Diesmal war es wirklich die KI. Sie hat den neuen Wiesn-Wirtekrug gestaltet und niemand scheint daran Anstoß zu nehmen. Im Gegenteil: Sie wird hochgelobt für ihre Motivwahl, sie darf erzählen, wie das Werk entstanden ist, und später wird sie fotografiert.
So recht verwunderlich ist das nicht. Denn hinter „KI“ verbirgt sich nicht die Künstliche Intelligenz, sondern Katharina Inselkammer. Die Wiesnwirtin, die zusammen mit ihrem Mann, dem Wiesnwirtesprecher Peter Inselkammer, das Armbrustschützenzelt betreibt, malt selbst und liebt es, auf Flohmärkten nach schönen alten Sachen zu suchen. Erst neulich habe sie einen wunderbaren Stoff dort entdeckt und sich daraus ein Dirndl schneidern lassen, erzählt sie. Und so ähnlich war es auch mit dem Aquarell, das ihr auf einem Antikmarkt ins Auge stach: „Ich musste das einfach mitnehmen.“

Zu Hause setzte sie sich hin und veränderte den Himmel, die Farben der Kleidung und derlei mehr. Als sie das Resultat den Wiesnwirten vorstellte, waren die so begeistert, dass sie es als Motiv für ihren diesjährigen Wirtekrug wählten. Und deshalb ist am Montagabend nur von der „KI“ die Rede, und es kann gut sein, dass Katharina Inselkammer diesen Spitznamen behalten wird.
Dass die KI an diesem Abend noch eine ganz andere Bedeutung hat, versteht jeder, der die Debatte um das aktuelle Oktoberfestplakat der Stadt – das auch den offiziellen Wiesnkrug ziert – verfolgt hat. Es stand der Vorwurf im Raum, bei dessen Gestaltung habe der Künstler Florian Huber künstliche Intelligenz eingesetzt. Huber und die Stadt wiesen das zurück. Die Anspielung darauf kommt an diesem Abend immer wieder zur Sprache. Wie ein Running Gag.
Der Krug ist aber noch mehr als nur Anlass auf KI-Witze. Für Wiesnreferent Christian Scharpf (SPD) ist er „ein Stück gelebte Wiesn-Erinnerung, das Vergangenheit und Gegenwart zusammenführt“. Auch Wiesnstadträtin Anja Berger (Grüne) greift das auf. Sie kommt zu spät, betritt aber trotzdem die Bühne und spricht. Natürlich über die KI. Aber auch über den Krug, der für sie Tradition und Lebensfreude in Einklang bringe und damit die Einzigartigkeit der Wiesn ausdrücke. Die gelte es zu erhalten, sagt sie später zur SZ. Womit man unweigerlich von einem alten Bild und einer sehr menschlichen KI bei einem sehr realen Rechtsstreit landet, bei dem es – zumindest bei Stadt, Wirten und Brauereien – um nichts weniger als die Zukunft des Oktoberfestes geht. Und um die Frage, wie dessen Tradition und Geschichte bewahrt werden kann, sollte der Kläger, Wirt Alexander Egger, mit seinem Ansinnen, die großen Festzelte europaweit ausschreiben zu lassen, Recht bekommen. Einen Etappensieg vor Gericht haben die Wiesnwirte, die Stadt und die Paulaner-Brauerei bereits errungen: Die Wiesn darf heuer wie gewohnt stattfinden, der Aufbau – das stand bei der Paulaner-Festhalle und beim Schottenhamel-Festzelt zur Debatte – erfolgen.
Wie es weitergeht, ist allerdings noch offen. Am 11. September wird vor dem Bayerischen Obersten Landesgericht verhandelt, ob es eine Pflicht geben könnte, das Oktoberfest künftig europaweit ausschreiben zu müssen. Doch zunächst ist die Erleichterung an diesem Abend spürbar, dass sich zumindest heuer nichts ändert.

Auf den Tischen liegen Lebkuchenherzen der Bürgeriniative „Rettet die Wiesn“. Gesponsert hat sie wohl Armin Jumel, Schottenhamel-Stammgast und eifriger Unterschriftensammler. Mehr als 5000 Unterstützer soll er für seine Petition bereits gewonnen haben, auf 500 hatte er gehofft. Auch er ist zur Krugvorstellung geladen. Die Botschaft ist also kaum zu übersehen: Die Wiesn soll bleiben, wie sie ist. Oder zumindest so ähnlich. Denn eines könnte sich grob verändern: der Bierpreis. Der könnte gewaltig nach oben schnalzen, wenn die Brauereien das Tiefengrundwasser, das sie bisher nahezu kostenlos für die Herstellung ihres berühmten „Münchner Bieres“ verwenden, bezahlen müssen. Aber das ist ein zu ernstes Thema für diesen Abend. Es soll ja der neue Krug gefeiert werden. Den die KI gestaltet hat. Diesmal ganz rechtmäßig.

