Wirtschaft:"Wir wollen mitmachen"

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Wirtschaft: Dominik Nimar, Fabio del Tufo und Damian Breu (von links) verkaufen Gillard, einen Drink irgendwo zwischen Gin und Likör.

Dominik Nimar, Fabio del Tufo und Damian Breu (von links) verkaufen Gillard, einen Drink irgendwo zwischen Gin und Likör.

(Foto: Stephan Rumpf)

The Gillard: Wie drei gehörlose Gründer im Markt zurechtkommen.

Von Jacqueline Lang

Dies ist keine gewöhnliche Start-up-Geschichte. Obwohl sie mit zwei Männern in einem Keller beginnt. Genauer gesagt beginnt die Geschichte schon vorher, bei einer Veranstaltung für Menschen mit Hörimplantaten. Dort trafen sich Damian Breu, 26, und Fabio del Tufo, 43, die beide gehörgeschädigt sind. Del Tufo erzählte von einem Getränk, an dem er herumexperimentierte. Ein Drink irgendwo zwischen Gin und Likör. Er kannte das Rezept von einer französischen Familie. Er lud Breu in seinen Keller ein, das Getränk namens Gillard zu probieren. Es wurde das erste Treffen der beiden Männer, die später das Unternehmen The Gillard gründen sollten.

Fünf Jahre später sitzt Breu - runde Brille, voller Bart - in seiner Wohnung in Sendling und erzählt, dass ihr Gillard sowohl Gin-Liebhaber, als auch Gin-Hasser überzeugt. Und er erzählt, dass sie mit ihm als Marketing-Spezialisten und del Tufo als Mann mit der "absoluten Gourmetzunge" mit Grafikdesigner Dominik Nimar, 31, seit 2016 auch noch das "perfekte Auge" für ihr Team gefunden haben. Eine freie Mitarbeiterin kümmert sich um den Versand. Sie ist auch gehörlos. Mit mittlerweile drei Handelsvertretern, die alle problemlos hören können, arbeiten für The Gillard also insgesamt vier Menschen mit einer Behinderung, drei ohne. Hinzu kommen Künstlerinnen und Künstler, die für sie Kunstboxen gestalten und von denen die Mehrzahl ebenfalls eine Behinderung hat.

Offiziell darf sich die Firma damit zwar trotzdem nicht Inklusionsunternehmen nennen - in Deutschland gab es davon laut der Bundesarbeitsgemeinschaft Inklusionsfirmen e.V., Stand 2019, nur 935 -, denn dafür bräuchten sie mehr Mitarbeiter und müssten sich zertifizieren lassen.

"Aber wenn wir kein Inklusionsunternehmen sind, wer dann?", fragt Breu. Ohnehin wäre The Gillard aber auch mit Zertifikat nicht wie alle anderen, sagt er. "Wir wollen ein inklusives Unternehmen, das andersrum funktioniert." Soll heißen: Nicht ein Mensch mit Behinderung für die Quote, sondern perspektivisch ganz viele Menschen mit ganz unterschiedlichen Behinderungen auf allen Ebenen des Unternehmens. Breu und seine Kollegen sind überzeugt: Menschen mit einer Behinderung haben ihre ganz eigenen Fähigkeiten. Fähigkeiten, die man als Arbeitgeber nur richtig einsetzen muss. "Ein Unternehmen aufbauen ist nicht leicht, erst recht nicht mit einer Behinderung - aber es geht."

Jetzt will das junge Unternehmen erst einmal wachsen. Das Ziel ist, kommendes Jahr so viel zu verkaufen, dass der erste von ihnen, Grafiker Nimar, seinen Job kündigen und Vollzeit für The Gillard arbeiten kann. Noch arbeiten sie alle in "hörenden Berufen", wie Breu sagt. Denn bisher wurde alles Geld aus dem Erlös reinvestiert.

Ihren Bio-zertifizierten Gillard mit 23,9 Prozent Alkoholgehalt, über dessen Zubereitungsweise Breu nur verrät, dass sie sehr komplex ist, produzieren sie seit mittlerweile drei Jahren beim Gin-Hersteller The Duke in Aschheim. Anders als The Duke produzieren The Gillard allerdings bislang nur vierteljährlich so um die 1400 Flaschen. Mithilfe der Handelsvertreter soll ihr Getränk nun möglichst bald nicht nur online, sondern auch in Bars und Geschäften verfügbar sein.

Ohne die Handelsvertreter wäre das kaum umsetzbar. "Sie sind unsere Ohren", sagt Breu. Die sind deshalb so wichtig für das Unternehmen, weil von den drei Gründern nur Breu überhaupt telefonieren kann, weil er auf dem linken Ohr zumindest ein bisschen hören kann. Einem Telefongespräch kann auch er aber nur solange folgen, wie er das Thema kennt. "Wenn die Person am anderen Ende der Leitung auf einmal vom Urlaub in Indien erzählt, dann würde ich nichts mehr verstehen." Gerade wenn es bei Verhandlungen um Zahlen geht, ist es ihm aber zu riskant, etwas falsch zu verstehen. Dann fragt Breu, ob man es nicht doch per Mail klären könne. Meistens trifft er auf Verständnis, doch auch Ignoranz ist keine Seltenheit.

Grundsätzlich funktioniert die Kommunikation per Mail. Das spart auch einige Kopfschmerzen vor lauter angestrengtem Zuhören. Das bedeutet aber auch, dass man auf eine Antwort manchmal warten muss. Wenn es schnell gehen soll, muss Breu trotzdem anrufen. Um dem so gut wie möglich vorzubeugen, haben sie ihren Onlineshop so konzipiert, dass zumindest für Kundinnen und Kunden keine Fragen offen bleiben. Intern kommunizieren die drei vor allem via Whatsapp oder Videocall, sie sprechen eine Mischung aus Gebärden- und Lautsprache. Breu kann, anders als seine beiden Kollegen, nicht fließend gebärden, weil er vor allem mit hörenden Menschen aufgewachsen ist und sein Implantat seit frühester Kindheit trägt. Del Tufo und Nimar haben es erst seit ein paar Jahren. Dank moderner Technik seien Gebärdensprache und Lippenlesen auf digitalen Wege aber kein Problem mehr, sagt Breu. Die Kommunikation zwischen ihnen funktioniert oft ohnehin ganz ohne Worte, man weiß ja um die Einschränkungen und Fähigkeiten des jeweils anderen.

Warum sie sich den Stress geben? "Wir wollen uns nicht als Minderheit selbst ausgrenzen, wir wollen mitmachen." Wie schwer einem das Hörende gelegentlich machen können, kann erahnen, wer Breu fragt, wann und ob er seinem Gegenüber erzählt, dass er gehörgeschädigt ist. "Ich sag es immer erst nach zehn Minuten." Er hat die Erfahrung gemacht, dass ihm Menschen, wenn sie ihn erst einmal kennenlernen, später nicht mehr mit Ablehnung oder Mitleid begegnen. Eine Portion Humor und viel Ehrgeiz braucht es also, wenn man sich als gehörloser Unternehmer durchsetzen will. "Wären wir zurückhaltend, dann würde es wahrscheinlich nicht so gut funktionieren."

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