Jahre, Jahrzehnte zurück. Und doch ist dessen Art, sich leise, fast unmerklich, nicht in Szene, aber durchzusetzen, eine der großen Tugenden jenes Mannes, der seit 1972 die wundervolle Gastwirtschaft Fraunhofer betreibt und dann in der Spätzeit seiner Karriere als Wirt zum Wiesnwirt wurde. Auch wenn er in diesem Jahr dort kein Zelt betreiben kann, weil das Landwirtschaftsfest ihm den Platz dafür streitig gemacht hat.

Es war das Jahr 2010, als München anlässlich des 100. Geburtstages des Oktoberfestes eine "historische Wiesn" ausrichtete. Es war Peppi Bachmaier, der den Zuschlag für ein Musikzelt auf diesem abgetrennten Areal bekam. Und es ist sehr wahrscheinlich, dass dessen Name "Herzkasperlzelt" mit ausschlaggebend war für die Kür Bachmaiers zum Zeltwirt. Vielleicht weil ein paar Entscheidungsträger sich noch erinnerten an den großen Schauspieler, Kabarettisten und bissigen Menschenfreund Jörg Hube, Gott hab' ihn selig, und an dessen wunderbares Kleinkunstbühnengeschöpf Herzkasperl. Hube war oft im Fraunhofer aufgetreten.

So ist mit Peppi Bachmaier ein Wiesnwirt inthronisiert, der, 1947 geboren, sein Leben auch als Blaupause auf die jüngere Geschichte Münchens legen könnte. Sein Vater hatte eine Metzgerei an der Morassi-, Ecke Kohlstraße, eine damals ziemlich wilde Gegend, weil in den nicht zerbombten Gebäudekomplexen zwischen der Zweibrückenstraße und dem späteren Deutschen Patentamt hunderte Familien oft mehr oder weniger notdürftig untergebracht waren, bevor sie in ihre wiederaufgebauten Stammviertel zurück konnten.

Scharen von Kindern spielten dort auf der Straße; es war die Zeit, als die Zugehörigkeit zu einem Stadtviertel noch mit Inbrunst gepflegt wurde, ebenso wie die Feindschaft mit anderen. Und die Jugendlichen aus der Morassistraße waren, nun ja, besonders berühmt. Als Peppi Bachmaier damals auf einem Volksfest bei den beliebten und gefürchteten Boxkämpfe auf dem sich immer schneller drehenden Teufelsrad mitmachte, nannte er dem Conférencier, wie es üblich war, Namen und Herkunft. Beim Stichwort "Morassistraße" meinte der dann, dass da die anderen gleich nach Hause gehen könnten.

Und wie ist das mit dem Peppi? Beppi? Bebbi? Eigentlich ist er ja auf Josef getauft. Doch verinnerlicht hat er diesen Namen nie. Als er in der Volksschule von einer neuen Lehrerin mit "Josef" aufgerufen wurde, blieb er einfach sitzen. Gefragt, was das denn nun solle, sagte er lapidar: "So hoaß i ned." Da hat er so seine Grundsätze. Genauso wie er es heute noch als Makel betrachtet, in Schwabing geboren zu sein, weil dort seine Mutter in der Königinstraße ein kleines Lokal hatte und Schwabing somit ihr Viertel war, inklusive Hausarzt und Geburtsklinik.

"Die Maikäferklinik" wäre ihm schon lieber gewesen, so nannte man die Universitäts-Frauenklinik in der Maistraße, geografisch nahe dem Gäu der Morassi-Kinder gelegen. Und wenn er heute mit leichtem Lächeln darauf besteht, man schreibe "Peppi" mit "drei P, vorne eins und zwei in der Mitte", denkt man an einen Film aus dieser Zeit: an "Die Feuerzangenbowle" und an Heinz Rühmann als schlitzohrigen Oberprimaner Hans Pfeiffer mit den "drei F".

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