Süddeutsche Zeitung

Wirtschaftliche Corona-Folgen:Entspannung am Arbeitsmarkt

Im Juli gab es weniger Erwerbslose, aber mehr Hartz-IV-Bezieher

Von Sven Loerzer

Während üblicherweise die Arbeitslosenzahlen im Sommermonat Juli steigen, meldet die Arbeitsagentur München in diesem Jahr einen gegenläufigen Trend: Die Zahl der Menschen ohne Job ist im Vergleich zum Vormonat um 960 auf 48 053 gesunken. Gegenüber Juli 2020 sind das 6290 Menschen weniger, die Arbeitslosenquote ging somit um 0,5 Prozentpunkte auf 4,5 Prozent zurück. Für den Juli sei das Sinken der Arbeitslosigkeit "eher untypisch", sagt Wilfried Hüntelmann, Vorsitzender der Geschäftsführung der Agentur für Arbeit München.

Viele Unternehmen warteten mit Neueinstellungen das Ende der Sommerferien ab. Außerdem würden sich viele junge Leute nach dem Schulabschluss bis zum Ausbildungsbeginn arbeitslos melden. In diesem Jahr aber habe sich im Juli am Arbeitsmarkt ein Aufwärtstrend gezeigt: "Die Betriebe reduzieren weiter die Kurzarbeit und stellen wieder Personal ein." Dank der weitreichenden Lockerungen bei der Pandemiebekämpfung suchen die Unternehmen wieder mehr Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Gegenüber dem Vorjahresmonat sei die Zahl der offenen Stellen in München um 28,4 Prozent auf 9821 gestiegen. Die stärkste Nachfrage nach Arbeitskräften komme aus den Branchen, die unter dem Lockdown wegen der Corona-Pandemie am stärksten gelitten haben, dem Hotel- und Gaststättengewerbe, dem Einzelhandel, Sicherheitsgewerbe und der Zeitarbeit.

Rückläufig ist dagegen das Ausbildungsangebot, aber auch die Zahl der Bewerber. So sank im Vergleich mit dem Vorjahr die Zahl der gemeldeten Berufsausbildungsstellen um 12,8 Prozent auf 9206. Die Zahl der Bewerberinnen und Bewerber ging um 13,4 Prozent auf 5547 zurück. Rund 3500 Stellen sind noch unbesetzt, während mehr als 2100 junge Menschen noch keine Ausbildung gefunden haben. Hüntelmann machte diesen Mut, jetzt noch zuzugreifen: "Es gibt nach wie vor viele freie Ausbildungsstellen in vielen Branchen und Berufen."

Die wirtschaftlichen Folgen der Pandemie zeigen sich immer noch sehr deutlich beim Jobcenter München. Bezogen Anfang 2020 vor Beginn der Pandemie rund 34 000 Münchner Haushalte Hartz-IV-Leistungen, stieg die Zahl dann bis Juli 2020 auf 41 151. Im Juli dieses Jahres sind es sogar noch 0,5 Prozent mehr. Sozialreferentin Dorothee Schiwy befürchtet, "dass noch mehr Menschen Grundsicherungsleistungen beantragen müssen". Zum Beispiel Selbständige, "die bisher noch von Reserven zehrten". Es sei deshalb richtig und wichtig gewesen, das Sozialschutz-Paket III - und damit den vereinfachten Zugang zur Grundsicherung - bis Ende des Jahres zu verlängern. "Damit ist sichergestellt, dass die Menschen, die in wirtschaftliche Not geraten, auch künftig möglichst einfach und schnell unsere nötige Unterstützung erhalten."

Rund zwei Drittel aller Leistungsbezieher beim Jobcenter verfügen nach Angaben von Geschäftsführerin Anette Farrenkopf über keine formale Berufsausbildung. Gerade in Krisenzeiten verlören besonders häufig diese Menschen ihren Job. "Helfertätigkeiten werden durch die Digitalisierung zunehmen unsicher", erklärte Farrenkopf. Auf dem rasant sich verändernden Arbeitsmarkt komme es immer mehr auf digitale Kompetenz an. Förderangebote des Jobcenters böten Geringqualifizierten eine echte Unterstützung. Die Zeit der Arbeitslosigkeit und der Krise lasse sich für den Spracherwerb, die Aus- und Weiterbildung nutzen. "Die Gelegenheit ist jetzt günstig, vom Lockdown in den Neustart zu wechseln", betonte Anette Farrenkopf.

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SZ vom 03.08.2021
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