bedeckt München 15°
vgwortpixel

Wiesn und Wasen im Vergleich:Wimmelbild mit Promis

Weinzelt Ð GoldStar TV

"Bin ich scharf?", fragt Patrick Lindner die Fotografen auf der Wiesn. Hier posiert der Schlagstar mit Ireen Sheer.

(Foto: Florian Peljak)

Das Oktoberfest ist ein Ort der barocken Freude und des geöffneten Portemonnaies. Und Patrick Lindner fragt in die Runde: "Bin ich scharf?" Ein Stuttgarter Wasen-Reporter ist einen Tag auf der Wiesn und versucht, diese Parallelwelt zu verstehen.

Die erste Erschütterung kommt weit vor München, präziser gesagt: bei der Abfahrt in Stuttgart. Dort bricht am Hauptbahnhof eine dreiköpfige Fahrgemeinschaft gen Osten auf, die sich in einer gewagten Kombination aus Bayerntrikot plus Trachtenmode zeigt. Und andersherum? Eine Gruppe Wasenfans am Münchner Bahnhof im VfB-Trikot? Im Leben nicht. Stuttgart gleicht einer Baustelle: Am Bahnhof buddelt man in die Tiefe, gräbt aber römische Öfen aus, zwei Shopping-Ungetüme eröffnen in der City, der VfB säuft ab, überall Schlamassel. Die Gesamtgemütlichkeit: nahe bei null Promille.

Wenn ein Schwabe nach München fährt, dann um zu verlieren. Es steckt tief in ihm drin, dieses Nummer-zwei-sein im Süden, dieser gebückte Gang. Und er bekommt es im ICE sofort wieder schwarz auf weiß serviert: In der Zeitschrift der Bahn findet sich eine Geschichte über Volksfeste. An Position eins wird die Wiesn als "legendär" geadelt, es folgt der Cannstatter Wasen, über den das Blatt allerdings schreibt: "Nachts erinnern die vielen bonbonbunten Lichter der Fahrgeschäfte fast an das Glitzern von Las Vegas." Schau an, das hat man selbst noch nie so gesehen - der Wasen als funkelnde Sin City. Manchmal hilft der Blick aus der Distanz, um die wahre Schönheit zu erkennen.

Rasante Verwandlung in Oktoberfestbayern

Deshalb die Dienstfahrt nach München. Heidenrespekt vor der Wiesn, weil keine Ahnung, quasi schimmerlos. Aber mit der Erwartung im Gepäck, dass Las Vegas im Vergleich zum Oktoberfest ein Mückenschiss ist. Zweieinhalb Stunden später spuckt einen der ICE in München wieder aus. Wer willens ist, kann sich am Bahnhof in Minutenschnelle in einen Oktoberfestbayern verwandeln, den man nur mit geübtem Auge vom Original unterscheiden kann. Das wollen erstaunlich viele.

Es gibt zwar jede Menge spontane Oktoberfestbayern - aber keinen Trachtenzwang auf der Wiesn. Die erste Klischeeblase: hiermit geplatzt.

(Foto: Claus Schunk)

In der Schalterhalle bildet sich rund um zwei Holzbuden ein Belagerungsring aus jüngeren Leuten. Auf der Rückwand der Buden steht "Original bavarian stuff", das nehmen die Rucksackreisenden aus Australien wörtlich. Zwischen Bretterbude und Fahrkartenautomat ziehen sie sich um, schon hat sich der "Aussie" im Trachtendiscounter für 39,95 Euro in einen Bayern verwandelt. Er grinst zufrieden: "My first time in Lederhosn!"

Noch vor der ersten Mass beschleicht einen das Gefühl, eine Parallelwelt zu betreten. Entrückt geht es weiter, das Hotel liegt malerisch an einer Ausfallstraße, hat offiziell drei Sterne, vom Komfort her eher zwei, vom Preis her eher fünf. Ja mei, die Wiesn, sagt der Münchner Kollege, und klar, wer als Besucher geizt, der offenbart sich in der Weltstadt mit Herz als absolutes Landei. Als Schwabenschotte, als Witzfigur. Die Wiesn ist ein Ort der barocken Freude und des geöffneten Portemonnaies. Also, auf geht's!

Statistik - Die Wiesn in Zahlen

Wie viele Besucher hat die Wiesn ? Und wie viel Bier wird hier getrunken? Die Statistik zum Münchner Volksfest.

Startschuss auf der Wirtsbudenstraße. Wer diese Gasse einmal auf und ab marschiert und in jedem Zelt eine Mass trinkt, verlässt das Oktoberfest mit den Füßen voraus. Beidseitig der schnurgeraden Straße gibt es 14 Festzelte und damit genau so viele Möglichkeiten zum Einkehrschwung. Nur wo hinein? Zur Fischer Vroni? Oder ins Armbrustschützenzelt oder doch in die Augustiner-Festhalle?

Erste Klischeeblase: geplatzt

Erster Einblick: in die Ochsenbraterei, wo sich vor der Ochsensemmel-Ausgabestelle schon eine Schlange bildet. Gerade schweigt die Kapelle, und an den Tischen herrscht eine redselige Geselligkeit, die noch keine Anzeichen von Enthemmung zeigt. Außerdem bietet sich hier eine Gelegenheit zur kostenlosen Nachhilfe in Trachtenkunde: Rund um die Biertische hängen bemalte Holzfiguren im historischen Gewand, und so sieht man, wie eine Chiemseerin ausschaut, ein Altmünchner oder eine Dachauerin. Das Publikum ist bunt zusammengewürfelt, wobei viele Leute in Zivil gekommen sind. Jeans, T-Shirt, Pulli - die Wiesn ist frei von Trachtenzwang. Eine Klischeeblase zerplatzt.

Weiter geht's. Pflichtbesuch im Hofbräuzelt, schon um zu überprüfen, ob sich an der Harfe des Engel Aloisius, der hier an der Decke schwebt, wirklich so viel Unterwäsche ansammelt. Stimmt tatsächlich, manchmal muss es beim Ausziehen rasch gehen, ob beim Trachten-Aldi oder in anderen Momenten. Im Hofbräuzelt brodelt es übrigens am Spätnachmittag schon, und es bedarf der Gelassenheit eines Wiesn-Veterans, um jetzt noch in voller Tracht durch die engen Gänge zu spazieren, wobei der Herr seine Nordic Walking-Stöcke im Takt der Musik auf den Holzboden donnert. Unweigerlich beschleicht einen der Gedanke an eine Kuh, die stoisch beim Almabtrieb ihren Weg findet und stur geradeaus schaut.

Aber das ist eine krude Fantasie. Raus aus dem Zelt, in dem der FC Betrunken München ein Prosit der Gemütlichkeit röhrt und zu einem der zahllosen Imbisse. Wer sich Mühe gibt, findet hier bestimmt auch einen Tofuburger, aber beim Oktoberfest gibt es keinen Veggie Day. Die Fleischeslust ist enorm: Wurstbraterei, Ochsenbraterei, Kalbsbraterei, Entenbraterei. Als Tier empfiehlt es sich - wenn möglich - einen Bogen um das Fest zu machen.

Zur SZ-Startseite