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Wirbel um Strauß-Gruft:Der Tag, an dem der Kuckuck schrie

Die Pfändung der Totengruft in Rott am Inn, in der Franz Josef Strauß und seine Frau beerdigt sind, löst helle Empörung in der CSU aus - wie Bayern wegen eines Sakrilegs erbebte.

Von Peter Fahrenholz und Sebastian Beck

Am Mittwochmittag hat Georg Maier selbst nach dem Zeichen der Schändung gesucht, aber nichts gefunden. "Um 12.30 Uhr war jedenfalls noch kein Kuckuck dran", berichtet der CSU-Bürgermeister von Rott am Inn über seinen Besuch auf dem Friedhof hinter der berühmten Klosterkirche.

Strauß-Gruft in Rott am Inn

Die Ruhestätte, die Bayern in Unruhe bringt: Franz Josef Strauß und seine Frau Marianne liegen in der Gruft in Rott am Inn begraben, die bayerische Behörden jetzt pfänden wollten.

(Foto: Foto: dpa/Archiv)

Hier ruht seit dem 8. Oktober 1988 Bayerns einstiger Ministerpräsident Franz Josef Strauß in der Familiengruft neben seiner Frau Marianne. Die kleine Gemeinde ist seitdem zum Wallfahrtsort für Strauß-Fans nicht nur aus dem Freistaat geworden. An manchen Tagen strömen ans Grab des legendären CSU-Vorsitzenden bis zu 500 Besucher, die teils auch wegen der kunsthistorisch bedeutenden Rokoko-Kirche herkommen. Souvenirjäger lassen mitunter einen Kranz mitgehen. Auch die Fensterscheiben der Gruft wurden schon mehrmals eingeworfen.

Jetzt aber ist Ungeheuerliches passiert, und schuld daran ist ausgerechnet der Freistaat Bayern: Weil Strauß-Sohn Max Josef pleite ist und sich derzeit in Augsburg wegen Steuerhinterziehung vor Gericht verantworten muss, pfändete das Finanzamt München nicht nur seine Münchner Villa und andere Besitztümer, sondern auch die Gruft seiner Eltern. Diese liegt in Rott am Inn, weil von dort die Mutter stammte, und sie liegt auf einem Privatgrundstück der Familie Strauß direkt neben dem Friedhof. "Für mich ist das so unwürdig", sagt Bürgermeister Maier mit düsterer Stimme. "Irgendwo hat alles seine Grenzen. Das macht doch auch keinen Sinn."

"Verstoß gegen die Pietät"

Was Maier nur leise sagt, bricht sich bei anderen in der CSU Bahn in heller Empörung; man hört an diesem Mittwoch Stellungnahmen, wie sie in dieser Schärfe völlig unüblich sind. Landtagspräsident Alois Glück zum Beispiel verdammt den lästerlichen Verwaltungsakt als pietät- und kulturlos: "Ich wäre ähnlich empört, wenn es um das Grab eines normalen Bürgers ginge." Auch der ehemalige CSU-Chef Theo Waigel spricht von einem "beispiellosen Verstoß gegen die Pietät".

Noch viel schärfer gehen ehemalige Vertraute von Franz Josef Strauß mit den Verantwortlichen ins Gericht. "Es ist ein Skandal", schimpft der CSU-Bundestagsabgeordnete Peter Gauweiler in seiner Anwaltskanzlei. Für ihn war Strauß eine Ikone.

Strauß hat ihn, den schneidigen Münchner Ordnungsreferenten, 1986 in sein Kabinett geholt, nach dem Tod des Meisters begann Gauweilers Abstieg, der 1994 mit seiner Entlassung als bayerischer Umweltminister endete - eine Entscheidung, die Gauweiler dem jetzigen Kabinettschef Edmund Stoiber bis heute nicht verziehen hat.

"Das ist eine solche Saubande", schimpft Gauweiler, und es ist nicht recht klar, wen er eigentlich meint: die Verwaltung, die die Pfändung angeordnet hat, oder die politische Führung, die nicht dagegen eingeschritten ist.

Im Einklang mit den gesetzlichen Bestimmungen

Noch enger als Gauweiler war Wilfried Scharnagl mit Strauß verbunden. Der langjährige Chefredakteur des CSU-Organs Bayernkurier war sozusagen das Alter Ego von Strauß. "Er schreibt, was ich denke und ich denke, was er schreibt", hat Strauß über ihn gesagt. Scharnagl, ein scharfzüngiger Analytiker, ringt am Telefon nach den richtigen Worten. "Unfassbar", presst er hervor, "das ist ein Verlust jeden menschlichen Anstandes."

In Altötting, in seinem Hotel "Post" reagiert ein anderer alter Strauß-Gefolgsmann ganz ähnlich. "Das ist ja makaber", sagt Gerold Tandler, "die können doch nicht einfach eine Gruft versteigern mit Franz Josef Strauß drin, das ist doch unmöglich." Für kurze Zeit war Tandler auch einmal bayerischer Finanzminister. Dass man auch Totengrüfte pfänden kann, hat er aber bis Mittwoch genauso wenig gewusst wie die meisten anderen Befragten. "Auf die Idee, mich über die Eigentumsverhältnisse der Gruft von Franz Josef Strauß in Rott zu informieren, wäre ich nie gekommen", sagt der Polit-Pensionär.

Bayerns zuständige Finanzbeamte hingegen haben es getan, und sie haben sich dabei zweifellos im Einklang mit den gesetzlichen Bestimmungen befunden. "Ich sehe keinerlei Veranlassung, die Korrektheit des Verfahrens in Frage zu stellen", sagt Finanzminister Kurt Faltlhauser.

Unangenehme Fragen an den Ministerpräsidenten

Eine ganz andere Frage freilich ist, ob die Behörden so vorgehen mussten und ob es jemanden gibt, der das hätte verhindern können oder sollen. Die Beamten selber, im Rahmen des Ermessensspielraums, den sie in dieser Frage haben? Oder die Politiker, wenn sie davon erfahren?

Und das ist der andere Strang dieser Geschichte, einer, der für Edmund Stoiber noch große Unannehmlichkeiten bringen könnte. "Man wird sicher klären müssen, ob das ein Berichtsvorgang war", sagt Theo Waigel.

Dasselbe verlangt auch der ehemalige Justizminister Alfred Sauter, von Stoiber 1999 als Bauernopfer in der Affäre um die landeseigene Wohnungsbaugesellschaft LWS gefeuert und seither einer von Stoibers Initimfeinden in der CSU. Er richtet eine förmliche Anfrage an den Landtag - und trifft damit ins Herz der eigenen Führungsspitze. "War die Staatsregierung von diesen Pfändungsmaßnahmen informiert und wenn ja, auf welche Weise?"

Damit ist der Vorgang hochoffiziell, Staatskanzlei und Finanzministerium werden sich dazu äußern müssen. In der Staatskanzlei ist man sofort aufs Höchste alarmiert. In CSU-Kreisen kursiert tagsüber die Version, Strauß-Tochter Monika Hohlmeier habe versucht, mit Stoiber über die Pfändung der Familiengruft zu reden, doch Stoiber habe sie abgewimmelt. Eine Bestätigung dafür ist zunächst nicht zu bekommen.

Im Regelfall bestens informiert

Am Mittwochabend dann lässt Stoibers Sprecherin Dorothee Erpenstein wissen, es habe vor etwa zwei Wochen ein persönliches Gespräch Hohlmeiers mit dem Ministerpräsidenten gegeben. Stoiber habe sich dabei verwundert über das Vorgehen der Finanzbehörden gezeigt. Unternommen hat er aber offenbar nichts.

"Es gibt kein Verfahren, über das die sich nicht akribisch berichten lassen", sagt Peter Gauweiler - und "die" sind für ihn Stoiber und seine Leute. Auch Sauter stichelt: "Es wird so sein wie immer - die Staatsregierung ist im Regelfall bestens informiert, und wenn es kritisch wird, hat sie nichts gewusst."

Kühl und emotionslos hatte Stoiber, als er 1993 Ministerpräsident wurde, den Ballast der Strauß-Ära abgeworfen. So, als ob er nie ein wichtiges Rädchen in diesem System gewesen wäre. Dass Strauß jahrelang Gelder aus einer privaten Stiftung kassierte, erfuhr man erst dadurch, dass Stoiber öffentlich bekundete, er selber werde diese Praxis nicht fortsetzen. Stoiber inszenierte sich als Saubermann, der mit dem byzantinischen Treiben am Hofe Strauß Schluss machte, obwohl er dort lange Jahre der Hausmeier war.

Abwehrreflexe im Stoiber-Lager

Wenn einer wie Gauweiler verlangt, die politische Führung hätte die pietätlose Pfändung stoppen müssen, sorgt er im Stoiber-Lager sofort für Abwehrreflexe. Ja und dann, heißt es dort, was wäre denn dann gewesen? Dann hätte es geheißen, die Staatsregierung mische sich in die Belange der Justiz ein.

Wer für die Pfändung der Grabstätte verantwortlich ist, war zeitweise unklar: Das Finanzamt Rosenheim wies jede Zuständigkeit von sich, die Oberfinanzdirektion München verweigerte unter Berufung auf das Steuergeheimnis die Auskunft: "Wir würden so etwas nicht tun", beteuerte aber eine Sprecherin der Behörde. "Wenn wir eine Immobilie pfänden, dann nur, um damit Erlös zu erzielen." Später informierte das Zentralfinanzamt München dann den Wirtschaftsprüfer Werner Wenzel, der für Strauß tätig ist, die Pfändung sei aufgehoben.

Ein turbulenter Tag nimmt seinen Lauf. Am Nachmittag verlangt die CSU-Fraktion einstimmig, nicht nur auf die Vollstreckung zu verzichten, sondern auch die Pfändung selber rückgängig zu machen. Finanzstaatssekretär Franz Meyer verspricht, er werde sich darum kümmern. Dann kommt Monika Hohlmeier in den Sitzungssaal der Fraktion. Unter Tränen berichtet sie, soeben habe sie von der Gemeinde Rott am Inn erfahren, dass die Pfändung der Totengruft wieder aufgehoben worden sei.

© SZ vom 22.01.2004
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