Oktoberfest:Die woke Wiesn

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Oktoberfest: Klischees als Anreiz zum Einsteigen: An manchen Fahrgeschäften, wie hier einem Autoscooter, gibt es das noch. Aber das Bewusstsein für Sexismus hat auch auf der Festwiese spürbar zugenommen.

Klischees als Anreiz zum Einsteigen: An manchen Fahrgeschäften, wie hier einem Autoscooter, gibt es das noch. Aber das Bewusstsein für Sexismus hat auch auf der Festwiese spürbar zugenommen.

(Foto: Robert Haas)

Keine sexistischen Lieder und anstößigen Dekorationen mehr, nachhaltige und vegane Küche, viele Angebote für die schwule und lesbische Community: Wie sich das Oktoberfest wandelt - und warum.

Von Franz Kotteder

Was ist da eigentlich los, da draußen auf der Festwiese? Große wie kleine Festzelte überschlagen sich förmlich darin, Klimaziele einzuhalten, ja überzuerfüllen. Das Repertoire der Musikkapellen wird durchforstet auf der Suche nach unzüchtigen Liedern, die Anstoß erregen könnten. Den Ballermann-Hit von der Puffmutter "Layla" spielt man vielleicht noch bei der Landestagung der Jungen Union in Hessen, aber nicht mehr auf dem Oktoberfest. Und statt fetter Schweinshaxn kommen vegane Würstl auf die Zeltkarte. Währenddessen werfen Schausteller kritische Blicke auf die zum Teil Jahrzehnte alte Deko ihrer Fahrgeschäfte, ob da nicht irgendwo ein blanker Busen blitzt. Und ein seit mehr als 70 Jahren auf der Wiesn stehendes, sehr gemütliches Kaffeezelt mit dem Namen Café Mohrenkopf heißt neuerdings Café Theres, "weil der Name nicht mehr zeitgemäß ist", wie die Besitzerin Katharina Wiemes mit Recht feststellt.

Ist die Wiesn plötzlich "woke" geworden? Stimmt das Klischee nicht mehr, das viele Wiesnhasser hegen: dass das Oktoberfest nur ein arg in die Länge gezogenes Dauerbesäufnis von sechseinhalb Millionen grenzdebiler Andreas-Gabalier-Fans ist, die sonst keinen Platz finden, wo sie ihre Billigdirndl und Discounterlederhosen auftragen könnten? Hat man auf dem Festgelände jetzt die Achtsamkeit entdeckt, muss man sich dort nun gesund ernähren und darf man nicht mal mehr im Bierzelt sagen, was man ja wohl noch sagen darf?

Nein, soweit ist es dann doch nicht. Man muss sich noch nicht übermäßig wundern oder sich - wenn man recht konservativ und traditionell ist - gar Sorgen machen. Wiesnchef Clemens Baumgärtner (CSU) und Wirtesprecher Peter Inselkammer verwenden in ihren Ansprachen keineswegs schon den Glottisschlag, also jene Pause beispielsweise zwischen "Münchner" und "innen", wenn man Personengruppen gendergerecht benennen will. Aber immerhin freut sich Baumgärtner beim Vorab-Rundgang mit der Presse, mild ironisch lächelnd, über eine neue Schießbude, an der mit Pfeil und Bogen gearbeitet wird: "Und alles ohne Indianer, richtig politisch korrekt!" Wäre ja auch ein PR-Desaster gewesen, wenn ausgerechnet jetzt irgendwo ein Winnetou in der Deko zu sehen gewesen wäre.

Der Wiesnchef ist da inzwischen ein bisschen empfindlich geworden. Erst im Juni war zum wiederholten Male die Empörung hochgekocht über eine private Website zum Oktoberfest, die sich offiziös gibt und meint, Ratschläge für Wiesnbesucher geben zu müssen. Da hieß es dann zum Beispiel: "Nicht jeder Besucher des Oktoberfest ist so tolerant, dass er sich über schwule Männerpaare freuen kann." Zurückhaltung sei deshalb anzuraten.

Den "Gay Sunday" gibt es seit 1977

Da war natürlich allerhand los. Die Stadt sah sich genötigt, energisch zu dementieren, und Baumgärtner nutzte die erste offizielle Wiesn-Pressekonferenz der Stadt Anfang August zu der knallharten Ansage: "Die Wiesn ist nicht homophob!"

Ist sie ja auch nicht. Das schönste Beispiel dafür ist eine Traditionsveranstaltung im besten Sinne, und zwar am ersten Wiesnsonntag. Da gibt es nämlich nicht nur den Trachten- und Schützenzug quer durch die Stadt, sondern auch den "Gay Sunday" in der Bräurosl, an dem Schwule und Lesben das Zelt füllen. Den "Gay Sunday" gibt es seit 1977. Nur ein paar Jahre davor hatte Franz Josef Strauß, der Große Vorsitzende der CSU, in Berlin noch Beifall geerntet für die Aussage: "Lieber ein kalter Krieger als ein warmer Bruder!"

Der Schwulentreff in der Bräurosl war aber auch kein Projekt des Festwirts Willy Heide. Der hatte eigentlich gedacht, hinter dem "Münchner Löwen Club", der in seinem Zelt gleich ein größeres Kontingent reservieren wollte, stecke ein Fanclub des TSV 1860. Der MLC aber war ein Zusammenschluss junger Männer, die auf Ledermontur und Motorradkluft standen. Heide war dann recht überrascht. Aber man freundete sich schnell an, Willy Heide schätzte die "Men in Black", wie er sie bald nannte, sehr. Und schon bald kamen nicht nur die Fetischkerle in die Bräurosl, sondern die halbe schwule und lesbische Community aus München und Umgebung.

Inzwischen gibt es, ganz neu, auch noch den "Rosl Montag" am ersten Wiesnmontag von 13 Uhr an in der Bräurosl. Schon länger versammelt man sich am zweiten Montag zur "Prosecco-Wiesn" in der Fischer-Vroni. Und der letzte Tag wird traditionell im Schottenhamel-Festzelt gefeiert. "Wo? Dumme Frage - an der Warmküche natürlich!", so die Fan-Seite www.rosawiesn.de.

Abfallvermeidung, Wasserrecycling: Auch da tut sich etwas

Die schwule Wiesn ist also längst zur Selbstverständlichkeit geworden. Zugleich wurde sie aber auch sicherer für Frauen, darauf hat man auch lange genug hingearbeitet. Im Unterschied zum herrschenden Eindruck geht die Zahl der registrierten sexuellen Übergriffe stetig zurück. Dieser Rückgang hat sicher mit der starken Präsenz von Sicherheitspersonal auf der Festwiese zu tun. So langsam scheint sich aber auch bei vielen Männern doch die Einsicht durchzusetzen, dass eine Frau einen noch lange nicht attraktiv finden muss, bloß weil man einen Fetzen Rausch im Gesicht hat. Und widrigenfalls helfen das verschärfte Sexualstrafrecht und entsprechend sensibilisierte Security-Teams.

Bei anderen Themen kann man ebenfalls die Lenkungsfunktion der öffentlichen Hand sehen. Seit vielen Jahren schon spielen ökologische Gesichtspunkte eine immer wichtigere Rolle bei der Zulassung zur Wiesn. Mal abgesehen davon, dass auch die Festwirtsfamilien mit der Zeit gehen. Und so bemühen sich immer mehr große und kleine Zelte um Klimaneutralität, leisten Ausgleichszahlungen durch CO2-Zertifikate, forsten dadurch mal den Regenwald in Südamerika wieder auf, mal Naturwälder in Bayern. Abfallreduzierung und Wasserrecycling spielen eine wichtige Rolle. Da tut sich also was.

Ähnlich bei den Speisen, die angeboten werden. Seit das kleine Herzkasperlzelt auf der Oidn Wiesn vor Jahren als erstes angefangen hatte, vegane Gerichte anzubieten, sind eine Menge anderer Gastro-Betriebe auf dem Oktoberfest dazugekommen. Mittlerweile gibt es - auf Wunsch - sogar eine vegane Weißwurst im Hofbräuzelt. Und auch, wenn das Ziel der woken Nahrungsmittelgemeinde in Gestalt der "Aktion Hendlsauerei", die sich neuerdings "Faire Wiesn" nennt, und des Münchner Ernährungsrates, die Wiesnbesucher komplett mit biologischen Lebensmitteln zu ernähren, noch in weiter Ferne liegt: Ein Anfang ist gemacht.

Statt einem Spanferkelrücken wird gleich die ganze Sau geordert

Derzeit ließe sich die Nachfrage so gar nicht decken, weil es nicht genügend Biobetriebe gibt, die zum Beispiel 435 000 Hendl für eine Wiesn liefern könnten. Aber in den Zelten achtet man inzwischen mehr darauf, ob die Tiere zum Beispiel artgerecht aufgezogen werden. Und auch im Käferzelt gibt es vegane Pflanzerl statt Foie gras. Und Küchenchef Andreas Schinharl bestellt bei seinen Lieferanten nicht mehr nur Spanferkelrücken, sondern gleich eine ganze Sau, um sie komplett zu verwerten, wie sich das in der nachhaltigen Küche inzwischen gehört.

Ist das alles jetzt dem Zeitgeist geschuldet oder gar hässlichen Auflagen und einer "woken" Verbotspolitik, wie von konservativer Seite gerne mal insinuiert wird? Christian Schottenhamel, der zweite im Duo der Wiesnwirtesprecher, hat noch eine andere Erklärung. "Wir bieten gerne das an", sagt er, "was die Menschen haben wollen, das ist doch klar." Und dann schiebt er noch trocken nach und lacht: "Man nennt das Marktwirtschaft!"

Schottenhamel muss es wissen, denn seine Familie ist mittlerweile seit 155 Jahren mit einem Bierzelt auf dem Oktoberfest vertreten, länger als jede andere Wiesn-Dynastie. Da kriegt man zwangsläufig mit, wie so ein großes Volksfest tickt.

Die Sache mit der Marktwirtschaft ist wohl auch das ganze Geheimnis hinter der woken Wiesn. Wo sich sechseinhalb Millionen Menschen innerhalb von zwei Wochen auf engstem Raum treffen, ist zwangsläufig ein Querschnitt der Gesellschaft vorhanden. Es wäre, einerseits, angesichts des Zustands der Welt ein wahres Wunder, wenn darunter nicht ein erklecklicher Anteil Deppen wäre. Andererseits aber: Mit dem hoffentlich sehr großen Rest vernünftiger Menschen halten dann eben auch Trends Einkehr in dieses Fest, die so langsam mehrheitsfähig werden. Und das ist dann doch sogar ein Stückchen Hoffnung für jene, die die Wiesn alle Jahre wieder verachten.

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