Winter in München Stimmung über dem Gefrierpunkt

"Vorsicht Dachlawinen": Diese Warnung war in diesem "Winter" überflüssig.

An diesem Samstag beginnt der meteorologische Frühling - der sich in diesem Jahr nahtlos an den Herbst anschließt. Viele können sich mit den milden Temperaturen gut arrangieren. Biergärten und Eisdielen verzeichnen ein rekordverdächtiges Besucherplus, Vögel balzen und die Heizkosten sinken. Eine Bilanz des Münchner Winters.

Von Josa Mania-Schlegel und Martin Hammer

"Wer wissen will, wie das Wetter ist, möge aus dem Fenster sehen" - diesen Rat legte einst Max Goldt all jenen nah, die sich zu sehr mit den Schwankungen der aktuellen Wetterlage aufhalten. Der fast völlig schneefreie Winter lässt sich so banal aber nicht verabschieden.

Eine Bilanz zum Frühlingsbeginn: Zum Wetterrekord hat es nicht gereicht, aber immerhin zu Platz zwei. Mit 3,7 Grad Durchschnittstemperatur war dieser Winter wärmer als fast alle anderen in den vergangenen 60 Jahren - mit Ausnahme von 2006/07. Frosttage gab es laut Deutschem Wetterdienst gerade einmal 35, im Schnitt sind es sonst 58. Und als richtigen Eistag, an dem die Temperatur nicht über null Grad steigt, haben die Meteorologen nur einen einzigen Tag zu bieten, den 30. Januar. Dafür 308 Sonnenstunden, 50 Prozent mehr als normal.

Trotz der frühen Frühlingsgefühle: Offiziell ist der Winter erst am 1. März beendet. Zumindest aus meteorologischer Sicht, denn die Wetterexperten rechnen die Jahreszeiten zur Berechnung von Klimadaten in ganzen Monaten. Der astronomische Frühling, der identisch mit dem kalendarischen Frühling ist, beginnt erst, wenn die Sonne im Zenit über dem Äquator steht. In diesem Jahr ist es am 20. März um 17.57 Uhr MEZ soweit. Ausschließen will auch der Wetterdienst nicht, dass es nochmal schneit. Es deuten sich kältere Tage an, heißt es. Aber richtig Winter wird es wohl nicht mehr.

Der Biergarten am Chinaturm sollte eigentlich im Winter noch renoviert werden, erste Frühlingstage wollten die Betreiber höchstens im kleinen Ersatzbiergarten zelebrieren. Nach vereinzelten warmen Tagen im Januar entschloss man sich am Samstag nach dem Valentinstag aber, den Biergarten dann doch lieber früher zu öffnen. Es kamen doppelt so viele Besucher wie im vergangenen Februar - der war allerdings auch nass und kalt.

Die Zahl der Frosttage im Jahresvergleich.

(Foto: SZ-Grafik: Hanna Eiden)

So ein Nichtwinter lohnt sich auch finanziell. In einer 80-Quadratmeterwohnung mit Gasheizung ließen sich im Schnitt 116 Euro im Vergleich zu kalten Wintern sparen, hat die Verbraucherzentrale NRW ausgerechnet. Auch Autofahrer profitieren, weil der Spritverbrauch bei Kurzstrecken deutlich niedriger ist und die Klimaanlage seltener läuft. Da könnten schnell mehr bis zu 140 Euro zusammenkommen, sagt der ADAC.

Thomas Bartu macht seine Schwabinger Eisdielen zwar in jedem Winter auf, denn die Stammkunden lassen sich auch an kalten Tagen ihr Eisvergnügen nicht nehmen. Trotzdem staunte er nicht schlecht, als an einem Winternachmittag 1500 Kugeln über die Theke gingen.

Bemerkbar machte sich das Wetter auch für Marco Schum vom "Tabacladen Dallmayr". Durch Rauchverbote in den Kneipen sei der Tabakgenuss in München ja extrem beschnitten, man müsse da schon auf die schöneren Tage im Jahr hoffen. Der Griff in die Schachtel fällt einfach leichter, wenn man auf der Bierbank Platz genommen hat und nicht frierend in der Kälte qualmen muss. Acht Prozent Umsatzplus lautet die Winterbilanz des Tabacladens. Auch Zigarettenhersteller Philip Morris meldet steigende Umsätze, will jedoch keine genauen Zahlen nennen.

Temperaturextreme im Vergleich.

(Foto: SZ-Grafik: Hanna Eiden)

Der Oldtimerhandel "Alte Liebe rostet nicht" aus Neuhausen nahm den milden Winter ebenfalls mit Handkuss. Normalerweise ist das Fahren von Oldtimern im Winter ein Wagnis, da die Unterseite der historischen Karosserien nicht auf den Winterdienst von heute ausgelegt ist. Streusalz gehört zu den Todfeinden der Sammler. Doch in diesem Winter war sorgenfreier nostalgischer Fahrspaß garantiert.

Betrübt sind dagegen die Pächter der Eisstock- und Schlittschuhbahn am Nymphenburger Kanal. Nach nur acht Tagen Schießen und Schlittern in der vergangenen Saison konnte man dieses Jahr den Kanal gar nicht betreten. Eine Ausweichmöglichkeit hatte man sich mit der Kunsteisbahn in Planegg überlegt. Doch die fand längst nicht so viel Zulauf wie der geliebte Kanal. Und richtig Stimmung kam mangels Schlosskulisse auch nicht auf.